Diesen Baum neben der Uni-Sportanlage auf dem Campus in Vaihingen hat es erwischt. Und auch die Bank daneben blieb nicht verschont. Foto: Eileen Breuer

Gruselig sieht es aus. Im Pfaffenwald, rund um die Bärenseen und in anderen Gegenden Stuttgarts hat die Gespinstmotte Bäume und Sträucher befallen. Wir haben recherchiert, ob das gefährlich ist.

Vaihingen/S-West - Gespenstig sieht es aus. Wie ein Geisterbaum inmitten einer grünen Landschaft. Am Rande des Uni-Campus’ in Stuttgart-Vaihingen gibt es seit Kurzem einige Geisterbäume. Vom Stamm bis in die kleinsten Verästelungen sind sie überzogen mit spinnwebenartigen Gebilden. Ein wenig erinnern sie an alte Geisterhäuser in einem Horrorfilm.

Vor den grauen Schleiern fürchten muss sich aber niemand. Darauf weist schon ein Schild hin, dass die Wilhelma-Mitarbeiter neben einem Baum neben dem Uni-Sportgelände aufgestellt haben. Die Wilhelma ist für die Pflege der Grünanlagen auf und rund um den Campus zuständig. „Die Gespinstraupe ist für den Menschen nicht gefährlich“, ist auf der kleinen Infotafel zu lesen. Und weiter steht dort: „Sie befällt ausnahmslos Bäume und Sträucher. Die Pflanzen werden kahl gefressen.“ Das Ergebnis ist am Pfaffenwald deutlich zu sehen.

Die Tiere haben ihre Favoriten

Auch die Mitarbeiter des städtischen Garten-, Friedhofs- und Forstamts sind bereits auf die Gespinste aufmerksam gemacht worden. „Wir haben Meldungen aus Plieningen, Birkach, Vaihingen und Zuffenhausen“, sagt Veronika Ellenrieder. Sie ist die Leiterin der Abteilung Verwaltung und ergänzt: „Nach unserer Einschätzung ist es aktuell noch ein punktuelles und kein großflächiges Auftreten der Raupen.“ Betroffen seien vor allem sonnenbeschienene Bäume in Randlagen und lichtdurchfluteten Gebieten. Und die gebe es vor allem im Pfaffenwald oder auch rund um die Seen im Rot- und Schwarzwildpark.

Die Tiere befallen vorzugsweise die Traubenkirsche und das Pfaffenhütchen. Bei der Traubenkirsche handelt es sich um einen Laubbaum aus der Familie der Rosengewächse. Das Pfaffenhütchen gehört zu den häufigsten heimischen Sträuchern. Aus seinem zähen Holz wurden früher Orgelpfeifen, Schuhnägel und Stricknadeln hergestellt. Auf der Suche nach neuer Nahrung spinnen die Raupen aber auch mal eine ganze Parkbank ein (siehe Foto).

Die Gespinste schützen vor Fressfeinden

Ein neues Phänomen sei die Gespinstmotte nicht, sagt Ellenrieder. Allerdings sei die Intensität des Befalls von Jahr zu Jahr verschieden. Diesmal sei es besonders schlimm. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Bedingungen in den vergangenen Wochen für die Raupen optimal waren“, sagt Ellenrieder. Auf der Internetseite des Nabu ist zu lesen, dass die Raupen trockenes und heißes Wetter bevorzugen. Daher fördere der Klimawandel das alljährliche massenhafte Auftreten der Tiere.

Die Raupen schaden den Bäumen und Sträuchern. „Das steht außer Frage“, sagt Ellenrieder, ergänzt aber: „Wenn die Pflanzen vital und gesund sind, treiben sie später wieder aus.“ Fürs Gesamt-Ökosystem haben die kleinen Tierchen auch Vorteile. „Sie sind ein gutes Vogelfutter“, sagt die Frau vom Garten-, Friedhofs- und Forstamt. Die Elternvögel würden so ausreichend Nahrung für ihre Jungen finden. Die Fressfeinde sind übrigens einer der Gründe für die Gespinste. Denn mit diesen wollen sich die Raupen vor Vögeln oder auch Regen schützen.

Mit der Verpuppung der Raupen endet der Spuk

Ebenso wie die Wilhelma-Mitarbeiter auf ihrem Schild betont auch Ellenrieder, dass die Raupen und ihre Gespinste für den Menschen völlig ungefährlich seien. Darum werden sie von den Mitarbeitern des Garten-, Friedhofs- und Forstamts auch nicht bekämpft. Anders ist das zum Beispiel beim Eichenprozessionsspinner. Dessen Raupen können beim Menschen gefährliche allergische Reaktionen auslösen. In einer Pressemitteilung heißt es: „Neben dem ausschließlich auf Eichen spezialisierten Eichenprozessionsspinner gibt es noch zahlreiche andere Raupen- und Mottenarten, die im Frühjahr andere Bäume und Sträucher kahl fressen. Deren Gespinste sind oft sehr auffällig, aber für den Menschen völlig harmlos und werden deshalb nicht beseitigt.“

Veronika Ellenrieder ergänzt: .„Mit der Verpuppung der Raupen hat der Spuk wieder ein Ende. Vielleicht hilft es Menschen, die sich vor den Netzen ekeln oder fürchten, wenn sie sich bewusst machen, dass aus den Raupen Schmetterlinge werden.“ Schön sind die aber nicht. Anfang Juli schlüpfen die weißen-grauen und mit schwarzen Punkten gesprenkelten Falter. Nach der Paarung legten diese ihre Eier wieder an den Knospen der von ihnen bevorzugten Bäume und Sträucher ab, wo sie bis zum nächsten Frühjahr geschützt überdauerten. Und dann beginnt das gespenstische Schauspiel von Neuem.

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