Eine neue Broschüre erinnert an die Deportationen während der Zeit des Nationalsozialismus.
S-Nord - Heute erinnert nichts mehr daran. Kein Stein, keine Tafel, kein Mahnmal. Auf dem kargen mit Kies belegten Platz in der oberen Hälfte des Killesberg-Parks stand vor mehr als siebzig Jahren Schellmanns Ländliche Gaststätte. Von den Nationalsozialisten erbaut, wurde sie später zum Schauplatz des Holocaust.
Die Gaststätte war im Zuge der Vorbereitungen für die Reichsgartenschau 1939 errichtet worden. Es spielten bayrische Blaskapellen, Bierkrüge schellten aneinander, die Stimmung war ausgelassen – eine Atmosphäre wie im Bierzelt. Als die Reichsgartenschau durch den Kriegsbeginn nach knapp vier Monaten früher als geplant beendet wurde, war die Atmosphäre in der Gaststätte und in anderen Hallen des Killesberg-Parks schnell eine andere. 1941 und 1942 wurden auf dem Gelände jüdische Bürger versammelt, um nach mehrtägigem Aufenthalt in den Inneren Nordbahnhof getrieben zu werden. Von dort aus ging es weiter in die Konzentrationslager von Riga, Izbica und Theresienstadt.
Für eine Gedenkstätte fehlt das Geld
„Der Killesberg hat seine hellen und seine dunklen Seiten“, sagt Josef Klegraf, der Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Nord, wenn er über die Bedeutung seines Stadtteils während des Zweiten Weltkrieges spricht. Doch im Gegensatz zum Nordbahnhof, in dem 2006 die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ errichtet wurde, ist der Platz im Killesberg-Park bislang ohne Kennzeichnung. Die Pläne stehen, für die Realisierung aber fehle das Geld, sagt Klegraf. Deshalb wissen nur wenige Parkbesucher um seine historische Bedeutung.
Im Hinblick auf die Deportation am 26. April 1942 nach Izbica, die sich in diesem Jahr zum siebzigsten Mal gejährt hat, fasste er vor einem Jahr einen Entschluss: „Unsere Aufgabe als Geschichtswerkstatt ist es, die Erinnerung aufrecht zu erhalten – auch wenn nur noch ein leerer Platz übrig ist.“ Deshalb hat sich Klegraf mit einem Team daran gemacht, gegen das Vergessen anzuschreiben. Das Ergebnis ist eine sechzigseitige Broschüre mit dem Titel „Der Killesberg unterm Hakenkreuz“, die in drei großen Kapiteln mit Texten und zahlreichen Fotos die Bedeutung des Killesbergs chronologisch von der Reichsgartenschau über die Deportationen bis heute, 2012, beleuchtet. „Wohltuend schnörkellos“, nannte Bezirksvorsteherin Andrea Krueger die Broschüre bei der Präsentation am vergangenen Donnerstag. Das mache sie „eindrücklicher als so manches Geschichtsbuch“.
Keine Hinweise in den Archiven
Klegraf zeichnet für das dritte Kapitel verantwortlich, das sich der Nachkriegszeit widmet. Seiner Meinung nach war „die Nazizeit des Killesbergs nicht 1945 beendet“. Diese Erkenntnis rührt von einer Entdeckung her, die er während seiner Recherchen für die Broschüre machte. Keine der Quellen aus dem Jahre 1950, in dem die Deutsche Gartenschau stattfand, spricht vom Killesberg als Schauplatz des Holocausts. „Mit keinem Wort hat der damalige Oberbürgermeister Klett die Verwicklungen der Stadt in die Judendeportationen erwähnt. Obwohl der Park voll war von Reminiszenzen des Krieges“, sagt Klegraf sichtlich erstaunt. Im Staats- und im Stadtarchiv habe er regelrecht nach Anmerkungen gesucht, doch fündig geworden sei er nicht. Er ist immer noch schockiert über die „ablehnende Haltung der Stadt“.
Info Die Broschüre ist in Kirchen und Läden in Stuttgart-Nord sowie im Antiquariat Steinkopf für fünf Euro erhältlich.