Die Landeshauptstadt diskutiert über geschlechtergerechte Schreibweise. Wie wichtig ist das Thema den Städten und Gemeinden im Kreis Esslingen?
Die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache steht in vielen Rathäusern des Kreises Esslingen nicht weit oben auf der Agenda. Dies ergab eine Stichprobe in sieben Städten und Gemeinden. So sagte Frank Buß, soeben wiedergewählter Bürgermeister von Plochingen: „Die Stadtverwaltung Plochingen ist durch die vielfältigen Aufgaben sehr stark belastet. Die anstehenden Herausforderungen haben eine höhere Priorität.“ Ähnlich äußert sich Oberbürgermeister Pascal Bader aus Kirchheim unter Teck: „Aktuell gibt es bei uns allerdings auch andere Aufgaben und Herausforderungen, die prioritär sind, sodass bei uns die Frage des Genderns derzeit nicht im Vordergrund steht.“
„So unnötig wie die fünfte Jahreszeit“
Gerhard Kuttler aus Hochdorf drückt die Frage der Priorisierung drastischer aus. Er schickte der Redaktion eine Glosse, darin heißt es: „Diese Diskussion passt hervorragend in die fünfte Jahreszeit: Die Eine ist so unnötig wie die Andere.“
In Stuttgart werden zu dem Thema derzeit heftige Diskussionen geführt. Den Mitarbeitenden in der Verwaltung der Landeshauptstadt wird empfohlen, „in der Regel keine Gendersonderzeichen“ zu verwenden, vor allem nicht, wenn man sich an ein breites Publikum wende. Der Personalrat in Stuttgart kritisiert das.
Auf die Frage, ob es eine Anweisung im jeweiligen Rathaus gebe, welche das Gendern vorschreibt, ablehnt oder offenhält, antworteten in der Stichprobe zwei Städte mit einem klaren Nein: Kirchheim (rund 40 000 Einwohnende) und Plochingen (knapp 15 000 Einwohnende). In beiden Städten ist demnach auch nicht geplant, eine solche Anweisung zu erteilen. Mit einem eindeutigen Nein antworten auch die Gemeinden Deizisau und Hochdorf (beide unter 10 000 Einwohnende). In Ostfildern (40 000 Einwohnende) gibt es ebenfalls keine „verpflichtende Vorgabe im Sinne eines verbindlichen Leitfadens“. Wichtiger als formale Vorgaben „erscheint es uns, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diese Fragen zu sensibilisieren. Daher haben wir bestehende Leitfäden und Informationen anderer Kommunen im städtischen Intranet veröffentlicht. So haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zugriff auf diese Informationen“, sagt Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay. Zusammenfassend heißt es in Ostfildern: „Wer gendern möchte, kann das machen. Aber niemand muss es tun.“
Keine Doppelpunkte, keine Sternchen
In Esslingen gibt es eine Richtlinie, in Nürtingen eine Anweisung. Allerdings lassen beide offen, wie genau mit dem Thema umzugehen ist. In Esslingen, mit fast 100 000 Einwohnenden die größte Stadt des Landkreises, sind mehrere Möglichkeiten zugelassen. In Nürtingen mit gut 40 000 Einwohnenden heißt es, im Schriftverkehr sei das männliche und weibliche Geschlecht zu beachten. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit folge die Stadt dem Rat der deutschen Rechtschreibung und verzichte auf „Doppelpunkte, Sternchen und dergleichen“, so Carmen Speidel vom Haupt- und Rechtsamt der Stadt Nürtingen. Auch Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs verweist auf den offiziellen Standard: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter orientieren sich ausnahmslos an der geltenden Rechtschreibung .“
Anders in Esslingen, wo laut Sprecherin Nicole Amolsch die Stadtverwaltung geschlechtsneutrale Formulierungen verwendet. Sei dies nicht möglich, sollte der Gender-Doppelpunkt zwischen der männlichen und weiblichen Form verwendet werden. Auch die Paarform – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – könne weiterhin benutzt werden. Oberbürgermeister Matthias Klopfer übrigens nutzt den Gender-Doppelpunkt in seinen Schreiben nicht.