Die S-Bahn in der Region Stuttgart könnte von 2023 an mit 100 Prozent Ökostrom fahren. Der Regionalverband befürwortet die Umstellung, scheut aber den Aufpreis.
Stuttgart. - Der Verband Region Stuttgart (VRS) als Aufgabenträger der S-Bahn will für den Betrieb der roten Züge möglichst auf Ökostrom umsatteln und dazu mit der Bahn verhandeln. Aktuell fährt die S-Bahn mit Bahnstrom, der laut DB AG einen Grünstrom-Anteil von 61 Prozent hat. Der Rest kommt aus der Verbrennung von Braun- und Steinkohle, aus Kernenergie und Erdgas.
Die Fraktionen des Regionalverbands hatten zuletzt bei einer Klausur 100 Prozent Ökostrom abgelehnt – aus Kostengründen und weil sie in Angebotsverbesserungen (15-Minuten-Takt an Samstagen) auch eine Klimawirkung sehen. Grüne, SPD und Linke/Pirat legten zum Haushalt 2022 den Strom-Antrag erneut auf und wollten für die Komplettumstellung eine „Anschubfinanzierung“ von einer Million Euro bereitstellen. Die Festlegung auf die Zahlung lehnte die Mehrheit am Mittwoch ab.
DIe Bahn soll Angebot vorlegen
„Wir haben überhaupt nichts gegen Ökostrom“, so CDU/ÖDP-Sprecher Rainer Ganske – es solle aber nicht das Signal an die Bahn gehen, dass der Verband eine Million locker mache. Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) habe ihren Umstieg auf Ökostrom vor Jahren in den VVS-Tarif eingepreist, von der Tariferhöhung habe auch die DB profitiert. Freie Wähler, FDP und AfD schlossen sich der Argumentation an und plädierten für Gespräche.
Geprüft worden sei ja schon, so Michael Makurath (SPD). Wer kein Geld geben wolle, der werde letztlich auch nichts erhalten, dabei lasse sich mit der Umstellung viel Kohlendioxid vermeiden. „Wir haben bereits vor zwei Jahren den Prüfauftrag zur Umstellung auf Ökostrom gestellt und wissen, dass diese im Verkehrsvertrag problemlos möglich ist“, sagte Philipp Buchholz für die Grünen. Der Vertrag des VRS mit der Bahn läuft noch bis 2032. Die Umstellung sei eine „einfache und wirkungsvolle Methode unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten“, so Buchholz.
Ausbau von P+R gewünscht
Umgestellt werden könnte laut VRS-Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler wegen der hohen Energiemenge „nicht von heute auf morgen“, aber laut Bahn ab 2023. „Wir müssen die Qualität mit der Bahn besprechen und sie zu einem Angebot auffordern“, so Wurmthaler. Das soll nun geschehen, das Thema kommt damit auf Wiedervorlage für den Haushalt 2023.
Für das Haushaltsjahr 2022 hat der Ausschuss die schrittweise Aktualisierung des Regionalverkehrsplans auch mit Blick auf den Klimaschutz beschlossen. Dazu sollen Mobilfunkdaten angekauft, die Bürgerinnen und Bürger in den Jahren 2023 bis 2025 befragt und auch eine bundesweite Befragung zum Mobilitätsverhalten genutzt werden. Geprüft werden soll im Auftrag der CDU (gegen die Stimmen von Linke/Pirat) der weitere Ausbau der P+R-Anlagen von 17 200 auf 25 000 Plätze, umgesetzt werden soll die Aufstellung für Ladestationen für Pedelecs in der Region, dafür soll mit einem Zuschuss von je 1000 Euro ein Anreiz geschaffen werden. Nach der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 könnte das Netz der S-Bahn wachsen. Der Verband will untersuchen, wo das möglich wäre.
Nahverkehrsabgabe umstritten
Ein eigenes Gutachten für einen regionalen Mobilitätspass, von den Grünen beantragt, wurde abgelehnt. Die Landesregierung will den Pass, für den eine (Nahverkehrs-)Abgabe erhoben werden soll, einführen, dazu fehlt aber noch das nötige Gesetz. Mit der Abgabe soll dann das Anrecht auf Fahrten im ÖPNV erworben werden. „Erst wenn das Gesetz da ist, kann man sich damit befassen“, so Frank Buß (FW). Rainer Ganske kritisierte scharf die Zustimmung der Landräte im VRS, sie ließen sich „zu Steuereintreibern des Verkehrsministers machen“. Sie hatten mit Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) vereinbart, sich an einer Ausschreibung des Landes zur Prüfung von Abgabe und Pass zu beteiligen.
Mit dem neuen Haushalt will der Regionalverband von der Deutschen Bahn ein Notfallkonzept für den Betrieb der S-Bahn nach der Inbetriebnahme des Stuttgart-21-Tiefbahnhofs erhalten. Der verspätete Anschluss der Gäubahn an den Tiefbahnhof soll im Notfallkonzept bedacht werden. Neben verschiedenen Untersuchungen zur Reaktivierung von Bahnstrecken und Ausbauten soll auch der Sanierungsaufwand für die Gäubahnstrecke erhoben werden. Der Verband will sich außerdem aktiver in die Fortentwicklung von On-Demand-Verkehren in der Region Stuttgart einbringen. Hier haben die Landkreise den Hut auf.