Den Apothekern geht es nicht nur um Geld – sondern auch um die aberwitzige Bürokratie, betont Berlin-Korrespondent Bernhard Walker.
Die Apotheker nennen es Protesttag und nicht Streik. Doch wenn an diesem Mittwoch viele Apotheken nicht öffnen, geht es um genau die Anliegen, die bei einem Streik im Zentrum stehen: um mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Der Protesttag der Pharmazeuten ist also legitim. Aber ist er auch gut begründet?
Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat da seine Zweifel. Er betont, dass die Einkommen der Apotheker zuletzt überdurchschnittlich gestiegen seien. Dass sie zugleich höhere Kosten stemmen müssen, sagt er nicht – und auch nichts davon, dass Apotheken aktuell von ihrem wichtigsten Einnahmeposten einen erhöhten Abschlag an die Krankenkassen zahlen müssen.
Deshalb sind die Pharmazeuten stinksauer auf Lauterbach, dessen Hinweis tatsächlich nicht das ganze Bild zeichnet. Natürlich gibt es Apotheken, die gut dastehen, weil sie ein großes Ärztehaus um die Ecke haben und in der Fußgängerzone einer Großstadt liegen. Auf dem flachen Land sieht das jedoch anders aus: Vielerorts haben schon Apotheken die Lichter ausgemacht. Also müssten Berlin und die Branche tun, was sie leider gerade versäumen: gemeinsam überlegen, wie die Versorgung in Dörfern verbessert werden kann.
Theater mit der „Präqualifizierung“
Dabei geht nicht nur um Geld. Was die Apotheker kirre macht, ist die aberwitzige Bürokratie. Bevor sie etwa Inkontinenzware abgeben dürfen, müssen sie sich „präqualifizieren“ und dabei nachweisen, dass sie einen Beratungsraum haben oder die Ware sicher lagern. Das ist schon deshalb Unfug, weil jede Apotheke ohnehin einen extra Raum haben muss. Und wer täglich als studierter Heilberufler mit Arzneimitteln umgeht, empfindet es sicherlich als schlechten Witz, wenn er einer Krankenkasse mitteilen soll, in welchem Schrank er Kompressionsstrümpfe lagert.
Nun ist das Theater mit der „Präqualifizierung“ nicht der einzige Missstand. Daneben haben sich Kassen und Apotheker in einen Kleinkrieg über die sogenannten Null-Retaxationen verbissen. Das klingt kompliziert, und das ist es auch. An dieser Stelle reicht allein der Hinweis, dass ein Pharmazeut mitunter deshalb null Honorar bekommt, weil der Arzt auf dem Rezept einen Formfehler gemacht hat. Natürlich wollen die Apotheker dafür nicht geradestehen. Auch deshalb protestieren sie jetzt – so wie es jeder andere tun würde, der für etwas haften soll, was er nicht zu verantworten hat.
Krux mit den Lieferengpässen
Am meisten jedoch treibt die Apotheken um, was auch viele Patienten inzwischen spüren: der Mangel an Medikamenten. Immerhin versucht Lauterbach, nun umzusteuern. Doch springt er viel zu kurz. Die Regeln, die Apotheken beachten müssen, wenn sie ein fehlendes Medikament durch ein lieferbares austauschen wollen, sind arg kompliziert. Und warum will der Minister nur bei Antibiotika mehr Produktion nach Europa zurückholen? Immerhin fehlen viele verschiedene Arzneien bis hin zu Medikamenten zur Therapie von Krebserkrankungen.
Ja, das würde mehr Geld kosten, aber eben auch die Versorgung verbessern. So wie es jetzt ist, kann es jedenfalls nicht bleiben. Das sehen die Länder viel deutlicher als Lauterbach. Deshalb hat der Bundesrat gefordert, die Krux mit den Lieferengpässen gründlich anzugehen und die Bürokratie in den Apotheken einzudämmen. Auch unterstützen die Länder den Wunsch der Apotheker nach höheren Honoraren, um die Versorgung auf dem Land zu sichern.
Wenn der Protesttag Lauterbach dazu bringt, mit den Apotheken und den Ländern Lösungen zu finden, hätte sich der Streik gelohnt – für die Apotheken und die Patienten.