Martin Schill ist Inhaber der Denkendorfer Bäckerei Schill. Er klagt über massive Umsatzausfälle in seiner ­Sielminger Filiale durch die Sperrung der Bahnhofstraße. Foto: Caroline Holowiecki

Seit Ende Juni ist die Bahnhofstraße in Sielmingen wegen des S-Bahn-Baus gesperrt. Autos müssen einen deutlichen Umweg fahren. Eine Bäckereifiliale bringt das finanziell in Bedrängnis.

Der Fahrer im dunklen Van grinst schuldbewusst – und fährt schnell weiter. Er wurde ertappt, und zwar beim illegalen Abkürzen. Seit Ende Juni ist die Bahnhofstraße in Sielmingen gesperrt. Während der aus Sielmingen nach Norden herausfahrende Verkehr durchs Industriegebiet und über eine neue Verlängerung der Mercedesstraße geführt wird, müssen Autos aus Richtung Neuhausen außenrum fahren – über Bernhausen und an der extra ertüchtigten Ecke Neuhäuser/Nürtinger Straße nach links Richtung Sielmingen. Laut Google Maps sind das etwa 3,5 Kilometer mehr.

 

Viele Menschen nervt die Umleitung. Thomas Bück ist einer von ihnen. Der ehemalige Geschäftsführer des Sielminger Planungsbüros Awiplan ist bis heute ins Unternehmen involviert, und er gehört zu jenen, die nun monatelang außenrum fahren müssen. Er spricht von einer Fehlplanung. In seinen Augen werden Zeit und Kraftstoff verplempert. „Die Mehrkilometer zahlt nicht die Kommune“, moniert er. Am schwersten wiegt für Thomas Bück der Umweltaspekt. „Da wir in der Umwelttechnik tätig sind, kann ich mir das ausrechnen“, sagt er. Bei 5000 Autos pro Tag – laut dem Ordnungsamtsleiter Jan-Stefan Blessing sind auf der Bahnhofstraße täglich mindestens 10.000 Fahrzeuge unterwegs – liege der zusätzliche CO₂-Ausstoß in neun Monaten bei 790 Tonnen. „Das finde ich hammerhart“, sagt er, dabei habe sich Filderstadt den Klimaschutz doch auf die Fahne geschrieben. Zumindest an Samstagen und Sonntagen könne man die Mercedesstraße auch in die andere Richtung freigeben, findet er. „Da hat man überhaupt kein Augenmaß“, sagt er.

Bäckereifiliale mit Umsatzeinbußen

Durch die Sperrung der Bahnhofstraße in Sielmingen müssen Autos aktuell über einen neu gebauten Durchstoß Richtung Neuhausen ausfahren. Einfahren – so wie es der Van ganz links tut – ist verboten. Foto: Caroline Holowiecki

Jan-Stefan Blessing sieht das anders. Die Einzigen, die von Norden in die Mercedesstraße einfahren dürfen, sind Linienbusse, zudem haben drei Firmen für Schwerlast- und Lieferverkehr Ausnahmegenehmigungen erhalten. Mehr gehe nicht, „sonst knallt es irgendwo“. Zu viel Begegnungsverkehr sei in dem Gebiet gefährlich, eine sichere Abbiegespur aus Richtung Neuhausen gebe es auch nicht. „Wenn ich 5000 Autos und Lkws durchlasse, funktioniert das nicht mehr“, Unfälle und Staus seien zu befürchten. Immerhin habe man es geschafft, durch eine Optimierung des Bauablaufs die Gesamtdauer der Arbeiten zu verkürzen. Das spare auch CO₂. Und überhaupt: Durch die Umleitung über Bernhausen habe man den Verkehr deutlich minimieren können. „Wir sind positiv überrascht, wohin die Autos verschwunden sind.“

Bäckereibesitzer beklagt nicht abgesprochene Planänderungen

Positiv ist für ihn indes gar nichts: Martin Schill, Inhaber der Denkendorfer Bäckerei Schill mit zehn Filialen. Eine sitzt in Sielmingen mitten in der Baustelle. Keinen Meter hinter dem Haus verläuft die neue S-Bahn-Trasse. Die direkte Zufahrt zur Bäckerei ist gesperrt. Mit Martin Schill sei aber stets abgesprochen gewesen, dass die Bahnhofstraße einspurig frei bleiben werde, von der Vollsperrung habe er erst sechs Wochen vorher von den SSB erfahren. Dabei sei sein Geschäft vom Durchfahrtsverkehr abhängig. Konsequenz: 70 Prozent Umsatzeinbußen, reduzierte Öffnungszeiten, zwei Kündigungen von Aushilfen. „Wenn wir es gewusst hätten, hätten wir ganz anders geplant“, sagt er. Eine Renovierung, die er nun notgedrungen einschiebe, hätte er längst anleiern können, „jetzt läuft man voll in den Winter rein“. Martin Schill findet: „Ich bin der Dumme.“

Die SSB-Sprecherin Birgit Kiefer bestätigt, dass das Verkehrskonzept ursprünglich eine halbseitige Sperrung der Bahnhofstraße vorgesehen habe. „Allerdings wäre es trotzdem zeitweise zu Vollsperrungen gekommen“, insbesondere für die Leitungs- und Straßenbauarbeiten beim Abzweig Köller, wo sich auch die Bäckerei befindet. Um dies grundsätzlich zu umgehen, sei extra eine weitere Zufahrt zum Köller geschaffen worden, außerdem gebe es eine fußläufige Verbindung. Die allerdings führt über einen Schotterweg, ist also etwa für Rollatoren wenig geeignet.

Jan-Stefan Blessing bekennt: Perfekt ist das alles nicht. Bei Google Maps etwa sind die Sperrungen falsch hinterlegt. Beschwerde von Firmen oder Anwohnern gebe es, zudem viele Unbelehrbare, die trotz Verbots in die Mercedesstraße abbiegen. Die Stadt hat daher dort schon mehrfach geblitzt. Jan-Stefan Blessing sagt, man habe alles abgewogen, „es ist eine Gratwanderung“. Für Thomas Bück ist das alles trotzdem nicht befriedigend. Er spricht von Regeln, die nicht das Vertrauen der Bürger in die Behörden unterstützten. „Ich habe keine andere Handhabe als eine Dienstaufsichtsbeschwerde.“

Seit dem 30. Juni ist die nördliche Zufahrt nach Sielmingen, die Bahnhofstraße, voll gesperrt. Autos aus Richtung Neuhausen müssen über Bernhausen fahren, in die andere Richtung, aus Sielmingen heraus, geht es übers Industriegebiet und eine extra erstellte Verlängerung der Mercedesstraße. Das Ganze wird bis voraussichtlich März 2026 so bleiben. Grund: der S-Bahn-Neubau.

Der Hintergrund der Vollsperrung ist eine von der SSB, der Baufirma und der Verkehrsbehörde Filderstadt gemeinsam angestrebte Optimierung des Bauablaufs. Durch das Zusammenlegen einzelner Baustufen habe man die Gesamtdauer der Verkehrsbeeinträchtigung auf der Bahnhofstraße um mehrere Monate verkürzen können. car