Im Sommer 2024 ist im Bioenergiedorf Hemmingen Prominenz zu Gast, seit November setzt sich die Gemeinde selbstbewusst in Szene. Außerdem soll es auf dem Haldenhof mehr Biogas und mehr Speicher geben.
Wer hätte vor fast 20 Jahren gedacht, dass sich das kleine Hemmingen einmal zu einem beispielhaften Ort entwickeln würde? Heute jedenfalls ist die Gemeinde im Strohgäu mit mittlerweile rund 8000 Einwohnern eines von landesweit 47 Bioenergiedörfern, die ihren Bedarf zu erheblichen Teilen aus regional nachhaltig verfügbarer Biomasse decken.
Mit ihrem Slogan „Hemmingen hat Energie“ präsentiert sich die Kommune seit einigen Wochen selbstbewusster denn je nach außen. Bereits im Sommer besucht der ehemalige Rennrodler Georg Hackl die Gemeinde. Er ist nicht nur früherer Olympiasieger und Weltmeister, sondern auch Botschafter des Fachverbands Biogas. Georg Hackl dreht einen Imagefilm für die Naturenergie Glemstal. Es ist das Unternehmen, das die Gemeinde mit erneuerbaren Energien versorgt. „Hemmingen ist schon ein plakatives Beispiel dafür, wie eine regenerative Energieversorgung der Zukunft aussehen kann und muss“, findet Georg Hackl.
Hemmingen treibt Energiewende massiv voran
In 2024 sind das nur zwei Meilensteine auf Hemmingens Weg zur Energieautarkie. Noch ein halbes Windrad, dann wäre sie erreicht. Der Ort treibt die Energiewende massiv voran. „Für Hemmingen meine ich sagen zu können, dass Energiethemen hier mit einer großen Offenheit aufgenommen werden“, stellt der Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU) fest. Dreiviertel des verbrauchten Stroms werden im Ort produziert. Etwa 2000 Wohnungen, Gewerbebetriebe und der Großteil der kirchlichen und Gemeindegebäude hängen an einem der drei Wärmenetze von insgesamt circa neun Kilometern Länge. In Hemmingen werden im Jahr rund 30 Millionen Kilowattstunden Wärme aus erneuerbaren Energien erzeugt plus rund 15 Millionen Kilowattstunden Strom.
Alles beginnt im Jahr 2006, mit dem Bau der Biogasanlage für drei Millionen Euro auf dem Haldenhof – um das Schul- und Sportzentrum im Nachbarort Schwieberdingen zu beheizen. Dort sind damals die Heizungen kaputt. Hier kommt Ulrich Ramsaier ins Spiel. Ein Pionier für erneuerbare Energien, für Wärmenetze. „Ich finde Biogas total klasse“, sagt er, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und Umweltwirtschaft studiert hat. Die Vorstellung, aus einem Stoff Biogas rauszuholen, bevor er Dünger wird, fasziniere ihn. Biogas sei bei der Umstellung auf erneuerbare Energien aber nur ein kleiner Teil.
Wind, Sonne, Wasser, Boden
Überzeugt schreitet der Ingenieur voran. Seine zentrale Triebfeder: weg von fossiler, hin zu erneuerbarer Energie. Wind, Sonne, Wasser, Boden, „vier Elemente, die man nutzen muss“, sagt Ulrich Ramsaier. Wind und Sonne gelten als die wichtigsten erneuerbaren Energiequellen. Mit beiden, so Ramsaier, müsse man möglichst viel tun. Biomasse indes sei zu gewissen Zeiten nötig, besonders im Winter. Eine Biogasanlage – die in Hemmingen produziert durch die Vergärung von Mais, Gülle und zunehmend Pferdemist Strom – sei auch nur sinnvoll, wenn man die entstehende Wärme verwendet.
Für das Projekt haben sich Landwirte in besagter Naturenergie Glemstal GmbH zusammengetan. Ulrich Ramsaier, damals der Planer des beauftragten Ingenieurbüros, wird der Geschäftsführer. Dicke Bretter habe man am Anfang bohren müssen, erinnert sich der Mittfünfziger.
Die Hemminger wollen stärker von der Bioenergie profitieren
Die Biogasanlage auf dem Haldenhof ist die kreisweit erste gewerbliche Anlage mit vollständiger Wärmenutzung. Die Vorgaben: streng. Der Bebauungsplan für die Anlage sei der erste im Bereich des Verbands Region Stuttgart gewesen, als er im Jahr 2006 beschlossen wurde, blickt Bürgermeister Schäfer zurück.
Schritt für Schritt wird die Energieversorgung ausgebaut. Bald sind in Schwieberdingen auch andere Einrichtungen wie das Rathaus und die Bücherei ans Wärmenetz angeschlossen. Die Hemminger haben durch den Anschluss der Glemstalschule, getragen von beiden Gemeinden, was von der Bioenergie, das ist ihnen aber zu wenig. Also werden die Hochhäuser mit 360 Wohnungen im Gebiet Schlosspark angebunden, im Gewerbegebiet wird dazu das Heizkraftwerk Schlossgut errichtet. Das ist im Jahr 2009. Elf Jahre später bekommt der Haldenhof ein zweites Blockheizkraftwerk. Das Wärmenetz der Hemminger ist heute größer als das der Schwieberdinger. Ramsaier: „Der Mix von Biogasabwärme, Holzhackschnitzeln, Holzpellets und Biomethan-Blockheizkraftwerke ist in dieser Dimension einzigartig in der Region.“
Mehr Biogas, mehr Speicher
Jetzt geht Ulrich Ramsaier weitere Schritte. Vorigen September erhält er von den Gemeinderäten in Hemmingen und Schwieberdingen erstes grünes Licht, um seine Anlagen erneut zu erweitern und anzupassen. Mehr Biogas, mehr Speicher, um noch besser auf den Bedarf zu reagieren: Ulrich Ramsaier will den Haldenhof für die Zukunft rüsten. Er will weitere Kunden versorgen und perspektivisch beide Kommunen unabhängig von fossilen Energieträgern machen. Hierfür muss das Betriebsgelände Richtung Süden wachsen. Flächen werden gebraucht, die noch für die Landwirtschaft reserviert sind.
Geplant sind unter anderem ein neues Blockheizkraftwerk, mehrere Großwärmepumpen und ein Wärmespeicher mit Platz für mindestens 1000 Kubikmeter Wasser. Eine Freiflächen-Photovoltaikanlage und Stromspeicher sollen errichtet werden. Ulrich Ramsaier braucht außerdem mehr Siloraum – „unser Silo ist unsere Batterie“ – und Fermenter mit deutlich größeren Biogasspeichern. Die Gärbehälter mit ihren Hauben sind deshalb zukünftig mit 20 Metern doppelt so hoch wie derzeit.
„Wir müssen flexibel sein“
Ulrich Ramsaier sagt, er wolle erneuerbar. Und zwar mit dem System, das aktuell am effizientesten ist, wie Wärmepumpen, mit denen er mehr arbeiten wolle, und Pufferspeicher für Heizungswasser. Auch ändere sich immer wieder, was erneuerbar ist. „Wir müssen flexibel sein, weil wir die Zukunft nicht kennen“, sagt der Ingenieur.