Von heute an ist Dinkelacker mit einem 7,5-Tonner in der Innenstadt unterwegs, der mit Strom betrieben wird. Eine Ladung reicht für 100 Kilometer. Foto: privat

Als eine der ersten Brauereien nimmt Dinkelacker einen Bierlaster mit Elektroantrieb in Betrieb. Mit ihm sollen zunächst Gaststätten innerhalb des Stuttgarter City-Rings beliefert werden. Ein weiterer Diesel-Lkw wird umgerüstet.

S-Mitte/S-Süd - Wer regelmäßig in der Stuttgarter City unterwegs ist, etwa auf der Königstraße oder auch am Hans-im-Glück-Brunnen, kennt das Problem: Vormittags ist in den Fußgängerzonen teilweise mehr Verkehr als auf den Straßen, verbunden mit allen zugehörigen Begleiterscheinungen, also ununterbrochen laufenden Dieselmotoren, Lärm, schlechter Luft. Die Post hat inzwischen zum Teil auf kleine elektrisch betriebene Postautos umgestellt. Zalando-Rückläufer werden in der City überwiegen per Velo-Carrier transportiert. Aber wer mehr und schwere Güter transportiert, hat ein Problem. Es gibt bis jetzt keine E-Lastwagen. Angekündigt sind sie zwar, es kann aber noch dauern, bis man sie kaufen kann. Die Familienbrauerei Dinkelacker ist trotzdem fündig geworden. Von heute an wird innerhalb des Stuttgarter Cityrings mit einem elektrisch angetriebenen 7,5-Tonner Bier an die einschlägigen Gaststätten und Kneipen ausgeliefert. Es ist – nach den Recherchen der Brauerei – der erste stromernde Getränkelaster in Deutschland.

Vorbilder im benachbarten Ausland

Die Idee für eine umweltfreundliche Belieferung der Gastronomie in der City geistert schon seit einem halben Jahr durch die Vorstandsetage der Brauerei. Vorbilder dafür hat Ralph Barnstein, der Geschäftsführer Technik und Logistik der Brauerei und selbst leidenschaftlicher E-Fahrer, im benachbarten Ausland entdeckt. In der Schweiz beliefert die Feldschlösschen-Brauerei einen Teil ihrer Kundschaft mit E-Antrieb, auch in Österreich soll es das schon geben. Aber woher die Lastwagen dafür nehmen?

In Zell unter Aichelberg werden schon seit einiger Zeit genau solche Fahrzeuge hergestellt, genauer gesagt: umgebaut. Die Firma EFA-S GmbH – Elektro Fahrzeuge Stuttgart - „hat es sich zur Aufgabe gemacht, handelsübliche Transporter markenunabhängig auf Elektrobetrieb umzurüsten“, heißt es auf der Firmen-Webseite. Die Firma hat die Problematik der City-Logistik frühzeitig als Marktlücke erkannt und ist jetzt entsprechend gut ausgelastet.

Beim Aufbau zählt jedes Kilo weniger

Für den ersten Elektro-Bierlaster reichte es aber nicht, nur den Antrieb umzurüsten. Der Aufbau solcher Getränkelastwagen muss besonderen Anforderungen genügen und ist auf den herkömmlichen Diesellastern entsprechend schwer. Beim Elektroantrieb kostet aber jedes zusätzliche Kilo Reichweite. Ist der Aufbau zu schwer, können weniger Getränke geladen werden, oder der Akku reicht nicht bis zum letzten Gastwirt auf der Stadtroute. Lademöglichkeiten für solche Lastwagen gibt es in Stuttgart bisher praktisch nicht, lediglich an der Multi-Tankstelle am Gaskessel reichen Strom und Platz für den LKW.

Die Firma Orten entwickelte in Zusammenarbeit mit Dinkelacker und EFA-S einen deutlich leichteren Getränkeaufbau, der dann von heute an seine Alltagstauglichkeit in der Stuttgarter Innenstadt beweisen muss. Die Höchstgeschwindigkeit des mit Strom betriebenen LKWs beträgt 80 Kilometer pro Stunde. Der Akku soll in der flachen Stuttgarter City für rund 100 Kilometer reichen. Volltanken beziehungsweise -laden dauert maximal vier Stunden, dann kann die nächste Auslieferungstour beginnen.

Weiterer Schritt im Mobilitätskonzept der Brauerei

Barnstein will den umweltfreundlichen Lastwagen zunächst innerhalb des Stuttgarter Cityrings einsetzen. Geladen wird der Laster in der Brauerei ausschließlich mit Ökostrom, zum Teil selbst produziert durch die Kraft-Wärme-Kopplung der Brauerei. In etwa einem halben Jahr soll der erste eigene Diesellaster von Dinkelacker in Zell unterm Aichelberg auf E-Antrieb umgerüstet sein.

Dies ist dann ein weiterer Schritt in einem neuen Mobilitätskonzept, an dem die Brauerei seit Längerem arbeitet. Im Sommer soll das neue Automatiklager auf dem Brauereigelände in Betrieb genommen werden. Dann werden die Kunden direkt von dort beliefert, wodurch etliche LKW-Fahrten entfallen. Und mit Velo-Carrier denkt Barnstein über eine veränderte Wochenendbelieferung der Gastwirte nach. In dem manchmal unberechenbaren Gastronomie-Geschäft in der Stuttgarter Innenstadt gehen den Wirten an heißen Wochenenden regelmäßig Gläser oder andere Utensilien aus, die dann per Lastwagen geliefert werden. Das könnten künftig die Lastenräder übernehmen, die inzwischen immerhin 400 Kilogramm Ladung schaffen.

Ganz neu sind mit Elektromotoren ausgestattete Bierlaster übrigens nicht. Robert Leicht, Gründer der heute zu Dinkelacker gehörenden Biermarke Schwaben Bräu, war 1897 der erste deutsche Brauer, der Bier in Lastwagen auslieferte. Und in den 1930er Jahren, als Kraftstoff knapp und teuer war, wurden auch schon Elektrofahrzeuge eingesetzt.

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