Zwei US-Navy Seals bei einer Übung. Der rechte Soldat visiert mit einem Laserzielgerät ein Ziel an, um so Luftangriffe zu leiten. Foto: dpa

Ein Ex-Navy Seal behauptet, er habe Terrorchef Osama bin Laden erschossen. Seine Kameraden halten ihn für einen Verräter.

Washington - Seit dem 2. Mai 2011 ist Robert James O’Neill für viele US-Bürger ein Held. Damals erschoss der Kämpfer der Elitetruppe Navy-Seals den El-Kaida-Anführer Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Der Name des Todesschützen wurde seitdem von Präsident Barack Obama ebenso geheim gehalten wie von Kommandeuren, Ministern und CIA-Agenten. Bis sich O’Neill entschloss, die Geschichte seiner Mission in Pakistan öffentlich zu machen, und zur Wochenmitte der Tageszeitung „Washington Post“ bestätigte, er habe den Terror-Chef in jener Nacht erschossen.

Seit dem 5. November 2014 ist Robert James O’Neill ein Verräter. Zumindest für viele seiner Kameraden in den Spezialkräften der US-Streitkräfte. Die werfen dem Elitekrieger vor, mit seiner Geschwätzigkeit ihr Leben bei zukünftigen Einsätzen zu gefährden: „Wir halten nichts von der vorsätzlichen oder egoistischen Missachtung unserer wichtigsten Werte, um dadurch öffentlich bekannt zu werden oder finanziellen Gewinn einzuheimsen. Das schwächt nur unsere Truppe, unseren Mut und unsere Opferbereitschaf“, schreibt der Kommandeur der US-Kampfschwimmer, Admiral Brian Losey, in einem offenen Brief an seine Soldaten. In Diskussionsforen im Internet erzürnen sich Kommandos. Indem O’Neill über die geheime Mission der Seals spreche, gebe er Informationen über Einsatztaktiken von Spezialkräften preis. „Die Jungs vom Islamischen Staat müssen nur O’Neills Geschichten lesen, um auf unsere Angriffe vorbereitet zu sein“, beschwert sich ein früherer Kampfschwimmer. Der redselige Elitekrieger verstoße gegen den Grundsatz, „nie im Leben Details über Einsätze preiszugeben“, echauffiert sich ein anderer Ex-Seal.

Dabei ist O’Neill nicht der erste, der über die streng geheimen Details abgeschlossener Operationen plaudert. 1993 veröffentliche der Elitesoldat Steven „Billy“ Mitchell ein Buch über seinen Einsatz mit der britischen Spezialeinheit SAS im Irak. Das Buch griff in seinem Titel „Bravo Two Zero“ den Rufnamen des acht Mann starken Spähtrupps auf, der sich im Januar 1991 in den Irak geschlichen hatte. Dort sollten die Soldaten unterirdische Telefonleitungen zwischen Bagdad und dem Nordwesten des Landes kappen. Zudem sollten die Aufklärer Boden-Boden-Raketen vom Typ „Scud“ aufspüren, melden und für Luftangriffe mit Laserstrahlen markieren.

Der Trupp wurde nach wenigen Tagen von einem jungen Hirten und seinen Schafen aufgespürt, von irakischen Soldaten verfolgt. Die töteten drei Briten, nahmen vier gefangen. Nur Unteroffizier Chris Ryan entkam zu Fuß nach Syrien. Die gefangenen Briten folterten die Iraker. Als Mitchell am 6. März 1991 nach sechs Wochen Haft entlassen wurde, war seine linke Schulter ausgekugelt. Er hatte sich in einem Foltergefängnis des Diktators Saddam Hussein die Gelbsucht eingefangen, Nieren und Leber waren entzündet. Ein posttraumatisches Belastungssyndrom ließ seine Hände unentwegt zittern. Schon Ende 1991 meldete sich Feldwebel Mitchell wieder zum Dienst im 22. SAS-Regiment. Im Februar 1993 nahm er seinen Abschied – und veröffentlichte acht Monate später unter dem Pseudonym „Andy McNab“ das bislang weltweit meistverkaufte Kriegsbuch „Bravo Two Zero“.

Alleine in Großbritannien verkaufte sich das Buch 1,5 Millionen mal. Der Titel wurde verfilmt, Mitchell reich. Heute lebt der frühere SAS-Kämpfer in New York, betreibt eine Sicherheitsfirma, schreibt Romane und berät den Hersteller von Computerspielen. Ein früherer Kamerad ist sich sicher, „Steven scheffelt so viel Geld, dass er es in diesem Leben nicht mehr ausgeben kann“.

Genau das scheint der Anreiz zu sein, dass weitere Kommandos mit Details ihrer Einsätze an die Öffentlichkeit gehen: Alleine drei der fünf Überlebenden von „Bravo Two Zero“ versuchten sich als Buchautoren. Der frühere US-Navy Seal Matt Bissonnette veröffentlichte schon vor zwei Jahren seine Sicht der nächtlichen Mission im pakistanischen Abbottabad. Wenn auch keiner bislang so erfolgreich, wie Steven Mitchell.

Ihn und seine schreibenden Kollegen kritisieren auch Angehörige des Kommandos Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr. „Über unsere Einsätze sprechen wir noch nicht einmal mit unseren Ehefrauen, um Einsatzgrundsätze zu schützen. Und dann liest du in einem Schmöker detailliert nach, was wir monatelang bis zur Erschöpfung üben. Da kannst du auch gleich den Dschihadisten eine Postkarte schicken und schreiben, das wir gleich kommen “, macht ein früherer KSKler seinem Unmut Luft.

„OpSec“ gilt Kommandos weltweit als eine der wichtigsten Lebensversicherungen bei ihren Missionen. „Operational Security“ – Sicherheit der Operation – bedeutet, dass die Soldaten oftmals nicht einmal mit ihren Kameraden über bevorstehende Missionen sprechen. Und erst recht nicht über die Details der Operation. Ihre Einsatzbefehle erhalten sie meist während einer sogenannten Isolationsphase, in der die Truppe abgeschirmt von der Außenwelt ihren Operationsplan erarbeitet.

Nach einer Mission arbeiten die Soldaten in einer ebenfalls geheimen Besprechung den Einsatz auf. „Ich habe nie wieder in meinem Leben offenere Gespräche geführt, wie in diesen Momenten“, sagt ein früherer deutscher Schattenkrieger, der mehrfach in Afghanistan eingesetzt wurde. Schonungslos werde über alles gesprochen, was während der Operation gut und schlecht gelaufen sei: „Nur so können wir besser werden. Aber nur dann, wenn im Nachhinein nicht jeder nachlesen kann, was wir wie gemacht haben.“

Gegen diesen Grundsatz hat für seine Kameraden Robert James O’Neill verstoßen. Der sagt, seit Gesprächen mit Opfern und Hinterbliebenen der Terroranschläge vom 11. September 2001 habe er das Gefühl, den Menschen so zu helfen, ihr Trauma zu verarbeiten.

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