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Jeder Mensch hat Vorurteile - Ein Psychologe erklärt, wie und warum sie entstehen.

Stuttgart - Zwei Frauen warten am Bahnhof auf den Zug. "Schau dir mal den Typ da drüben mit der Brille und den komischen Klamotten an", raunt Britta ihrer Freundin Maike zu. Die dreht sich um und lacht. "Der sieht aus wie ein Streber. Studiert bestimmt was mit Computern und heißt Gernot."

Voreingenommen, wie Britta und Maike, sind alle Menschen. Gegenüber fremden Personen, unbekannten Dingen, Ländern oder Lebensmitteln. Menschen stecken voller Vorurteile. Sie bilden sie aber oft nicht bewusst oder mit Absicht. "Schuld ist unser Gehirn. Vorurteile erleichtern uns das Denken", sagt Lars-Eric Petersen. Der Psychologe hat das Buch "Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung" (Beltz-Verlag, Weinheim, 29,90 Euro) mit herausgegeben. Die Strategie des Gehirns: Es teilt die Welt in einfache Kategorien ein. In Männer und Frauen, in Alte und Junge, in Dicke und Dünne. So kann das Gehirn die Flut an Reizen und Informationen besser ordnen.

Die Fähigkeit, Menschen in Eigen- und Fremdgruppen einzuteilen, ist angeboren. "Alle Gruppen, denen ich nicht angehöre, sind Fremdgruppen", sagt Petersen. Die Personen aus unserer Gruppe sind für uns verschieden, weil wir Informationen über sie haben. "Die Menschen aus einer fremden Gruppe empfinden wir dagegen als ähnlich, weil uns Informationen über sie fehlen." Je mehr Informationen fehlen, desto höher ist die Gefahr für Vorurteile. Unbewusst kramt das Gehirn in seinen Schubladen. Und aktiviert automatisch ein Klischee.

Manchmal rettet es unser Leben, voreingenommen zu sein. "Vorurteile liefern die Basis für schnelle Entscheidungen. Wir müssen nicht lange nachdenken, was wir tun", sagt Petersen. Etwa in der Straßenbahn. Wer nachts an der Haltestelle aussteigen will, an der er das immer tut, überlegt es sich womöglich anders, wenn er sieht, wie sich dort Männer prügeln. Oder weil draußen einer steht, den er als gefährlich oder unheimlich einstuft. Schützen Vorurteile die eigene Person, sind sie berechtigt, sagt Petersen. Anders seien Situationen, in denen wir Zeit zum Nachdenken haben. Da müssen wir bewerten, bevor wir handeln, sagt der Psychologe. "Ist eine Situation wichtig, ist es nötig, über das Vorurteil nachzudenken." Ein potenzieller Arbeitgeber dürfe nicht einen Bewerber ablehnen, bloß weil ihm sein Aussehen missfällt.

Das Gehirn sortiert automatisch in Schubladen

Wir erlernen Vorurteile. Die Einstellung der Eltern und Freunde spielt eine Rolle, ebenso die eigenen Erfahrungen. Hört ein Kind ständig, dass Menschen mit Migrationshintergrund kriminell sind, übernimmt es die Ansicht wahrscheinlich. "Wir machen andere Gruppen für Missstände verantwortlich", erklärt Petersen das Sündenbock-Prinzip. Dass Britta und Maike vermuten, der Typ mit der Brille und den komischen Klamotten sei ein Streber, kommt auch nicht von ungefähr. Sie kennen Informatikstudenten mit Brillen und komischen Klamotten. Das Gehirn macht es sich oft leicht. Es wirft alle Menschen, die zu einem Klischee passen, in einen Topf. "Häufig übertragen wir eine Ansicht über eine bestimmte Person auf andere Personen." Machen wir viele gegenteilige Erfahrungen, revidieren wir eine Ansicht möglicherweise.

Vorurteile sind immer mit Emotionen verbunden. Was sie auslösen, sind jedoch oft schlechte Gefühle. "Sie konzentrieren sich auf Ablehnung und Abwertung. Neun von zehn sind negativ", sagt Petersen. Negatives ist für uns wichtiger und auffälliger als Positives. Es signalisiert Gefahr. Der Mensch hat Sensoren für Negatives. "Wir sehen eine Gruppe. Alle lachen, einer schaut grimmig. Den erkennen wir zuerst."

Die Eigenschaft, voreingenommen zu sein, beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Verhalten. Vorurteile brennen sich ins Gehirn ein. Wir sind von etwas überzeugt. Die Folge: Vorurteile bestätigen sich. Glauben wir, dass eine Person arrogant ist, sind wir zu ihr unfreundlich. Siehe da: Die Person reagiert unfreundlich. Verständlicherweise. Und wir fühlen uns bestätigt. Tests belegen das Alltagsphänomen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Der Psychologe Robert Rosental machte vor 50 Jahren mit einer Schulklasse einen Intelligenztest. Dem Lehrer gab er nur einige Ergebnisse, zufällig ausgewählt. Jene Kinder, sagte er, seien Spätzünder. Sie blühten nächstes Schuljahr auf. Von da an förderte und ermutigte der Lehrer die Kinder. Entsprechend reagierten die Kinder. Sie wurden selbstsicherer, arbeiteten mehr mit. Acht Monate später wiederholte Rosenthal den Intelligenztest. Was er prophezeit hatte, bewahrheitete sich. Die Schüler schnitten im zweiten Test besser ab als im ersten.

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