Die Angst in den Augen: Szene aus dem US-Thriller „Scream – Schrei!“ von dem amerikanischen Regisseur Wes Craven aus dem Jahr 1996. Foto: AP

Bedenkenträger, Schwarzseher, Skeptiker, Unheilsprophet, Unkenrufer: Die deutsche Sprache kennt viele Synonyme für den Pessimisten in uns. Ängstigen sich die Deutschen mehr als Menschen anderer Länder? Und wenn ja: Sind ihre Ängste berechtigt?

Stuttgart - „German Angst“ ist im Angelsächsischen ein geflügeltes Wort. Es steht für die kollektive Verunsicherung eines ganzen Volkes. Angst vor den Risiken der Kernkraft, vor Pandemien, vor einer neuen Wirtschaftskrise, vor dem Klimawandel und vor der großen Dürre. Und überhaupt vor dem Weltuntergang.

Für den Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer ist „German Angst“ kein Hirngespinst. „Durch die unglaubliche Destruktivität des Nationalsozialismus und den organisierten Völkermord hat das deutsche Selbstgefühl einen bleibenden Schaden erlitten, der unbewusst gespeichert ist. Daher kommt auch die Mentalität der Deutschen: Noch geht es uns gut, aber irgendwann kommt das böse Ende.“

Angst vor dem Verlust des mühsam Erreichten

In einer Gesellschaft wie der deutschen, die im internationalen Vergleich zu den politisch und wirtschaftlich stabilsten gehört, sei die Angst vor allem narzisstischer Natur, erklärt Schmidbauer. Sie äußere sich vor allem als Angst vor dem Verlust des mühsam Erreichten. „Es ist evident: Je mehr eine Gesellschaft oder ein Individuum besitzt, desto größer ist auch die Angst, es zu verlieren.“

Rangliste der Ängste

Nichts macht den Deutschen so viel Angst wie der Terror. 71 Prozent fühlen sich sich laut der jüngsten Langzeitumfrage „Die Ängste der Deutschen“ der R+V Versicherung von Terrorismus bedroht.

Es folgen die Angst vor politischem Extremismus (62 Prozent), vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern (61 Prozent), vor Naturkatastrophen (56 Prozent) und vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln (58 Prozent).

Deutschland – ein Ort der Angst?

Ist Deutschland ein Ort der Angst? Nein, antwortet der Psychiater Arno Deister, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. Eine spezielle „German Angst“ gebe es nicht. Aber: „Wir sind momentan in einer gesellschaftlichen Situation, in der Dinge geschehen, die ganz viel mit Angst zu tun haben und vielen Menschen Angst machen.“

Nach Aussage von Deister haben die Menschen „Angst vor Veränderungen – vor Fremden, fremden Dingen, Gewalt, Einsamkeit. Eine Gesellschaft wie die deutsche, die sich im Umbruch befindet, führt bei vielen dazu, dass sie Angst haben.“ Zunächst sei Angst nichts Schlimmes. Sie sei eines der zentralen menschlichen Gefühle, das sehr stark schützt.

Angst zu haben ist überlebenswichtig

„Hätte es in der Evolution das Thema Angst nicht gegeben, würde es heute keine Menschen mehr geben, weil sich die Menschheit sich längst in Situationen begeben hätte, in denen sie ausgestorben wäre. Die Schutzfunktion der Angst kann allerdings auch überfordert werden – in der Subjektivität des jeweils betroffenen Menschen.“

Angst werde immer dann zu einer Blockade, wenn sie zu lang anhält, zu stark und nicht mehr zu bewältigen ist, erklärt der Mediziner. Wenn ein Mensch den Eindruck habe die Kontrolle zu verlieren, dann würde Angst eine krankmachende – pathologische – Funktion bekommen.

Wenn Angst aus dem Ruder läuft

„Die Disposition zur Angst ist etwas ganz normales“, betont Deister. Manche Menschen würden mehr zur Angst als andere. Dies habe hat mit der genetischen Veranlagung, aber auch mit Lernerfahrung zu tun.

„Wenn allerdings etwas geschieht, dass die Fähigkeit des Menschen sich mit Angst auseinanderzusetzen überfordert, dann läuft das ganze aus dem Ruder.“

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