Mehr als drei Viertel der Deutschen verfügen über keine oder nur eine geringe digitale Gesundheitskompetenz.
Die Probleme sind gewaltig. Vor allem der wachsende Hausärzte- und Fachkräftemangel, die Krankenhausstrukturreform und der demografische Wandel werden in Zukunft zu drastischen Veränderungen im Gesundheitswesen führen. Um einen Kollaps zu vermeiden, braucht es digitale Lösungen. Die reichen von digitalen Tipps für einen gesunden Lebenswandel über die Selbstkontrolle von Blutwerten und Blutdruck bis zu Arztdiagnosen via Internet, die Telemedizin und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Operationen.
Voraussetzung dafür ist, dass alle Menschen – Patienten ebenso wie das medizinischen Fachpersonal – über entsprechende digitale Kompetenzen im Gesundheitswesen verfügen. Wer kompetent sei, das betont Mark Dominik Alscher, in Personalunion Chef des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses, Vorsitzender des Vereins Digitale Gesundheit Baden-Württemberg und Sprecher des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg, habe eindeutig Vorteile: „Neben einem besseren Gesundheitszustand, einem zielführenderen Kontakt zum medizinischen Personal und dem besseren Verständnis des eigenen Gesundheitszustands nutzen Menschen mit einer hohen digitalen Gesundheitskompetenz deutlich eher Früherkennungsuntersuchungen.“
Deutschland liegt europaweit auf dem letzten Platz
Allerdings: Mit den entsprechenden Fähigkeiten hapert es noch. Denn schon in Sachen allgemeiner Gesundheitskompetenz rangiert Deutschland europaweit im letzten Drittel. Noch schlimmer sieht es bei der digitalen Gesundheitskompetenz aus. In einer Studie hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jetzt die Fähigkeiten der Bevölkerungen in Europa verglichen, Informationen für die eigene Gesundheit aus dem Internet zu nutzen. Dabei belegt Deutschland den letzten Platz: Mehr als drei Viertel der Deutschen verfügen demnach über keine oder nur eine geringe digitale Gesundheitskompetenz.
Dass es in diesem Bereich akuten Handlungsbedarf gibt, hat auch die Landesregierung erkannt. Bei einer Tagung in Brüssel hat sich die Kabinettsrunde intensiv mit dem Gesundheitswesen und notwendigen Maßnahmen zur Steigerung der normalen und digitalen Kompetenzen beschäftigt.
Auch Mark Dominik Alscher war als Gast geladen. Für Alscher steht fest, dass zwei Ziele zu verfolgen sind, um die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitswesens merklich zu verbessern: „Zum einen müssen wir die Fachkräfte, insbesondere die Ärzteschaft und die Pfleger, adäquat qualifizieren. Zum anderen müssen Bürgerinnen und Bürger an das Thema herangeführt werden.“ Die digitale Transformation im Gesundheitswesen könne nur gelingen, wenn die Digitalkompetenz aller Teilnehmer gestärkt werde. Das zu leisten sei eine strategische Aufgabe des Landes und des Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg.
Auch die allgemeine Digitalkompetenz muss gestärkt werden
Beim eigenen Personal habe das Land zumindest gewisse Steuerungsmöglichkeiten: So müsse die digitale Kompetenz ein zentrales Thema in der Aus-, Fort- und Weiterbildung in allen Berufen des Gesundheits- und Sozialwesens werden. Die Ausbildung müsse an die sich rapide ändernden Wissens- und Informationsverhältnisse angepasst werden. Dazu müssten sich alle Zuständigen aus Universitäten, Versorgungs-, Pflege- und Bildungseinrichtungen zusammentun. Auch bestehende Netzwerke, etwa die sechs Clusterregionen aus der Corona-Pandemiezeit, könnten einen Beitrag leisten, um die Digitalkompetenz möglichst schnell zu verbessern. Viele digital versierte Fachkräfte seien nicht nur notwendig, um Patienten kompetent behandeln zu können, sondern auch, um diese an die digitale Welt heranzuführen.
Die baltischen Staaten liegen weit vorne
Schwieriger ist es, das räumt Alscher offen ein, die Bürger selber besser zu qualifizieren: „Um digitale Kompetenz zu vermitteln, müssen die Menschen erst einmal überhaupt in der Lage sein, Digitalgeräte zu nutzen“ – darin sieht Alscher eine in Deutschland nicht selbstverständliche Grundvoraussetzung. In den baltischen Staaten etwa spiele der Umgang mit der digitalen Technik eine viel größere Rolle im Alltag als in Deutschland. Diesen Rückstand müsse man dringend aufholen.
Der Zugang zur Technik allein reicht natürlich nicht aus. Denn in einem zweiten Schritt müssten die Menschen lernen, die Masse der vorhandenen Informationsquellen zu sortieren und seriöse von weniger verlässlichen Quellen zu unterscheiden. Ein zentraler Aspekt dabei sei die Vertrauenswürdigkeit. Auch hier seien die Verantwortlichen gefordert: Denkbar sei, dass Ärzte oder Krankenhäuser gemeinsam Informationsplattformen schaffen oder dass die Kassenärztlichen Vereinigungen ihre Informationsportale ausbauen.
Eine weitere Erkenntnis hat bei den Bemühungen, möglichst viele Bürger zu erreichen und Hemmschwellen abzubauen, bereits erste Erfolge gebracht. Nur im Krankenhaus zu sitzen und auf Patienten zu warten sei wenig effektiv. Es habe sich bewährt, mit mobilen Informationskampagnen, etwa mit einem Digital-Health-Truck auf die Marktplätze zu gehen. Mark Dominik Alscher: „Das Interesse dort ist wirklich groß.“
Gesundheitskompetenz – ein schwieriges Feld
Zahlen
Ungenügend – das ist das Zeugnis, das die WHO der Digitalkompetenz im Gesundheitswesen in Deutschland ausstellt. Lediglich 13 Prozent der Bürger verfügen über exzellente und 11,2 Prozent zumindest über ausreichende digitale Kenntnisse. Bei 9,4 Prozent attestiert die WHO einen problematischen Wissensstand, der Anteil der Menschen mit inadäquaten Kenntnissen liegt bei 66,4 Prozent.
Definition
Was versteht man unter digitaler Gesundheitskompetenz? Diese umfasst individuelle, soziale und technische Kompetenzen und Ressourcen für das Suchen, Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden digital verfügbarer Gesundheitsinformationen. Das Konzept ist eng mit dem Ansatz des lebenslangen Lernens und des Empowerments verbunden.