Rechtsextreme beschimpfen und bedrohen den Asperger Bürgermeister Christian Eiberger. Auslöser ist ein Gedenkkreuz für die getötete Tabitha, mit dem möglicherweise gezielt provoziert wurde. Der Rathauschef wehrt sich und bekommt viel Zuspruch.
So sommerlich es derzeit auch sein mag, mit dem gewaltsamen Tod der 17-jährigen Tabitha vor gut vier Wochen hat sich der Himmel über der Stadt Asperg verdüstert. Das Verbrechen an der Schülerin hat die Stadtgemeinschaft, die über Tage hinweg gehofft hatte, die vermisste Teenagerin noch lebend zu finden, ins Mark getroffen.
Seit dem Ende des Stadtfests vor knapp zwei Wochen, bei dem auch an die junge Frau erinnert wurde, braut sich neues Unheil über der Stadt zusammen. Ausgelöst von Rechtsextremen, die den Asperger Bürgermeister Christian Eiberger in Mails, am Telefon oder im Internet beschimpfen und bedrohen.
Was war passiert? Auslöser der Hetzkampagne waren Bilder im Netz im Zusammenhang mit einer Umplatzierung eines zwei Meter hohen, weißen Kreuzes. Dieses war wohl am frühen Sonntagmorgen des Festwochenendes von Unbekannten vor der Michaelskirche aufgestellt worden und trug die Aufschrift „In Gedenken an Tabitha“. Die Aufstellung des Kreuzes war mit dem Rathaus jedoch nicht abgesprochen worden. Und Bürgermeister Eiberger hatte mit Tabithas Familie vereinbart, dass Gedenkaktionen erst mit ihr abgestimmt würden. Was also tun mit dem Kreuz, das obendrein just an der Stelle aufgestellt war, an der später, wie am Vortag, Musiker auftreten sollten? Da dafür der Aufbau begann, stellte Eiberger das Kreuz auf dem Kirchplatz ein paar Meter zur Seite. Eine Rathausmitarbeiterin nahm die am Kreuz stehenden Kerzen und stellte sie am neuen Standort genau so wie am ursprünglichen wieder auf.
Ermittlungen des Staatsschutzes
Eine weitere bemerkte, dass Eiberger dabei gefilmt wurde. Sie machte ihn darauf aufmerksam, woraufhin er das Gespräch mit dem davonlaufenden Mann suchte. Über den Inhalt kann Eiberger wegen der laufenden Ermittlungen des Staatsschutzes nichts sagen. Nur so viel: Das Gespräch habe ihm aber das Gefühl gegeben, dass hier etwas nicht stimmt. Also ließ er das Kreuz wenig später noch einmal versetzen, es blieb zunächst aber immer noch öffentlich zugänglich. Erst aufgrund der folgenden Ereignisse entfernte es die Stadt drei Tage später ganz. „Es ist an dem Tag also eigentlich gar nichts passiert“, blickt der Rathauschef auf jenen Vormittag zurück. Doch das sollte sich ändern.
Die Vermutung liegt nahe, dass jemand darauf gewartet hatte, dass das Kreuz weggetragen würde, um diesen Moment festzuhalten und für eine rechtsextreme Kampagne zu instrumentalisieren. Beim Tötungsdelikt an Tabitha ist ein 35-Jähriger mit syrischer Staatsbürgerschaft tatverdächtig. Dass das Kreuz ausgerechnet der Bürgermeister einige Meter umstellte – Zufall. Noch am selben Tag tauchte auf dem Messagingdienst Telegram ein Foto auf, das Eiberger zeigte, als er das Kreuz an die neue Stelle trug. Und auf einem anderen ist zu sehen, wie ein vermummter Aktivist die Gedenktafel am Kreuz anbringt. Kommentiert sind die Fotos wie folgt: „Tabitha E. – Bürgermeister entfernt Denkmal.“ Es ist ein Telegram-Kanal der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB), die sich zum Aufstellen des Kreuzes bekennt. Dass dieses samt Kerzen unweit vom ursprünglichen Ort wieder aufgestellt wurde, findet dabei keine Erwähnung.
Online-Hetze gegen Bürgermeister
Auch Martin Sellner teilte den Beitrag. Er ist ein bekanntes Gesicht von IB im deutschsprachigen Raum, seinem Telegram-Kanal folgen mehr als 60 000 Menschen. Der wurde daraufhin von Hetz- und Hasskommentaren gegen den Bürgermeister geflutet. Eine neuerliche Hasswelle traf ihn am zweiten Tag nach dem Stadtfest, nachdem jemand fotografiert hatte, dass unweit des dritten Kreuzstandortes ein Dixie-Klo stand. Dann hieß es auf Telegram zu dieser Aufnahme: „Schande – Bürgermeister verbannt Tabithas Kreuz hinter Mobil-Toilette.“ Das Thema wurde in der rechten Szene aufgegriffen, etwa im Medium „Compact“, das vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird.
Bereits in der Nacht auf Montag hatte Christian Eiberger die erste E-Mail erreicht. Mehrere Dutzend folgten in den nächsten Tagen. „Es gab die ganze Bandbreite“, sagt er. Von der Nachfrage, ob sich das alles wirklich so abgespielt habe, bis hin zu Texten, die strafrechtlichen Grenzen überschritten. Seine Sekretärin fing Anrufe ab, auch aus dem Ausland. Ebenso erreichten Eiberger über Facebook Hasskommentare. Und nach wie vor sei das vereinzelt so, sagt der Rathauschef am Donnerstagnachmittag. Zusammenfassend lasse sich sagen, „dass ich als Systembüttel gesehen werde, der Massenmigration ignoriert oder vertuschen will“.
Besonders bitter ist aus seiner Sicht, dass „diese Nebenbaustelle des harten Schicksalsschlags für die Familie nicht würdig ist“. Es sollte darum gehen, Tabitha ein ehrendes Andenken zu bewahren. „Und natürlich wollen wir alle eine gerechte Strafe für den Täter. Egal, welche Nationalität er hat.“ Zudem sei die Grundbehauptung der Kampagne falsch. Schließlich habe er das Kreuz lediglich versetzt und nicht entfernt. Und der Getöteten sei beim Stadtfest gedacht worden – in einem mit der Trauerfamilie abgestimmten Rahmen. Eine Gedenkminute ersetzte den Fassanstich, das Feuerwerk wurde abgesagt. Und im Gottesdienst wurde Tabithas Tod in den Fürbitten und mit einer Gedenkkerze aufgegriffen. Die Kerze überreichte Eiberger später ihrer Familie.
Dazu entschieden, öffentlich zu der Hasskampagne Stellung zu beziehen, hat sich Eiberger, wie er sagt, um die breite Masse der Bevölkerung zu sensibilisieren. „Es geht mir nicht um Mitleid. Ich will zeigen, dass solche Bewegungen da sind, wir als Gesellschaft aber sagen: Nein, das wollen wir nicht.“ Die Reaktionen auf sein Entgegentreten seien eindeutig: „Auf der Straße sprechen mir Bürger Kraft und Mut zu.“ Viele Zuschriften erreichten das Rathaus, darunter handgeschriebene Briefe. Diese Rückendeckung tue natürlich gut. Auch kann Eiberger in der Stadtgesellschaft „keinerlei Spaltung“ in dieser Sache feststellen – im Gegenteil.