Kinderärzte sind im ganzen Land gesucht, auch in Stuttgart. Eine Gesundheitskonferenz hat sich zusammengefunden, um nach Lösungen zu suchen. Es brauche aber vor allem mehr Studienplätze, lautet die Kritik an die Adresse des Landes.
Das Problem hat sich über Jahre aufgebaut, die Pandemie und die Pensionierung eines Mediziners ohne Nachfolge in Neugereut haben die Lage massiv verschärft: Auch in Stuttgart herrscht ein eklatanter Kinderärztemangel. Ein Runder Tisch beim städtischen Gesundheitsamt mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Land, den hiesigen Kinderärzten und dem Klinikum der Stadt soll zumindest zur Linderung des Mangels beitragen.
Die Meldungen von Eltern beim Gesundheitsamt sind eindeutig: „Den Kinderarztmangel in Stuttgart können wir bestätigen“, sagt dessen Leiter Stefan Ehehalt. Auch die KV redet nicht darum herum: „Es gibt diesen Mangel“, sagt Sprecher Kai Sonntag. Ein Indikator dafür sind die Patientenzahlen im Kinderhospital Olgäle. In der Notaufnahme liegen diese um 30 Prozent über dem Schnitt. Sonst sieht man dort rund 85 kleine Patienten am Tag, jetzt seien es 120 bis 130, mittwochs und freitags, wenn viele Kinderärzte nachmittags zu haben, sogar 140 bis 160. „Überlaufeffekt“ nennt das der Medizinische Vorstand des Klinikums, Jan Steffen Jürgensen. Wenn das so weitergehe, werde man in der Notaufnahme dieses Jahr 50 000 statt sonst 30 000 kleine Patienten zählen. Die Frage ist, wie es zu dieser „Insuffizienz in der Struktur der Niedergelassenen“ kommt.
Im Bedarfsplan gibt es keinen Mangel
Nach der Maßgabe der bestehenden Bedarfsplanung gibt es diesen Mangel gar nicht. „Der Papierform nach haben wir kein Problem“, sagt Kai Sonntag. So gibt es in Stuttgart 51 Kinderarztsitze, nur ein halber ist noch frei, insgesamt 66 Kinderärztinnen und Kinderärzte sind dort tätig. Aber die Verhältnisse haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten, seit die Bedarfsplanung aufgestellt wurde, sehr stark verändert.
Mag die Kopfzahl der Kinderärzte auch nicht schlecht sein, „die Arztzeit geht zurück“, stellt KV-Sprecher Kai Sonntag fest. Der Anteil der Frauen unter den Kinderärzten ist heute hoch, viele haben selbst Kinder und arbeiten in Teilzeit, viele sind als Angestellte tätig. Auf der anderen Seite ist die Bevölkerung in Stuttgart wie im Land in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten deutlich gewachsen, die Geburtenzahlen waren im Vergleich zu früheren Jahren hoch, Zuwanderer mit teils vielen Kindern sind gekommen. Und die Familienstrukturen haben sich verändert, ein familiäres Umfeld, das unterstützt und beraten kann, fehlt oft.
Mehr Zeit für die kleinen Patienten nötig
Gleichzeitig „wächst die Versorgungstiefe“ in den Kinderarztpraxen, erklärt Kai Sonntag. Vor Jahren waren noch drei der sogenannten U-Vorsorgeuntersuchungen vorgesehen, bei denen die altersgerechte Entwicklung der Kinder kontrolliert wird, inzwischen sind es neun. Kai Sonntag: „Die brauchen alle ihre Arztzeit.“ Dazu kommt, dass die Eltern oft unsicher sind und viel Beratung brauchen, „die Zeit pro Patient steigt“.
Noch dazu ist die Hälfte der Kinderärzte älter als 60 Jahre. Man bräuchte also zu den aus Altersgründen wegfallenden Pädiater „überproportional viele zusätzliche Kinderärzte“, betont Kai Sonntag. Man sei in der Sache auch nicht untätig gewesen, habe gemeinsam mit der Landesärztekammer Mediziner angeschrieben, „die an der Versorgung aus unterschiedlichen Gründen nicht teilnehmen“. Die Kinderärzte im Land versuchten, den Nachwuchs in der Ausbildung stärker in den ambulanten Bereich einzuführen. Und das Telemedizin-Projekt Docdirekt der KV diene auch der Abklärung und Terminverteilung in der Kinder- und Jugendmedizin. Man habe gewisse Erfolge, „aber nicht genug“, räumt Kai Sonntag ein und fügt hinzu: „Die Kassenärztliche Vereinigung wird das Problem nicht alleine lösen können.“
Mehr Studienplätze – das braucht Zeit
Wie für die KV ist für Stefan Ehehalt entscheidend, dass man in Baden-Württemberg „deutlich mehr Studienplätze bräuchte.“ Aber das sei nur eine „langfristige Lösung“. Da müsse man „20 Jahre im Voraus denken“, betont Kai Sonntag. Um Studienplätze zu schaffen, welche die Studierenden Jahre durchlaufen, dazu Möglichkeiten in Krankenhäusern für die Facharztausbildung.
Der jetzt gebildete Runde Tisch in Stuttgart verfolgt andere Ziele. So stellen dessen Teilnehmer mit Stefan Ehehalt die Frage: „Welche Aufgaben können woanders als in der Kinderarztpraxis bearbeitet werden?“ Um so eine Entlastung der Praxen zu erreichen. Thilo Sauter, der Obmann der Stuttgarter Kinderärzte, sieht die aktuelle Lage nicht allein als ärztliche, sondern als gesellschaftliche Herausforderung. Viele Probleme von Kindern „landen beim Arzt“, kritisiert Sauter, obwohl sie dort nicht hingehörten. Der Kinderarzt ist der Auffassung, dass so manche Beratung und Abklärung „auch die Kindertagesstätte leisten könnte“. Stefan Ehehalt, der selbst Kinderarzt ist, hat noch andere Berufsgruppen im Blick: Psychologen, Erziehungsberater, die Entwicklungsförderung, Krankengymnastik. Dem Gesundheitsamtsleiter schwebt eine bessere Vernetzung der Institutionen vor Ort vor. Zudem müssten Modelle geschaffen werden, dass Kinderärztinnen einfach im Angestelltenverhältnis arbeiten können. Und Thilo Sauter hat den Wunsch: „Eltern müssen sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen.“