In Stuttgart dreht sich die Roulettemaschine an sieben Tagen die Woche. Foto: dpa

Ein Stuttgarter vertritt seit kurzem die Interessen der 63 deutschen Spielbanken im europäischen Dachverband der Branche. Thomas Schenk erzählt, welche Themen rund ums Spiel um Geld die EU bewegen und wie er sich selbst davor schützt, am Roulettetisch verlorenes Geld zurückgewinnen zu wollen.

Stuttgart - Spielbank-Experte Thomas Schenk erzählt, welche Themen rund ums Spiel um Geld die EU bewegen und wie er sich selbst davor schützt, am Roulettetisch verlorenes Geld zurückgewinnen zu wollen.

Herr Schenk, haben Sie selbst schon mal am Roulettetisch gesessen – und verloren?
Wie viele Menschen finde ich Glücksspiele einfach spannend und unterhaltsam. Also habe ich auch schon die eine oder andere Runde Poker gespielt oder beim Roulette auf das Datum meines Geburtstags gesetzt. Und wie es so kommt: Mal habe ich gewonnen, mal verloren. Es ist wie in jedem Dienstleistungsberuf von Vorteil, wenn man weiß, wie sich der Kunde fühlt – so oder so.
Wie ist es zuletzt ausgegangen?
Es gibt bei uns eine eherne Regel: Spiele nie im eigenen Casino. Aber ich nutze gerne mal die Chance, wenn ich bei Kollegen bin. So habe ich vor Kurzem in Leipzig an Automaten gespielt – und 20 Euro verloren.
Wollten Sie sich das Geld nicht zurückholen?
Na klar, wer will das nicht? Aber ich hatte mir ein Limit gesetzt, und ich halte mich daran. Dann waren die 20 Euro weg – und damit hatte ich meinen Spaß.
Gar nicht so einfach, ich habe mal in Baden-Baden beim Roulette 100 Mark in die Hand genommen, zuerst einiges dazugewonnen und im Laufe des Abends doch noch alles verloren. Die Versuchung war groß nachzulegen – lauert da Suchtgefahr?
Für mich persönlich sehe ich keine Suchtgefährdung durch das Glücksspiel. Aber klar: Wir bieten ein attraktives Produkt. Das Rauf und Runter ist das Reizvolle, das dürfte jeder wissen. Trotzdem klären wir auf. Jede unserer Spielbanken hat eine Website, wo wir auf mögliche Folgen eines abweichenden Spielverhaltens hinweisen. Hier erfahren Spieler, wie das Spiel geht und wie sie verantwortungsbewusst damit umgehen.
b>Rolex-Uhren im Tresor?
Wie viele Rolex-Uhren von Kunden, die kein Bargeld mehr hatten, liegen in Ihrem Tresor?
Das ist eine gute Frage (lacht). Das ist so ein Stoff aus Film und Fernsehen. Insofern danke ich für die Möglichkeit aufzuklären: Wir sind keine Pfandleihe. Wir nehmen Bargeld oder akzeptieren Kartenzahlung. Wir sind da konservativ, wie andere Firmen auch.
Die Spielbanken mit staatlicher Konzession – egal ob in der Hand eines Landes wie Sie oder eines privaten Betreibers – sollen den Spieltrieb der Menschen in geordnete Bahnen lenken und illegales Glücksspiel eindämmen. Andererseits leben Sie von den Spielsüchtigen, und der Staat profitiert auch von ihnen.
Natürlich gibt es Menschen, die mit dem Glücksspiel nicht verantwortungsvoll umgehen. Im aktuellen Jahrbuch Sucht steht, dass 2015 bei 0,42 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung – das sind 241 000 Personen – ein problematisches Spielverhalten und bei 0,37 Prozent, also 215 000 Personen, ein pathologisches Spielverhalten erkennbar war. Das umfasst alle Spielformen: in der Spielhalle, am Geldautomaten, im Internet. Wenn wir nun auf unsere 600 000 Gäste pro Jahr allein in Baden-Württemberg blicken, können wir sagen: Ja, es gibt Menschen, die exzessiv spielen, wie auch immer das festzumachen ist. Und jeder ist einer zu viel. Darum kümmern wir uns. Aber: Wir leben von den Menschen, die Roulette, Poker oder Glücksspielautomaten als Unterhaltung für sich begreifen. Der eine in Chic und Schale beim Roulette, der andere mit Sonnenbrille beim Poker. Einst war Roulette Sache der oberen Zehntausend, heute ist Glücksspiel in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Wie sieht Spielerschutz praktisch aus?
Eins vorausgeschickt: Unser Spielangebot ist gesetzlich vorgegeben, salopp gesagt: Glücksspiel ist Staatssache. Konkret übernehmen die Bundesländer die Umsetzung, so wie in der Schulpolitik. Der Auftrag ist klar: Wir müssen Spiele anbieten, um den vorhandenen Spieltrieb im Menschen zu kanalisieren und vor dem Missbrauch Dritter zu schützen. Das wird in Zeiten des Glücksspiels im Internet, das keine Grenzen, aber auch keine Spielberatung vor Ort kennt, immer wichtiger. Es liegt in der Natur der Sache, dass keiner der Akteure, ob Politik, Spielbank oder Gast, daran interessiert ist, dass aus dem Glücksspiel ein gesellschaftliches Problem wird. Den Betroffenen machen wir ein Angebot, das sie nutzen können.
Wie fällt so jemand auf?
Wir haben geschulte Mitarbeiter, die problematisches Spielverhalten erkennen. Sie stehen bereit, Spielern den Weg zur Beratung im Rahmen unseres Sozialkonzeptes zu bahnen. Wenn sie es wollen. Wir weisen die Gäste darauf hin, wer helfen kann. Das sind externe Fachleute. Dazu gehört die 1999 gestartete Kooperation mit der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.

