Jährlich sterben drei Millionen Menschen an Bewegungsmangel Foto: dpa-Zentralbild

Jeder weiß, dass körperliche Aktivität gesund ist.Wer sich zu wenig bewegt, wird krank: Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Folgen von zu wenig Bewegung.

Köln - Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben jährlich rund 3,2 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Bewegungsmangel. Etwa 84 Prozent der Kinder bewegen sich zu wenig, warnt die WHO in ihrem Bericht. Dabei werden die Weichen oft schon in der Schwangerschaft falsch gestellt. „Viele werdende Mütter möchten dem Kind nicht schaden und treiben deshalb während der Schwangerschaft keinen Sport mehr“, sagt Christine Graf vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Sporthochschule Köln. „Damit bewirken sie allerdings das Gegenteil.“

Die Sportmedizinerin und Expertin für Übergewicht bei Kindern: „Es gibt Hinweise darauf, dass der Lebensstil der werdenden Mutter nicht nur das spätere Essverhalten des ungeborenen Kindes beeinflusst, sondern auch dessen Bewegungsverhalten.“ Schwangere sollten sich daher nicht nur ausgewogen ernähren, weil dies den Stoffwechsel des werdenden Kindes präge, sondern sich auch viel bewegen und Sport treiben – „zumindest, wenn aus Sicht der behandelnden Frauenärzte nichts dagegen spricht“. Auch die Anlage für eine mögliche Erkrankung an Diabetes wird schon im Mutterleib gelegt.

Viele Eltern fördern AKtivität nicht

In ihrer Arbeit mit adipösen Kindern stellt die Wissenschaftlerin immer wieder fest, dass vielen Eltern der Stellenwert, den körperliche Aktivität für das gesunde Heranwachsen ihres Kindes hat, nicht bewusst ist. Mit fatalen Folgen. Denn neben einer genetischen Veranlagung und falscher Ernährung spielt Bewegungsmangel eine ganz bedeutende Rolle bei der Entstehung von Übergewicht bei Kindern. Anstatt den natürlichen Bewegungsdrang von Klein- und Vorschulkindern zu fördern, würden viele Eltern das Klettern, Toben und Rennen sogar unterbinden – aus übertriebener Angst vor Verletzungen, beklagt Graf, die selbst vier Kinder hat. Damit setzten sie ungewollt einen Art Teufelskreis in Gang: „Der Bewegungsmangel im Kleinkindalter führt oft zu fehlenden motorischen Fähigkeiten bei Heranwachsenden, daraus resultiert Frust, und dieser führt wiederum zu einer Vermeidungshaltung.“

Für werdende Eltern hat sie daher eine „wichtige Botschaft“: Kinder sollten sich in den ersten Lebensjahren so viel wie möglich bewegen. Als zeitliche Richtlinie empfiehlt sie mindestens 90 Minuten am Tag. „Körperliche Aktivität regt den Stoffwechsel an, trägt zur Festigung der Knochensubstanz und zum Aufbau von Muskeln bei.“ Zahlreiche Studien hätten außerdem gezeigt, dass Bewegung das Koordinationsvermögen und das Gleichgewicht schult und damit auch die intellektuelle Entwicklung der Kinder positiv beeinflusst. „Von nix kommt eben nix“, fasst die Wissenschaftlerin zusammen. Unfälle gingen bei körperlichen fitten Kindern übrigens in der Regel glimpflicher aus als bei Bewegungsmuffeln. „Sportliche Kinder fangen sich im Fallen einfach besser auf.“ Die Bedeutung von Bewegung als Unfallprävention sei daher nicht zu unterschätzen.

Stürze betreffen überwiegend alte und sehr alte Menschen

Und das gilt übrigens erst recht für Senioren. Denn Stürze betreffen überwiegend alte und sehr alte Menschen. So stürzen etwa 30 Prozent der Menschen über 65 Jahre mindestens einmal pro Jahr. Bei Menschen über 80 Jahren liegt der Anteil sogar bei 40 bis 50 Prozent. Am höchsten ist der Anteil sturzgefährdeter Personen jedoch in Pflegeheimen. Hier stürzen mehr als die Hälfte der Bewohner mindestens einmal pro Jahr. „Glücklicherweise führt nicht jeder Sturz zu einer Verletzung“, sagt Wiebren Zijlstra, Leiter des Instituts für Bewegungs- und Sportgerontologie. Wenn jedoch etwas passiere, sei die Behandlung oft sehr kostenintensiv. „Damit geht dieses Problem uns alle an.“

Wie seine Kollegin Graf mahnt auch er regelmäßige Bewegung an. „Körperliche Aktivität kräftigt die Muskeln und trainiert den Gleichgewichtssinn. Damit ist sie ein ideales Mittel, um Stürzen vorzubeugen und die eigene Mobilität im Alter zu erhalten.“ Dabei müssten sich die Senioren keineswegs übermäßig anstrengen, sagt Zijlstra. „Ein Spaziergang fördert die Gesundheit. Und jeder Spaziergang verbessert die Chance, im Alter möglichst lange unabhängig und selbstbestimmt zu leben.“ Daher müsste Aktivität in Seniorenheimen künftig eine viel stärkere Bedeutung zukommen, fordert der Wissenschaftler. Und das nicht nur in Seniorenheimen.

Auch Menschen, die noch mitten im Leben stehen, seien gut beraten, Bewegung in ihren Alltag zu bringen. „Langes Sitzen ist per se ein Gesundheitsrisiko. Stehen Sie immer wieder auf, recken und strecken Sie sich, wenn Sie viel am PC sitzen“, rät Zijlstra. „Nehmen Sie die Treppen, wann immer dies möglich ist, oder machen Sie in der Mittagspause einen kurzen Spaziergang.“ Wer den ganzen Tag sitze, könne die negativen Effekte auf den Insulinspiegel und die Blutfettwerte nicht mehr kompensieren – auch nicht durch intensives körperliches Training etwa am Abend im Fitnessstudio, ist der Experte überzeugt.

Auf die lebensverlängernde Wirkung von Bewegung verweist sein Kollege Hans Hauner vom Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin in München. „Regelmäßige körperliche Aktivität senkt nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die mit Übergewicht assoziierten Erkrankungen wie Diabetes und Gelenkkrankheiten, sondern auch das Risiko, an Krebs zu erkranken“, weiß Hauner. „Bis zu 70 Prozent verschiedener Krebserkrankungen wären durch eine gesunde Lebensführung – also durch ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung – vermeidbar. Wer sich auch täglich nur moderat bewege – etwa 20 Minuten pro Tag läuft oder schnell geht – könne sein Risiko für einen vorzeitigen Tod um 20 bis 30 Prozent senken.

Die Botschaft sei also ganz einfach: Bei inaktiven Menschen könne ein bisschen Bewegung jeden Tag beträchtliche Auswirkungen auf den Gesundheitszustand haben“, so Hauner.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung wie rasches Gehen pro Woche.

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