Auf der Bahnstrecke zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen haben derzeit die Bauleute das Sagen. Der Zugverkehr ist unterbrochen, der Zeitplan eng bis die Züge wieder rollen. Eine weitere Sperrung steht zum Jahreswechsel ins Haus.
Das wichtigste Gerät auf der Bahnbaustelle zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen wiegt keine 20 Gramm und befindet sich am Handgelenk von Albert Regel. „Wir müssen viel auf die Uhr schauen“, sagt der Baufachmann, der für die Bahn die Baustelle leitet, die bei Pendlern und Bahnreisenden derzeit für viel Verdruss sorgt. „Wir müssen unbedingt in der jetzigen Sperrpause mit allem fertig werden“, sagt Regel. Er könne mit „gutem Gewissen sagen, dass das auch klappt“.
Neue Geräte werden erprobt
Bis 9. Juni geht auf den vier Gleisen, die auf Regels Baustelle liegen, nichts. Bagger rollen auf den Schienen hin und her und auch ein mehr als 100 Tonnen schweres Spezialgerät hat Aufstellung genommen. Das sei ein Gleisgründungszug, erläutert Regel, überdies der erste seiner Art, der ausgerechnet auf der viel kritisierten Baustelle der Bahn seine Feuertaufe bestehen muss. Der Koloss bohrt bis zu 22 Meter tiefe Löcher neben die Gleise. Dort entstehen Fundamente für neue Signalmasten. Bisher wurden diese Arbeiten von einem Straßenfahrzeug ausgeführt, auf der Baustelle in Höhe des S-Bahnhalts Sommerrain wird erstmals von der Gleisseite aus gearbeitet.
Mit Stuttgart 21 werden nicht nur die Schienenstrecken in der Landeshauptstadt neu geordnet, auch wird erstmals ein Bahnknoten vollständig auf eine digitale Sicherungstechnik umgestellt. Eine Herkulesaufgabe, wie mittlerweile auch Fachleute bei der Deutschen Bahn einräumen. In einem Fachaufsatz von Anfang des Jahres räumt ein Autorenteam aus Stuttgart ein, dass „der Verkabelungsaufwand für Strom und Daten ein kaum noch zu beherrschendes Niveau erreicht“ habe.
Mehr als 1000 Kilometer Kabel
Allein auf dem vier Kilometer langen Bauabschnitt zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen, den Albert Regel leitet, werden 1200 Kilometer neue Kabel verlegt, an 31 Stellen müssen die Stränge quer unter den Gleisen hindurch verlegt und 19 große neue Signalgerüste errichtet werden. Eigentlich kommt die neue Sicherungstechnik ohne Signale aus, weil aber auf der Strecke auch noch Lokomotiven unterwegs sein können, die noch nicht fürs digitale Zeitalter ausgestattet sind, müssen beide Arten von Signaltechnik vorgehalten werden.
Rund um die Uhr wird an sieben Tagen die Woche gearbeitet. Auch die nahenden Pfingstfeiertage bilden keine Ausnahme. 70 Mitarbeiter sind beschäftigt. Anwohnern, denen die Baustelle zu laut ist, hat die Bahn einen vorübergehenden Umzug ins Hotel angeboten. Die Resonanz auf die Offerte war verhalten.
80 Busse unterwegs
Anfang März hatte die Bahn überraschend ihre Pläne kundgetan, die Strecke zwischen Bad Cannstatt und Waiblingen für 14 Wochen zu sperren. Ersatzweise schickt sie eine Flotte von 80 Bussen auf Fahrt, die auf verschiedenen Routen die Bahnfahrer transportieren sollen. An Tagen mit besonders hohem Reisendenaufkommen, etwa bei Heimspielen des VfB Stuttgart, wird das Angebot an Bussen erweitert. An der Kurzfristigkeit der Ankündigung hatte es ebenso Kritik gegeben wie an der von der Bahn angebotenen Entschädigung von einmalig 49 Euro. Die Bahn ihrerseits hatte darauf hingewiesen, dass sie die Wiedergutmachung freiwillig leiste, ein Anspruch darauf bestehe nicht.
Der Bahnhof Bad Cannstatt im Fokus
Am 9. Juni bricht die vierte Bauphase an. Dann konzentrieren sich die Bautrupps auf den Bahnhof Bad Cannstatt. Sechs der acht dort liegenden Gleise werden ausgetauscht, neue Weichen eingesetzt und insgesamt 6000 Tonnen Material bewegt, wie Albert Regel aufzählt. Anders an der Strecke, an der gerade gearbeitet wird, geht es im Bahnhofsbereich eng zu, auf zwei Gleisen sind weiterhin Züge unterwegs, was die Arbeiten zusätzlich erschwere. Trotzdem solle dieser Abschnitt der Arbeiten bis 29. Juli erledigt sein und dann der Bahnhof Bad Cannstatt sowie die Strecke weiter nach Waiblingen wieder zur Verfügung stehen.
Weitere Vollsperrung
Auch wenn im Dezember die neue Technik, die derzeit unter der Aufsicht von Albert Regel eingebaut wird , in Betrieb geht, ist für die Bahnfahrer das Ganze noch nicht ausgestanden. Es werde zum Jahreswechsel nochmals eine Vollsperrung der Strecke notwendig werden. Weder über deren genauen Termin noch die Dauer lasse sich Stand heute etwas sagen.