Die idyllischen Seen in Oberschwaben leiden – viele drohen sogar zu versiegen. Gegen die schleichende Umweltkatastrophe stemmt sich ein Mann. Er hat eine Mission.
Altshausen - Seinen Lieblingssee verrät Albrecht Trautmann nicht. Oft bis in den November hinein geht er dort frühmorgens schwimmen, wenn der See nach der kühlen Nacht dampft und der Steg in der Morgensonne glitzert. „Fast immer bin ich allein, dann entfaltet der See seine ganze Magie“, schwärmt er.
Seen üben auf den Menschen eine große Anziehungskraft aus, in Oberschwaben mit seinen 2300 Eiszeitseen und Weihern werden sie oft als glitzernde Juwelen oder als Freudentränen Gottes bezeichnet. Für Albrecht Trautmann sind sie zum Lebensthema geworden. Vor knapp 30 Jahren war der gelernte Agraringenieur gerade als Entwicklungshelfer aus Afrika zurückgekehrt, da suchte man jemanden, der die blauen Augen Oberschwabens retten sollte – denn vielen Seen zwischen Bussen und Bodensee ging es schlecht, sehr schlecht. Trautmann nahm den Job und wurde Herz und Seele des „Aktionsprogramms zur Sanierung oberschwäbischer Seen“, das heute beim Landratsamt Ravensburg angesiedelt ist und das bei Land und Kommunen viel Unterstützung findet. Im Januar ist Schluss, dann wird er 64 Jahre alt und geht in Altersteilzeit.
Ein schleichendes Desaster
Gebraucht würde er immer noch. Denn viele der rund 4500 baden-württembergischen Seen und Weihern (damit bezeichnet man künstliche Gewässer, die einen regulierbaren Ablass haben) leiden. Das erste Problem ist die Verlandung. Es handelt sich zwar um einen natürlichen Prozess, wenn Pflanzen absterben und sich als Schlamm am Seegrund anhäufen. Doch dies habe sich durch menschengemachte Erosion enorm beschleunigt, sagt Trautmann – viele Seen in Oberschwaben würden ohne Sanierung innerhalb weniger Jahrzehnte verschwinden. Am idyllisch gelegenen Buchsee bei Blitzenreute lässt sich das gut beobachten: Die Wassertiefe liegt nur noch bei 1,7 Metern; die Schlammschicht aber ist zwölf Meter hoch. „Da hilft nur noch, den Schlamm abzupumpen, doch das ist immens teuer“, meint Trautmann.
Das zweite Problem ist der Fischbestand: In manchen Weihern fressen riesige Welse und Hechte fast alle Küken der Wasservögel auf – ein ökologisches Desaster im Verborgenen. Am verhängnisvollsten ist der Dünger, der von den Äckern und Feldern in die Gewässer geschwemmt wird. Er fördert das Wachstum der Wasserpflanzen und damit wieder die Verlandung. Und er führt, wie in diesem heißen Sommer, zum starken Anstieg der Blaualgen; auch am Altshauser Weiher schwappt der schmierige Film ans Ufer.
Albrecht Trautmann hat nur einen Bruchteil der oberschwäbischen Gewässer unter seinen Fittichen; knapp 100 sind derzeit im Programm. Jene, die von sauberem Grundwasser gespeist werden, benötigen keine Hilfe. Und viele Kommunen zögern. Sie müssen die Sanierung umsetzen und teilweise bezahlen. Albrecht Trautmann ist nur der Begleiter: Er veranlasst Analysen, erarbeitet ein Konzept, berät, sucht nach Zuschüssen und kontrolliert.
Wasser ablassen und reinigen
Der kleine Ort Altshausen ist seit dem Beginn, also seit 1989, dabei. Fast alles, was man tun kann, wurde am Altshauser Weiher, der auch als Freibad genutzt wird, getan – so wurde das Gewässer 2004 nach mehr als 100 Jahren erstmals wieder abgelassen (über einen künstlich angelegten Ablauf) und gereinigt. Die Entwicklung ist erfreulich: Der Phosphor-Gehalt ist heute nur noch ein Viertel so hoch wie damals. Bürgermeister Patrick Bauser sieht den Weiher mit seinem Moorgebiet als Wahrzeichen des Ortes an – neben dem Altshauser Schloss, dem Sitz des Hauses Württemberg. Und er ist traurig, dass Trautmann bald aufhört: „Er war ein unverzichtbarer Ratgeber und hing mit Herzblut an der Sache.“ Doch mit Elmar Schlecker steht zum Glück ein Nachfolger bereit.
