Die Menschen im Landkreis sind unterschiedlich „gesund“: Nach einer Auswertung von exklusiven Daten der AOK haben die Einwohner in Hessigheim, Freudental und Kirchheim/Neckar die wenigsten Krankheiten. Das Schlusslicht ist Oberstenfeld, was aber einen plausiblen Grund haben kann.
Warum dies so ist, vermag kein Experte zu erklären. Fakt ist aber: Im Landkreis Ludwigsburg liegen die drei „gesündesten“ Gemeinden alle an der nördlichen Kreisgrenze. Die beiden rund 2500 Einwohner starken Kommunen Hessigheim (76,51) und Freudental (82,08) liegen vorn, es folgt Kirchheim/Neckar mit einem Wert von 83,79.
Die Werte ergeben sich aus der Addition der Prozentzahlen von zwölf ausgewählten Krankheiten, unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Brustkrebs, Rückenschmerzen, Herzerkrankungen und Depressionen. Die aggregierten Diagnosedaten aus dem Jahr 2021 stammen von Versicherten der AOK Baden-Württemberg, mit der unsere Zeitung für das Datenprojekt „Gesundheitsatlas BW“ kooperiert. Bis hinunter auf Postleitzahlenebene lässt sich ermitteln, wie verbreitet die Krankheiten in der Region Stuttgart und in den Kreisen sind – aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Altersgruppen, von Kindern bis zu Hochbetagten.
„Kranke“ und „gesunde“ Gemeinden
Nicht ins Bild der „gesunden kleinen Nordgemeinden“ passt aber, dass Freudentals Nachbarkommune Erligheim mit seinen knapp 2900 Einwohnern den drittschlechtesten Wert im Landkreis aufweist (115,54). Die „kränksten“ Gemeinden sind laut den AOK-Daten Löchgau (115,89) und mit deutlichem Abstand Oberstenfeld (121,72). Dafür hat der Oberstenfelder Bürgermeister Markus Kleemann eine naheliegende Erklärung: „Das kann damit zusammenhängen, dass die Menschen in Oberstenfeld öfter zum Arzt gehen, weil wir hier eine außerordentlich breite Ärzteschaft haben“, erläutert er. Neben Haus- und Kinderärzten gebe es in mehreren Gesundheitszentren auch Frauenärzte und Chirurgen. „Von so einer ärztlichen Versorgung träumen Städte im Bereich von 30 000 bis 40 000 Einwohnern“, betont Kleemann nicht ohne Stolz.
Große Kreisstädte
Unter den sechs Großen Kreisstädten im Landkreis Ludwigsburg weist Remseck mit 89,06 den Bestwert auf. Es folgen Kornwestheim (95,68) und Ditzingen (96,42) vor Bietigheim-Bissingen (101,15), Ludwigsburg (104,83) und Vaihingen/Enz (106,24). Eine städtische oder ländliche Umgebung als alleinige Ursache für den Gesundheitszustand von Menschen sehen Experten nicht. „Unterschiede können unterschiedliche Ursachen haben. In den Städten dürften die sozialen Unterschiede deutlich größer sein, und sozial schwierige Verhältnisse gehen auch mit gesundheitlichen Problemen einher“, sagt der Pressesprecher Kai Sonntag von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg.
Kreisweit im Mittelfeld
Vergleicht man die verschiedenen Landkreise in der Region Stuttgart, liegt Ludwigsburg im Mittelfeld. Deutlich mehr „kranke“ Gemeinden gibt es im Rems-Murr-Kreis und im Landkreis Göppingen. Sehr viel besser schneidet hingegen die Landeshauptstadt Stuttgart ab: Nur vier der 23 Bezirke erreichen einen Wert von mehr als 100. Allerdings stellt Stuttgart mit den Stadtteilen Bad Cannstatt und Mühlhausen auch den „kränksten“ Stadtteil (131,12) in der gesamten Region.
Einzelne Krankheiten im Detail
Beim genaueren Blick auf einige der zwölf ausgewählten Krankheiten fällt auf, dass der Landkreis Ludwigsburg bei Brustkrebs, chronischen Herzerkrankungen, Migräne und Depressionen über dem Durchschnitt in der Region liegt. Allerdings gibt es zwischen den Kommunen enorme Unterschiede. Allein im Bereich Ludwigsburg-Ost und Grünbühl wurden 14,76 Prozent der Einwohner wegen Depressionen behandelt – ein Spitzenwert in der Region, der nur von einigen Gemeinden im Rems-Murr-Kreis und im Kreis Göppingen übertroffen wird. Er ist mehr als doppelt so hoch wie in der „gesündesten“ Gemeinde Freudental mit 6,06 Prozent.
Auch bei Adipositas weist die „kränkste“ Gemeinde Erligheim mit 13,61 Prozent einen mehr als doppelt so hohen Wert auf wie die „gesündeste“ Markgröningen mit 5,93 Prozent. Bei den Angststörungen liegt Marbach (5,11 Prozent) ganz vorne, Hessigheim hat mit 2,71 Prozent den geringsten Wert im Landkreis. Unter Rückenschmerzen leiden besonders viele Menschen in Steinheim (29,76 Prozent) und Pleidelsheim (28,70 Prozent). Sehr gut schneidet der Kreis bei den Schlafstörungen ab, selbst die 5,43 Prozent in Hessigheim liegen weit unter einem Stuttgarter Bezirk (7,12 Prozent).
Signifikante Sprünge im Alter
Nicht überraschend ist, dass die Krankheitszahlen mit zunehmendem Alter steigen – durchaus aber, um wie viel. Bluthochdruck hat bei älteren Erwachsenen (45 bis 65 Jahre) im Landkreis etwa jeder Dritte, bei den Senioren (65 bis 80 Jahre) knapp zwei Drittel und bei Hochbetagten (älter als 80 Jahre) vier von fünf. Auch die Depressionen nehmen im Alter zu: Während der Wert bei Jugendlichen bei 1,75 Prozent liegt, steigt er bei weiblichen Senioren auf 25 Prozent – Männer liegen (in allen Altersklassen) mit 15,5 Prozent deutlich darunter. Unter Rückenschmerzen leidet bei den weiblichen Senioren fast die Hälfte (männliche Senioren: 41 Prozent), bei jungen Erwachsenen (18 bis 44 Jahre) rund 16 Prozent.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Angststörungen sind bei Frauen doppelt beziehungsweise bei Jugendlichen sogar dreimal so stark wie bei Männern. Auch Migräne ist ein eher weibliches Phänomen, hier liegen die Zahlen bei Frauen drei- bis viermal so hoch wie bei Männern, was laut dem Pressesprecher Sonntag mit den hormonellen Schwankungen als Triggerfaktor bei Frauen zu tun hat. Dafür führt der höhere Bauch- und Leberfettanteil von Männern zu mehr Diabetes-Erkrankungen bei diesen. Frauen sind hier durch das Hormon Östrogen zusätzlich geschützt – zumindest bis zu den Wechseljahren.
Die größten Steigerungen bei den Krankheitszahlen im Landkreis Ludwigsburg gab es in den vergangenen neun Jahren bei den Schlaf- und Angststörungen.