Immer häufiger werden Ärzte Opfer von Patienten-Gewalt. Foto: dpa

Gewalt gegen Klinikpersonal ist längst ein Problem. Jetzt sehen sich zunehmend auch Arztpraxen bedroht. Mediziner und Mitarbeiter versuchen, sich darauf einzustellen.

Güglingen - Ein Spätnachmittag im vergangenen August in Güglingen, Landkreis Heilbronn. Ein junger Mann betritt die Arztpraxis von Monika Hamann. Am Empfang sitzt eine Auszubildende und weist darauf hin, dass die Praxis gleich schließe. Er brauche Hilfe, aber niemand wolle ihm helfen, erwidert der Mann. Seine Hand tue so weh.

Weil er immer lauter wird und eine drohende Haltung einnimmt, kommt eine erfahrene medizinische Fachangestellte zu Hilfe. Erst sie bemerkt, dass der Mann ein Schwert an der Hüfte trägt. Plötzlich herrscht Alarmstufe Rot. Die Mitarbeiterin, eine resolute Person, führt den zeternden Mann weg vom Empfang und weist ihm einen Warteplatz vor dem Verbandszimmer zu. Dann informiert sie die Chefin: „Ich glaube, wir brauchen die Polizei.“

Monika Hamann (58) ist eine erfahrene Ärztin und nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Im Verbandszimmer befragt sie den Mann und schaut nach seiner Hand. Die trägt viele Wundklammern, ist stark geschwollen und entzündet. In diesem Moment, sagt Hamann, habe sie keine Angst gehabt. Mit der Hand kann er uns sowieso nichts anhaben, habe sie gedacht. Die Polizei ruft sie nicht.

Ein Glas Cola als Rettung

Die Medizinerin erfährt: Der Schwertträger, Sohn einer Patientin, hat sich bei einem Besuch in seiner thailändischen Heimat die Hand verletzt, wurde dort offenbar unzureichend versorgt und in Deutschland ein zweites Mal operiert. Sie habe ihm klargemacht, dass er schnell wieder ins Krankenhaus müsse, weil er sonst den Arm verliere könne. In der Praxis könne sie nicht helfen.

Im Lauf des Gesprächs beruhigt sich der Mann. Als Hamann ihm ein Glas Cola anbietet, strahlt er übers ganze Gesicht. „Da wusste ich, die Situation ist entschärft.“ Sie ruft ein Taxi, das den Mann ins Krankenhaus bringt. Erst am Abend wird Hamann klar, wie gefährlich die Situation eigentlich war. „Wir waren dem Mann richtig ausgeliefert.“ Es ist der 16. August 2018. In den Nachrichten läuft als Topmeldung, dass ein Arzt in seiner Praxis in Offenburg mit einem Messer erstochen und eine Mitarbeiterin verletzt wurde. Mutmaßlicher Täter sei ein Flüchtling aus Somalia. Hamann läuft es kalt den Rücken herunter.

75 Praxen sind jeden Tag betroffen

Über Gewalt gegen Klinikbeschäftigte wird schon seit Längerem berichtet. Dass auch Praxen Übergriffen ausgesetzt sind, ist vergleichsweise neu. Aber die Zahlen ­haben es bereits in sich. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung kommt es täglich in mindestens 75 Fällen zu körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Mediziner und deren Praxisteams. Weitaus häufiger ist verbale Gewalt mit 2870 Fällen.

„Die Zunahme der Gewalt ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem, nicht nur in Deutschland“, sagt Werner Baumgärtner, Vorstandschef des Ärzteverbands Medi. Werte im gegenseitigen Miteinander hätten sich verändert. Vermittelt werde zudem „ein falscher Freiheitsbegriff, wonach jeder ein Anrecht auf alles hat und machen kann, was er will“. Problematisch sei auch „eine unkoordinierte Migration, die ein Wachstum der sozialen Randgruppen fördert“. Lehrer und Polizisten seien besonders betroffen, aber eben auch Ärzte und ihre Mitarbeiter, so der Stuttgarter Mediziner. Um Praxisteams auf kritische Situationen vorzubereiten, bietet der Medi-Verband seit 2018 Deeskalationskurse an. „Ein Team kann sich besser schützen als ein Einzelner, das muss für den Ernstfall eingeplant und geübt werden“, sagt Baumgärtner. Die Kurse seien meistens ausgebucht, „weil die Nachfrage so groß ist“.

Polizist rät: Nicht den Helden spielen

Armin Marx (59), Polizeihauptmeister aus Sinsheim, bringt Ärzten und Medizinischen Fachangestellten (MFA) in den Kursen bei, wie man sich in Gefahrensituationen verhält. Wichtig sei zunächst, sich überhaupt mit dem Gedanken zu befassen, dass es im Praxisalltag jederzeit zu Gewalterfahrungen kommen, dass also jemand herumbrüllen, handgreiflich werden oder sogar eine Waffe zücken kann.

Es gehe darum, sich nicht überrumpeln zu lassen und so gezielter handeln zu können, erklärt Marx. Auf aggressives Verhalten solle man ruhig und bestimmt reagieren, keinesfalls mit Gegenaggression. Für den Fall, dass eine Eskalation drohe, könne man im Team ein Codewort vereinbaren, um Verstärkung zu organisieren. Frauen in den Kursen bringt der Polizist auch einfache Verteidigungstechniken bei. Er ermutigt sie, diese auch einzusetzen. Sie dürften beispielsweise Personen wegstoßen, die sich vor ihnen aufbauen. „Das ist auch schon Gewalt, wenn jemand das macht. Bis hierher und nicht weiter, das darf ich in so einer Situation signalisieren“, sagt Marx. Allerdings rät der Polizist dazu, sich nicht zu überschätzen. „Wenn es wirklich gefährlich wird, sollte man nicht den Helden spielen, sondern die Flucht ergreifen.“

„Wir wissen jetzt, dass wir uns verteidigen dürfen“

Monika Hamann hat mit ihrem Team auch schon am Training teilgenommen. Allen habe es geholfen, sich mental auf gewalttätige Kundschaft vorzubereiten und Notfälle durchzuspielen, sagt die Ärztin aus Güglingen. „Wir müssen lernen, auch das Negative zu sehen, es sind uns nicht mehr alle Menschen wohlgesonnen“, sagt Hamann. Und: „Wir wissen jetzt, dass wir uns verteidigen dürfen, wenn man uns angeht.“ Das gebe Sicherheit.

Vom Schwertträger hat sie nie wieder ­etwas gehört.

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