Wie aber verhindert man das Umkippen oder Verschwinden der Gewässer? Bei Weihern sei es wichtig, dass man sie regelmäßig „sömmert“ oder „wintert“, also ablässt, was bei Naturschützern nicht nur Begeisterung auslöst. Aber dann, betont Trautmann, könne man die richtigen Fischarten ansiedeln. Zudem mineralisiere der Schlamm in Kontakt mit der Luft und werde deutlich weniger.
Teilweise legt man auch künstliche Auffangbecken neben den Seen an, damit abgeschwemmter Boden nicht in die Gewässer gelangt; in diesen Tagen wird ein solches 1000 Kubikmeter großes Becken am Rösslerweiher nahe Ravensburg eingeweiht; Trautmann nutzt den Pressetermin, um dort gleich noch einige Punkte mit den Bauleuten zu besprechen – ein Abfluss gefällt ihm noch nicht. In anderen Seen, wie dem Lengenweiler See bei Wilhelmsdorf, wurde ein Rohr verlegt, durch das übermäßig nährstoffreiches Tiefenwasser aus dem See geleitet wird.
Die Landwirtschaft wird zum Fluch
Die wichtigste Maßnahme aber ist das Gespräch mit den Landwirten. Sie sollen auf Gülle und Dünger verzichten und dafür eine Entschädigung erhalten. Doch das größte Problem im Seenrettungsprogramm sei, dass zu wenige Berater wie Trautmann zur Verfügung stehen. Zudem wurden schon 2006 die Fördersätze verringert. Damals waren rund 900 Hektar rund um Seen und Weiher extensiviert; heute sind es nur noch 500 Hektar, weil es sich für viele Bauern nicht mehr lohnt.
Es überrascht deshalb nicht, dass Albrecht Trautmann eine „schleichende Verschlechterung“ feststellt. Das liege auch an der zunehmend intensiveren Landwirtschaft – und am Klimawandel. Starkregen schwemmt mehr Boden in die Seen, Hitze lässt sie leichter kippen. „Unser Programm ist deshalb notwendiger denn je“, ist Albrecht Trautmann überzeugt. Die moralische Unterstützung des Umweltministers Franz Untersteller (Grüne) hat er jedenfalls: Im Sommer besuchte der Minister den Herzogenweiher bei Amtzell. Man habe vor 30 Jahren große Weitsicht bewiesen, so Untersteller: „Viele Seen würden heute anders aussehen ohne dieses Programm.“
Trautmann selbst kennt auch kurz vor dem Ruhestand keine Ermüdung. Beim Besuch am Altshauser Weiher sieht er, dass ein Bauer direkt bis an einen Bach Gülle ausgebracht hat, was verboten ist; das werde er melden. Vor Jahren verfolgte er eine Leitung, aus der verschmutztes Wasser floss, über mehrere Kilometer zurück bis zu einem Bauernhof; es stellte sich heraus, dass ein Silo undicht war. Selbst beim Spaziergehen kann er nicht anders, als in jeden Graben reinzuschauen; seine Frau sei schon ziemlich genervt: „Aber bei der Verschmutzung von Gewässern hört es bei mir auf, egal ob privat oder dienstlich.“
Seine Leidenschaft für die Gewässer Oberschwabens wird Albrecht Trautmann deshalb auch im Ruhestand nicht ablegen können, das weiß er selbst, auch wenn er viel mehr Zeit mit den Enkeln verbringen will. Aber seit wenigen Wochen ist er Vorsitzender der Stiftung für das Pfrunger Ried, das zweitgrößte Moorgebiet im Südwesten nach dem Federsee. Und wie könnte es anders sein: Ihm spuken schon wieder einige Projekte durch den Kopf.