Lapp-Vorstandsvorsitzender Matthias Lapp vor der Weltkugel in der Firmenzentrale: Der Spezialkabelhersteller ist auf allen Kontinenten präsent. Foto:  

Seit einem Jahr steht Matthias Lapp an der Spitze des Stuttgarter Familienunternehmens und Weltmarktführers für Spezialkabel. Wie er denkt und warum er den Willen zur Veränderung einfordert.

Matthias Lapp ist offen und direkt. Welches Fazit er nach einem Jahr an der Firmenspitze zieht? „Es war ein echt herausforderndes Jahr – für mich persönlich, für die Familie und die Firma Lapp“, sagt er. Im Oktober 2022 hat er als Vertreter der dritten Generation den Vorstandsvorsitz des Stuttgarter Familienunternehmens übernommen.

 

Er denkt langfristig. Das Unternehmen solle gut aufgestellt und noch erfolgreicher sein, wenn er einmal den Staffelstab an die vierte Generation übergebe. „Dafür arbeite und lebe ich hier“, sagt er. Dem 40-Jährigen nimmt man solche Aussagen ab, denn er ist Familienunternehmer mit Leib und Seele.

Der Tod seines Vaters Siegbert E. Lapp, der im April 2023 unverschuldet in den USA bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, war ein schwerer Schlag für ihn und die Familie. „Man funktioniert“, sagt Lapp. Zeit, den Tod seines Vaters emotional zu verarbeiten, blieb nicht, denn alles lief parallel, die ganzen Abwicklungsthemen, die Familie, das Unternehmen. „Die Trauer kommt jetzt langsam“, sagt Lapp.

Die Laufschuhe sind auf Reisen dabei

Übergangsweise habe er im Unternehmen „mehrere verschiedene Hüte“ getragen, doch jetzt seien wichtige Positionen neu besetzt, die Mannschaft komplett. Unterwegs ist Lapp dennoch viel. Ob noch Zeit für sich selbst oder Sport bleibt? „Wenig, aber im Ausland sind die Laufschuhe immer dabei“, antwortet er prompt.

Eine wichtige Erkenntnis hat Matthias Lapp im ersten Jahr an der Firmenspitze nebenbei auch gewonnen: „Werde nicht Familienvater und parallel Vorstandsvorsitzender, weil du schläfst nachts nicht und kannst auch tagsüber nicht schlafen“, sagt der Vater eines kleinen Sohnes. Die Belastung sei höher, „aber es macht Spaß und ich habe eine tolle Ehefrau, die mir den Rücken stärkt und frei hält“, sagt er.

Nach seinem BWL-Studium in Amsterdam und München arbeitete Matthias Lapp für Coca-Cola in Mexiko. Seit 2010 ist er im Familienunternehmen. Mit rund 40 000 Produkten ist die Lapp-Gruppe einer der bedeutendsten Hersteller und Zulieferer von Verbindungstechnologie – das reicht von Steuer- und Datenleitungen über Kabelverschraubungen bis zu Steckern, um nur mal Beispiele zu nennen.

„Wir kommen vom reinen Produktbauchladen und wollen mehr Systeme, digitale Services und Dienstleistungen anbieten“, sagt Lapp, der an der Strategieentwicklung vom Kabelhersteller zum Systemanbieter für Verbindungslösungen maßgeblich beteiligt war. Punkten will Lapp bei Kunden unter anderem mit individuellen Kabelkonfektionen und Beratungsleistungen, egal ob es um elektromagnetische Abschirmung oder Lagerhaltung geht.

Kulturwandel, Effizienz, schlanke und agile Prozesse sind für den Lapp-Chef nicht bloß Schlagworte, denn die Welt verändert sich rasend schnell. Lapp spricht von der Vuca-Welt, wie es im Fachjargon heißt, was übersetzt für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit steht. Das erfordert Veränderungswillen und Flexibilität im Umdenken. „Wer will Veränderung? Da gehen alle Hände nach oben. Aber wenn man fragt: Wer will sich verändern, dann meldet sich keiner“, beschreibt es Lapp. Doch Veränderung fange bei jedem Einzelnen an, das gelte auch fürs Management. „Wir müssen den Kulturwandel vorleben und nicht nur durchdelegieren“, sagt Lapp. Das gelte auch, wenn etwa ein Kunde keine physische Rechnung mehr, sondern eine digitale wolle. „Ok, dann müssen wir uns darauf einstellen“, sagt er.

„Wollen die Welt Enkelgerecht hinterlassen“

Auch Nachhaltigkeit ist zentraler Baustein der Lapp-Strategie. „Dafür stehen wir auch als dritte Generation, denn wir wollen die Welt enkelgerecht hinterlassen“, sagt Lapp. Das reicht von der Photovoltaikanlage auf Firmengebäuden bis zu den Grundprodukten für die Kabel, also Kupfer und Kunststoffe. Inzwischen könne man bei Lieferanten grünes Kupfer kaufen, das mit erneuerbaren Energien produziert werde, sagt Lapp. Noch seien die Kunden nicht bereit, den deutlich höheren Preis dafür zu zahlen. Ähnlich sei das bei Kabelverschraubungen – sie dichten Kabel gegen Schmutz und Nässe ab -, die sich aus recycelten Fischernetzen herstellen ließen, aber eben fast das Vierfache kosteten.

Wie etliche andere Firmen spürt auch Lapp mit seinen weltweit rund 5000 Mitarbeitern den fehlenden Rückenwind angesichts der konjunkturellen Eintrübung. Im Geschäftsjahr 2022/23, das am 30. September endete, lag das „Wachstum auf niedrigerem Niveau als im Vorjahr“. Zahlen nennt Matthias Lapp nicht. Im Jahr zuvor war der Umsatz um gut 30 Prozent auf 1,86 Mrd. Euro gestiegen. Der Wind werde rauer. „Wir müssen das Unternehmen wetterfest machen“, sagt er. So will sich Lapp verstärkt auf Wachstum außerhalb Europas fokussieren. Aktuell steuert Europa mit rund 70 Prozent noch immer den Großteil zum Umsatz bei.

An Investitionen will Lapp festhalten. „In der aktuellen Strategieperiode bis 2027 haben wir über 400 Millionen Euro an Investitionen beschlossen“, sagt er. Viel verspricht man sich von der Elektromobilität, „ein Steckenpferd, auf das wir setzen“, sagt Lapp. So liefert das Unternehmen etwa Produkte für die Maschinen und Anlagen der Batteriehersteller, aber auch Ladekabel für die E-Autos und hat Aufträge von zahlreichen internationalen Autoherstellern. „Wir sind in einem tollen Markt mit vielen Chancen“, sagt er.

Gründung mit 50 000 Mark Kapital

Gründung
Mit 50 000 Mark Startkapital gründete das Ehepaar Oskar und Ursula Ida Lapp die Firma, die 1959 als U. I. Lapp KG beim Amtsgericht in Stuttgart eingetragen wurde. U. I. steht für Ursula Ida.

Zweite Generation
Siegbert und Andreas Lapp hatten 1987 nach dem überraschenden Tod ihres Vaters Oskar die Verantwortung übernommen und Lapp gemeinsam mit ihrer Mutter Ursula Ida, die 2021 gestorben ist, weitergeführt.

Dritte Generation
Im Oktober 2022 übernahm die dritte Generation. Gründerenkel Matthias Lapp wurde Vorstandschef der Lapp Holding AG, seine Cousine und Gründerenkelin Katharina Lapp zog in den Aufsichtsrat ein. Auch Vertreter der vierten Generation gibt es bereits.