Arzneimittel und Chemikalien in den Gewässern schaden den Tieren und letztlich auch den Menschen. Bisher gibt es aber kein Verbot der Einleitung. Mit Künstlicher Intelligenz kann man den Stoffen nun schneller auf die Spur kommen.
Blutdrucksenker, Reifenabrieb, Glyphosat oder Chemikalien aus Klebstoffen: Sie alle werden auch in baden-württembergischen Flüssen nachgewiesen. Das Problem ist, dass man noch viel zu wenig über die toxischen Eigenschaften dieser Spurenstoffe weiß; für sehr viele gibt es nicht einmal Grenzwerte. Und viele der bis zu 100 000 unterschiedlichen Stoffe sind noch gar nicht wirklich im Visier der Behörden. Das Umweltministerium in Stuttgart räumt ein, wie sehr es schwimmt bei diesem Thema: „Im Abwasser können sich eine Vielzahl von organischen Stoffen befinden, die nicht im Einzelnen bekannt sind. Es kann jedoch nur gemessen werden, was bekannt ist.“
Beim erst zweiten Spurenstoffbericht hat das Land im vergangenen Jahr 90 Stoffe untersucht und festgestellt, dass die Hälfte „häufig bis regelmäßig“ in den Gewässern zu finden ist. Beim Schmerzmittel Diclofenac oder bei bestimmten Röntgenkontrastmitteln werden die Referenzwerte gerissen. Die Landeswasserversorgung, die auch Donauwasser entnimmt, hat 17 Spurenstoffe identifiziert, die besonders riskant sein könnten. Bei 13 davon sind die Konzentrationen nahe oder über dem Schwellenwert für Trinkwasser – allerdings wird dieses Donauwasser noch gereinigt und gemischt, bevor es in die Wasserleitungen kommt.
Die Spurenstoffe gelangen auf verschiedenen Wegen in die Gewässer. Sie stammen zu einem großen Teil aus den Haushalten, denn Spurenstoffe können in vielen Kläranlagen noch nicht herausgefiltert werden. Der Reifenabrieb wird mit dem Regen in die Bäche geschwemmt. Auch Pestizide werden von Niederschlägen von den Äckern in die Gewässer getragen.
Ein neuer Ansatz wird nun erstmals in Blaubeuren erprobt. Schon seit fast drei Jahren läuft ein Bundesforschungsprojekt unter anderen mit der Technischen Universität München, bei dem mehrere deutsche Wasserversorger ihre Laborwerte in eine cloudbasierte Datenbank einpflegen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz können damit Anomalien in den Gewässern schnell erkannt werden, auch wenn gar nicht nach bestimmten Stoffen gesucht wird. Man muss also nicht jeden Spurenstoff einzeln testen.
Acht Kilo eines Antibiotikums im Bach
Zudem kann das Programm eingrenzen, wo die Einträge in den Fluss gelangt sein müssen. So wurde vor einiger Zeit im kleinen Bach Blau, der in Ulm in die Donau fließt, eine starke Konzentration eines Antibiotikums festgestellt. Laut Bernhard Röhrle, der Sprecher der Landeswasserversorgung, musste man von einer Menge von acht Kilo ausgehen. Das entspreche rund 20 000 Tabletten.
Bei dem Pharmaunternehmen Teva in Blaubeuren, zu dem auch die Marke Ratiopharm gehört, sind deshalb nun die Produktionsprozesse umgestellt worden. Womöglich gelangte der Stoff von dort beim Spülen der Anlagen in die Blau. Dieses Abwasser wird nun nicht mehr in den Fluss geleitet, sondern gesammelt und entsorgt. Zudem baut die Firma gerade zwei Anlagen mit neuartigem Verfahren, um das Abwasser auf dem eigenen Gelände reinigen zu können. Es sei ein Glücksfall, sagt Bernhard Röhrle, dass Teva für das Thema offen war und engagiert gehandelt habe. Er betont: „Das Unternehmen hat nichts falsch gemacht, denn es gibt keine Grenzwerte etwa für Arzneimittel. Aber dass diese Menge einem Fluss nicht guttut, ist ja klar.“
Inwieweit bei anderen Firmen ebenfalls Verbesserungen erzielt werden könnten, ist völlig unklar. Laut dem Umweltministerium klären 60 Unternehmen im Land ihr Abwasser selbst und leiten es direkt in die Flüsse; dazu gehören laut dem Umweltministerium Chemie-, Recycling-, Papier- und Metallunternehmen. Diese würden regelmäßig kontrolliert, allerdings wegen der fehlenden Grenzwerte nicht auf Spurenstoffe, teilte Friederike Lanfermann vom Umweltministerium mit.
Daneben gibt es 330 Firmen im Land, die mit riskanten Stoffen arbeiten, die in herkömmliche Kläranlagen eingeleitet werden. Diese Betriebe müssen die emittierten Stoffe an ein öffentlich einsehbares Register des Umweltbundesamtes (UBA) melden. Zur Umweltrelevanz dieser Stoffe könne man aber keine Aussagen machen, sagt Adolf Eisenträger vom UBA. Ob und wie schwer ein Stoff Flora und Faune schädige, hänge zum Beispiel davon ab, ob die Menge auf einen Schlag oder übers Jahr verteilt in den Fluss gelange und natürlich auch von der Größe des Gewässers.
Letztlich ist nicht einmal ganz klar, welcher Eintragungsweg wie relevant ist. Ein Großteil der Medikamentenreste dürfte von Bürgern stammen – wer ein Schmerzmittel oder ein Blutdruckmittel nimmt, scheidet immer Teile davon über seinen Urin ab.
Pestizide gelangen mit dem Regen in die Flüsse
Für das Land ist der Königsweg, den Spurenstoffen zu begegnen, eine vierte Reinigungsstufe in die Kläranlagen einzubauen. Meist über Aktivkohle oder über die Behandlung mit Ozon können große Teile vieler Spurenstoffe herausgefiltert werden. Mitte 2023 waren 30 von rund 850 Kläranlagen im Südwesten mit der vierten Stufe ausgestattet. Da es sich vorwiegend um große Anlagen handelt, kann bereits rund ein Viertel des Abwassers entsprechend behandelt werden.
Nicht alle Spurenstoffe können aber unschädlich gemacht werden. Röntgenkontrastmittel etwa passieren die Kläranlagen fast ungehindert. Bisher gibt es nur wenige Initiativen, in Kliniken den Urin von Patienten gesondert zu sammeln und zu behandeln.
Daneben sind diffuse Einträge, etwa über die Landwirtschaft, kaum zu verhindern, solange die entsprechenden Pestizide noch Verwendung finden. Eine Untersuchung des Bundesministeriums für Ernährung hat ergeben, dass 60 Prozent aller Proben, die nach Regenfällen in kleinen Fließgewässern gezogen worden sind, zumindest bei einem Pflanzenschutzmittel Überschreitungen gegenüber den Zielen des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz aufwiesen.