Schützen vor Geschlechtskrankheiten, die sich in Deutschland wieder stärker ausbreiten: Kondome. Foto: dpa

Über große Aufklärungskampagnen für das Aids-Virus sind andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper fast in Vergessenheit geraten. Ein Fehler: Denn der mittlerweile sprunghafte Anstieg dieser Infektionen beschäftigt Experten.

Dresden - Frederic Chopin, Oscar Wilde, Katharina die Große, Freddie Mercury, Vincent van Gogh – die Liste der berühmten Opfer von Geschlechtskrankheiten ist lang. Doch lange Zeit konnte man sich damit trösten, dass die Krankheiten aus der Vergangenheit stammen und zumindest hierzulande nur noch geringe Risiken bestehen, sich damit anzustecken. Doch jetzt kehren die sexuell übertragbaren Infektionen zurück.

Weltweit werden pro Jahr etwa 340 Millionen neue Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten bekannt, betroffen sind vor allem Männer und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. In Deutschland breiten sich seit der Jahrtausendwende Geschlechtskrankheiten wieder stärker aus. „Bei Syphilis ist die Zahl der jährlichen Erkrankungen um 22 Prozent gestiegen“, sagte Rudolf Stadler, der Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG), vergangene Woche bei der DDG-Jahrestagung in Dresden.

Ebenfalls Sorgen bereitet den Experten die Gonorroeh, im Volksmund auch Tripper genannt: In Deutschland hat sich die Infektionsquote in den letzten Jahren verdoppelt, sie liegt jetzt bei 15 pro 100 000 Einwohner. Doch Fachärzte gehen von einer höheren Zahl aus, da bei dieser Erkrankung keine Meldepflicht mehr besteht.

Die bakteriellen Erkrankungen nehmen oft einen ernst zu nehmenden Verlauf: Sie können sich schlimmstenfalls im gesamten Körper ausbreiten und bei einer Schwangerschaft auf den Fötus übergehen. Zudem entwickeln die Erreger Resistenzen auf Antibiotika. „Die Gonorrhoe wird nicht nur durch hohe Infektionsraten, sondern auch durch schwindende Behandlungsmöglichkeiten zu einer großen Herausforderung für das Gesundheitswesen“, sagt Manjula Lusti-Narasimhan von der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Infektionsquote von Syphilis explodierte

Besonders schwer wiegt jedoch die Entwicklung bei der Syphilis: Sie wird in jedem dritten Fall zu spät erkannt und nimmt einen dramatischen Verlauf. Das Bakterium Treponema pallidum gelangt vor allem bei Sexualkontakten über die Schleimhäute in den Körper und löst zunächst meist schmerzlose Geschwüre an den Genitalien aus. Ohne Therapie kann es später aber zu Hautausschlag und Knötchenbildung kommen. Im Spätstadium befallen die Bakterien auch die Verdauungsorgane, Knochen und Muskeln. Auch im Nervensystem können sich die Erreger einnisten und zu schweren neurologischen Ausfällen führen.

Zwischen 2009 und 2011 explodierte die Infektionsquote von Syphilis um 34 Prozent, sie liegt jetzt bei fast 3700 pro Jahr. „Das hat uns schon sehr überrascht“, sagt Viviane Bremer vom Robert Koch-Institut. Denn in den Jahren zuvor schien sich die Quote auf einem stabilen Wert eingependelt zu haben. 2009 konnte man sogar erstmals einen Rückgang beobachten.

Über die Ursachen können die Experten nur spekulieren: Der oft geäußerte Verdacht, wonach Jugendliche heute besonders früh und besonders ausschweifende erste sexuelle Kontakte hätten, ließ sich nicht bestätigen. Bei homosexuellen Männern ließ sich jedoch ein Trend zum „Serosorting“ beobachten. Dabei haben die Männer jeweils nur mit Partnern Geschlechtsverkehr, die ebenso wie sie selbst entweder HIV-positiv oder -negativ getestet sind. Weil sie sich dann sicher fühlen, verzichten die Männer in solchen Fällen oft auf Kondome – und vergessen, dass sie damit andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis verbreiten können.

Eines der Hauptprobleme scheint aber doch die starke Konzentration der Aufklärungskampagnen auf Aids als die eine sexuell übertragbare Infektion zu sein. So sind andere Geschlechtskrankheiten eher in den Hintergrund gerückt. „Es braucht eine kontinuierliche Informationspolitik“, fordert daher DDG-Präsident Stadler.

Fremdwort Chlamydien

Experten raten, junge Menschen nicht nur mit der HIV-Prävention vertraut zu machen, sondern sie auch über andere Geschlechtskrankheiten aufzuklären . „Wir müssen herausfinden, welche Gruppen von welchen Geschlechtserkrankungen besonders betroffen sind, und dann müssen wir auf diese Gruppen zugehen“, mahnt Viviane Bremer vom Robert-Koch-Institut.

Im Falle von Syphilis wären das vor allem die homosexuellen Männer, und bei den Chlamydien die Jugendlichen. So hat eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) bei einer Befragung 2010 festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren nie etwas von Chlamydien gehört hat. Eine Infektion kann aber bei Frauen langfristig zur Unfruchtbarkeit führen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird. Zwar bieten die gesetzlichen Krankenkassen ein kostenloses jährliches Screening für Frauen bis zum 25. Lebensjahr an. Aber wenn sie über die Geschlechtskrankheit nichts wissen, ist eine Vorsorge sinnlos.

Immerhin, ein Anfang ist getan: So sind in der neuen „Mach’s mit“-Kampagne der BzgA – die bislang hauptsächlich vor dem HI-Virus gewarnt hat – die weiteren sexuell übertragbaren Infektionen (STI) berücksichtigt. Dort heißt es: „Mit Wissen und Kondom schützt Du Dich vor HIV und kannst das Risiko einer Ansteckung mit STI deutlich senken.“

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