Geschlechtersensible Sprache? Sehr gute Idee. Nur leider ist manchmal das, was auf dem Papier klug und gerecht ausschaut, in der Praxis unhöflich. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Anscheinend ist es geschlechtersensibler und politisch korrekter, wenn man „Liebe Menschen“ oder „Hallo Leute“ sagt. Doch in einem Stuttgarter Café klingt so eine Anrede nur noch wirr bis unhöflich.

Stuttgart - „Hallo, Leute“, sagt die junge Frau im Außenbereich des Cafés in der Innenstadt und will die Bestellung aufnehmen. Ihre Stimme ist trotz Stoffmaske ausgesprochen laut, so laut, dass man vor Schreck beinahe den wackeligen Tisch umwirft. Die forsche Begrüßung erinnert an den Auftritt der Altenpflegerin im mehrfach belegten Zimmer der Großmutter. Die kam auch immer bestens gelaunt herein und wollte förmlich den Tod aus dem Zimmer brüllen. Ohne Erfolg. Die Servicekraft serviert dann nach einer halben Ewigkeit statt eines Heißgetränks einen Zucchini-Auflauf und erwidert an Stelle einer Entschuldigung ein „Okaaaay“. Das klingt so, als solle man sich nicht so haben.

 

Männliches Schwäbisch

Aber so ist das eben. Menschliche Sprachen sind voller Rätsel. Selten meint oder versteht jemand das, was er eben gesagt oder vorgestern geschrieben hat. Die wenigsten begreifen ihren Steuerbescheid oder ihren Lebenspartner. Oft ist die Muttersprache des Vaterlandes die allerschwierigste, wobei man sich fragen muss, warum es nicht Vatersprache und Mutterland heißt. So eine Sprache tönt bei genauem Hinhören ungerecht. Der Schwabe präferiert das männliche Geschlecht, er sagt d’r Budder (die Butter) oder d’r Schogglad (die Schokolade). Im Russischen wird es noch komplizierter, da verrät das Verb das Geschlecht, von einer non-binären, gendergerechten Grammatik kann keine Rede sein.

Schlechtes Partythema

Oder nehmen wir einmal den gut gemeinten Vorstoß, im Rathaus künftig eine geschlechtersensible Sprache einzuführen. Der Oberbürgermeister will in Briefen und Reden die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ abschaffen und durch „Sehr geehrte Teilnehmende“ oder „Liebe Menschen“ ersetzen, um niemand auszuschließen. Löblich. Wobei: Die Meinungen darüber gehen weit auseinander, man sollte sich hüten, das Thema bei einer Grillparty anzusprechen, ansonsten bekommt man schnell die Lichtergirlande um den Hals gewickelt.

Tyrannei der Intimität

Lustigerweise empört sich niemand über die Formel „Liebe Menschen“: Klingt das nicht übergriffig? Ja, wer hat denn mal mit dem Rathaus nach Feierabend ein Bier gekippt? Anredeformen mit „Liebe/Lieber“ sind – das hat man früher gelernt – überaus vertraulich und sollten guten Freunden und lieb gewonnenen Kollegen vorbehalten sein. Das Suggerieren von Nähe, dieses ständige verbale Antanzen gehört so gar nicht zu einer sensiblen Sprachauffassung. Die zunehmende Tyrannei der Intimität im öffentlichen Raum hat der Philosoph Richard Sennett, der 2006 den Hegel-Preis dieser Stadt verliehen bekam, schon vor langem kritisiert.

Zucchini-Auflauf und Dieter Bohlen

Das wissen aber viele der lieben Menschen nicht, die jetzt „Hallo, Leute“ sagen und trotzdem übel drauf sind. Was übrigens nicht nur die geschlechtersensible Lieblingsanrede der Servicekraft mit dem Zucchini-Auflauf ist, sondern auch die von Dieter Bohlen. Zahlen, bitte!