30 000 Spieler sind gesperrt

Es gibt Menschen, die sich vom Spielbankbesuch ausschließen lassen. Wie viele Menschen dürfen Ihre Häuser nicht mehr betreten?
Es gibt in Deutschland circa 30 000 Sperren, die sich aus dem Glücksspielstaatsvertrag begründen. Wenn sich jemand freiwillig für ein Casino sperren lässt oder gesperrt wird, wird das automatisch an alle anderen 62 weitergegeben. Für diese Spieler heißt es dann: Rien ne va plus. Für uns ist das Produktverantwortung. Überall.
Sind diese Sperren der Grund, warum die Besucherzahlen zurückgehen?
Stärker hat uns das Rauchverbot vor zehn Jahren getroffen. Heute aber stehen wir vor anderen Größenordnungen: Das World Wide Gambling kennt weder Limits noch Grenzen. Sportwetten boomen. Gerade jüngere Menschen und die, für die das Internet Alltag ist, finden schnell und ohne Kontrolle rein in virtuelle Pokerräume oder Wettbüros. Das Spiel wird sogar noch schneller, weil Online-Casinos auch per Smartphone besucht werden können. Das Online-Spiel ist zwar bis auf wenige Ausnahmen verboten. Aber es ist wie so oft im digitalen Leben: Es gibt kaum Kontrollen. Dabei macht sich nicht nur der illegale Anbieter strafbar, sondern – eng gesehen – auch der Spieler.
Wieso illegal?
Der geltende Glücksspielstaatsvertrag schließt Online-Spiele um Geld aus. Sie sind illegal. Trotzdem wachsen die Erträge. Nach Berechnung des Handelsblatt-Research-Instituts sind es 2,3 Milliarden Euro im Jahr allein in Deutschland. Tendenz steigend. Online-Spiel wird derzeit in Deutschland de facto geduldet. Anbieter aus Malta oder aus Übersee dürfen sogar Werbung machen oder als Sponsoren für Bundesliga-Clubs auftreten. Diese öffentliche Präsenz führt dazu, dass viele nicht wissen, wer legal und wer illegal operiert. Ein neuer Glücksspielstaatsvertrag müsste das regeln. Noch sind sich die Länder nicht einig, auch weil Gerichte die Monopolstellung des Staates beim Glücksspiel infrage gestellt haben. Es geht um viele Millionen Euro, die nicht besteuert werden und die, wie unsere Abgaben, für wohltätige Zwecke eingesetzt werden könnten.
Wann tut sich da was?
Der Staatsvertrag läuft 2021 aus, bis dahin muss was passieren . . .

Finanzbeamte mit Büro in der Spielbank

Sie vertreten seit Kurzem die Interessen von 63 deutschen Spielbanken bei der EU in Brüssel. Um was geht es da?
Vieles wird in Europa geregelt, vom Datenschutz bis zur Bekämpfung der Geldwäsche . Wir sind eine kleine Branche, mit ähnlichen Interessen in vielen Ländern. Da muss man in Brüssel geschlossen auftreten und seine Seriosität darstellen.
Apropos Steuern, kommt das Finanzamt regelmäßig zu Prüfungen vorbei?
Es kommt nicht vorbei, es ist mit seinen Mitarbeitern immer präsent. Bei uns begleiten Finanzbeamte jeden Transfer vom Roulettetisch zur Kasse persönlich, damit unterwegs kein Jeton abhandenkommt. Das schützt auch die Mitarbeiter vor Vorwürfen.
Wie hoch ist der Frauenanteil?
Ein Drittel der Croupiers sind Frauen. Wir bilden unsere Croupiers in mehrwöchigen Lehrgängen selbst aus. Allerdings merken auch wir den Fachkräftemangel. Wir suchen Aushilfskräfte, etwa Studenten. Wer fingerfertig ist, mit Mathe nicht auf Kriegsfuß steht und etwas von Gastfreundschaft versteht, findet einen von 600 Arbeitsplätzen.
Muss man als Spieler immer noch chic sein?
Im Automatenbereich reicht gepflegte Freizeitkleidung, bei den klassischen Spielen wünschen wir uns Sakko und Hemd oder Poloshirt. Wenn Sie das Sakko nicht dabeihaben, leihen wir Ihnen gerne eins. . .

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