Gesunkene Schülerzahlen an Sonderschulen Bürgermeisterin spricht von Notstand

Von Inge Jacobs 

Im Unterschied zu Regelschülern brauchen manche Inklusionsschüler nicht dasselbe Klassenziel zu erreichen. Foto: dpa
Im Unterschied zu Regelschülern brauchen manche Inklusionsschüler nicht dasselbe Klassenziel zu erreichen. Foto: dpa

Wegen schrumpfender Schülerzahlen werden Leitungsstellen an Stuttgarter Sonderschulen nicht mehr besetzt. Doch vorerst sollen auch Schulen mit weniger als 30 Schülern selbstständig weiterwursteln. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer spricht von einem Notstand.

Stuttgart - Die Inklusion hat zu einem massiven Rückgang der Schülerzahlen an den Sonderschulen geführt. „Die größten Verwerfungen spielen sich bei den Sonderpädagogischen Bildungszentren (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt Lernen ab“, berichtete Philipp Forstner, stellvertretender Leiter des Schulverwaltungsamts, im Schulbeirat. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) sprach von einem Notstand. Doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht.

Die Seelachschule in Weilimdorf zählt als kleinster der insgesamt elf eigenständigen Standorte mit Förderschwerpunkt Lernen gerade mal noch 27 Schüler, der größte mit 76 Schülern ist die Haldenrainschule in Zuffenhausen. Diese und und zwei weitere der elf Standorte müssen ohne Rektor auskommen, weil das Regierungspräsidium die Stellenbesetzungsverfahren gestoppt hat. Bei Schulgrößen mit weniger als 90 Schülern darf auch das Konrektorat nicht mehr besetzt werden. Stadt und Schulen stehen vor der Aufgabe einer Neuordnung.

Mehr Lernbehinderte an Regelschulen als an Sonderschulen

Die Schrumpfung der Sonderschulen hat einen politischen Hintergrund: Seit dem Schuljahr 2011/12 dürfen Sonderschüler auch als Inklusionskinder Regelschulen besuchen – zunächst als Schulversuch, seit dem Schuljahr 2015/16 haben Eltern ganz offiziell die Wahlmöglichkeit. Und insbesondere Eltern von lernbehinderten Kindern nutzen die Möglichkeit der Inklusion. Seither zählen Inklusionskinder auch offiziell zu den Regelschulen und nicht mehr zu den Sonderschulen. Im aktuellen Schuljahr gibt es beim Förderschwerpunkt Lernen somit mehr Inklusionskinder (593) an Regelschulen als an den SBBZ, wo es insgesamt nur noch 559 Schüler sind.

Doch SBBZ-Standorte mit gerade mal 30 Schülern seien „nicht mehr handlungsfähig“, erklärte Philipp Forstner – „wir müssen Standorte zusammenfassen“. Man erwäge, aus elf vier Organisationseinheiten zu machen – „aber die sind noch nicht in Stein gemeißelt“. Die Rede ist von den Planbereichen Nord, Mitte, Süd und Ost. Derzeit seien die Schulen dabei, Rahmenbedingungen für künftige Schulstrukturen zu erarbeiten. Dabei werde man auch weitere SBBZ in den Blick nehmen, insbesondere auch jene mit dem Förderbereich emotionale und soziale Entwicklung (vorher Erziehungshilfe) so Forstner. Schüler mit diesem Förderbedarf stellen 29 Prozent aller Inklusionsschüler, im Bereich Lernen sind es 58 Prozent. Es werde auf größere Einzugsbereiche zulaufen. „Wir wollen versuchen, die Schulen und Kooperationspartner mitzunehmen“, kündigte der Schulverwaltungsamts-Vize an.

Die Fusionierung der Sonderschulen wird nicht schmerzlos vonstatten gehen

Auch die betroffenen Schulen selbst seien an einer Lösung interessiert, machte Michael Hirn deutlich, der geschäftsführende Leiter der Stuttgarter SBBZ. „Wir haben Schwierigkeiten“, sagte er. Weniger Schüler, nicht besetzte Sekretariate und Rektorate, Lehrermangel, der auch den Ganztag einschränke – „und jetzt auch noch dieser große Umstrukturierungsprozess“. Der werde nicht schmerzlos vonstatten gehen. „Wir sind unter Druck“, so Hirn. Doch auch für die Regelschulen seien Inklusionskinder eine erhebliche Herausforderung.“ Der Vorteil sei aber: „Inzwischen werden viele Kinder von Sonderpädagogen erreicht, die vorher nicht erreicht wurden.“

Im Blick auf diese Gemengelage zeigten sich auch die Stadträte ratlos. Iris Ripsam (CDU) warf ein, auf der städtischen Landkarte seien die SBBZ nicht gleichmäßig verteilt. Klar sei aber, dass die Inklusion eine extreme Belastung für die Lehrkräfte sei. Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne) bestätigte das und ergänzte, es sei eben teuer, zwei Parallelsysteme am Laufen zu halten: die SBBZ und die Inklusion an Regelschulen. Man müsse aber „im Sinne der Kinder auch Geld reinstecken“. Rose von Stein (Freie Wähler) erbat einen Bericht über Erfolg oder Misserfolg der Schullaufbahn von Inklusionsschülern. Marita Gröger (SPD) wollte wissen, wann denn über die Struktur entschieden werde. Doch da werden sich sie und die SBBZ noch gedulden müssen: „Zum nächsten Schuljahr wird noch keine Veränderung greifen“, meinte Forstner. Denn für die Änderung der Schulstruktur sei auch eine Genehmigung seitens der Kultusbehörden erforderlich.

Lesen Sie jetzt