Bedrückende Zahlen, hoffnungsvolle Aussichten: Bei der Böblinger Beratungsstelle Amila suchen noch immer zu viele Frauen Schutz vor gewalttätigen Männern. Besonders bedrohten Hilfesuchenden will der Landkreis ab 2025 eine spezielle Zuflucht bieten.
Zuhause ist man sicher. Was für die allermeisten Menschen wie eine Selbstverständlichkeit klingt, spiegelt für Zigtausende Frauen nicht die Realität wider. Im Gegenteil: Wie die Bundesregierung bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2021 vor dem Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November bekannt gab, verzeichneten die Behörden rund 143 000 Opfer von Partnerschaftsgewalt. Und das sind nur die bekannten Fälle. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies zwar einen Rückgang, verglichen mit Zahlen von vor Pandemie zeigt der Trend aber in die umgekehrte Richtung.
Die meisten dieser Fälle, in denen Mädchen und Frauen psychische, körperliche, soziale oder auch sexualisierte Gewalt erleiden, finden in den eigenen vier Wänden statt und werden von Partnern oder Ex-Partnern ausgeführt. 80 Prozent der Geschädigten sind Frauen, dreiviertel der Täter sind männlich. Bei der Böblinger Beratungsstelle bei Häuslicher Gewalt Amila finden Betroffene Tag und Nacht eine Anlaufstelle, wenn sie eine oder mehrere dieser Gewaltformen erleben.
Stand Ende August 2022 lag die Zahl der Hilfesuchenden mit 274 Personen höher als im gesamten Jahr 2021 (263). Dieselbe Tendenz ist auch bei der Zahl der Hilfegespräche sichtbar. Zwischen 1. Januar und 31. August wurden 519 Gespräche geführt. 2021 waren es insgesamt 478.
Immer mehr Anfragen bei Beratungsstelle
Trotz der leicht gesunkenen Zahlen für 2021 auch in den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg – von 1345 auf 1297 Fälle –, beobachten die Fachfrauen eine gegenläufige Entwicklung. Was daran liegt, dass nicht jedes Gewaltopfer eine Anzeige erstattet – dafür aber eher Hilfe bei Einrichtungen wie Amila suchen. „Die Scham ist hoch. Nicht wenige fürchten sich vor sozialer Isolation, finanziellen Schwierigkeiten oder davor, dass die gemeinsamen Kinder vom Vater getrennt sein könnten“, berichtet Marie Beddies, Sozialpädagogin bei Amila. Auch deshalb bestehe eine große Diskrepanz zwischen Hellfeld und Dunkelbereich.
Woher kommt der Trend, dass in den vergangenen Jahre dennoch mehr Frauen die Beratungsstelle kontaktieren? Gibt es mehr Übergriffe? Oder trauen sich Betroffene inzwischen eher, häusliche Gewalt auch nach außen kommunizieren? „Wir vermuten, dass sich das Beratungs- und Hilfeangebot in Böblingen und dem gesamten Landkreis herumspricht. Oft melden sich Frauen, die über Freundinnen oder Nachbarn zu uns gekommen sind“, sagt Nadine Walch-Krüger, ebenfalls Sozialpädagogin bei Amila. Öffentliche Veranstaltungen wie eine an das Thema geknüpfte Filmvorführung am 10. November im Filmzentrum Bären, demonstrierten eindrücklich, wie viel Informationsbedarf es in der Bevölkerung gebe: „Es entstand eine lebhafte Diskussion. Es wurde auch deutlich, dass wir nach außen sichtbar sein müssen“, betont Walch-Krüger. Erst im Frühling dieses Jahres platzierte Amila in Bussen des Stadtverkehrs Plakate, um für das gesellschaftliche Problem zu sensibilisieren.
Corona-Shutdowns haben Gewaltspirale angeheizt
Geholfen habe neben wiederholter Spenden des Vereins Inner Wheel Club auch die mediale Präsenz des Themas – speziell während der Pandemie. Experten hatten gleich zu Beginn des Shutdowns die Befürchtung geäußert, der Rückzug ins Private werde häusliche Gewalttaten befördern – und nicht nur aus der Sicht der Amila-Beraterinnen recht gehabt. „Dadurch, dass viele Paare und Familien auf engstem Raum zusammenkamen, stieg das Konfliktpotenzial. Finanzielle Sorgen, zum Beispiel durch Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust und die soziale Isolation taten ihr Übriges“, erklärt Nadine Walch-Krüger. Nun, da Weihnachten und damit einige Feiertage vor der Tür stehen, rechne man mit einer Steigerung der Anfragen.
Dabei müssten Männer nicht zwingend körperlich gegen ihre Partnerinnen vorgehen, auch Stalking spielt eine Rolle. Dabei kontrollieren Männer ihre Partnerinnen während der Arbeit, installieren Spionage-Apps auf Handys, orten sie per GPS oder rufen unentwegt an. Manchmal, so Walch-Krüger, passen Männer ihre Ex-Partnerinnen ab oder dringen in ihre Wohnungen ein. Dann läge die Hemmschwelle zu gewaltsamen Übergriffen gefährlich niedrig. So unter anderem kämen Zahlen zustande, dass in Deutschland alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird.
Wann gibt es im Kreis wieder ein Frauenhaus?
Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, sind auf Schutzräume angewiesen. Im Landkreis Böblingen jedoch gibt es aktuell keine Möglichkeit, in ein Frauenhaus zu flüchten. Im Jahr 2011 wurde die damalige Einrichtung geschlossen – und seither ist kein Ersatz gefunden worden. Dies könnte sich allerdings ändern.
Bis zum Jahr 2025, teilt das Böblinger Landratsamt mit, soll es gelingen, ein neues Frauenhaus zu gründen. Es soll dann vom Verein Waldhaus betrieben werden und 16 Plätze für Frauen und Kinder bieten, die Schutz suchen.
Wo es Hilfe gibt
Partnerschaftsgewalt
Gewalt kann in verschiedenen Formen stattfinden: Physisch, psychisch, sozial, finanziell und sexualisiert.
Opfer
Frauen werden überproportional oft Opfer von häuslicher Gewalt. Die Kriminalstatistik der Polizei 2021 hat für die Landkreise Böblingen und Ludwigsburg insgesamt 1345 Opfer registriert. Der überwiegende Teil ist weiblich.
Tatverdächtige
Von präsidiumsweit 1089 Tatverdächtigen waren laut polizeilichem Sicherheitsbericht 844 männlichen Geschlechts und 245 weiblich.
Femizide
Gezielte Morde an Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen werden wissenschaftlich als Femizide bezeichnet.
Kontakt
Die Böblinger Beratungsstelle Amila ist erreichbar unter der Telefonnummer 0 70 31/63 28 08. Das Notruftelefon (werktags ab 20 Uhr, wochenends und an Feiertagen) unter der Nummer 0 70 31/22 20 66. In akuter Not hilft auch die Polizei: 110.