Jede Menge Anekdoten: Rotraut Völlm , Paul Link, Katrin Kleinbrahm, Karl Schmid, und Veronika Unfried (v.l.). Foto: Simon Granville

Wie war das damals beim Zusammenschluss der ungleichen Gemeinden Korntal und Münchingen? Zeitzeugen haben jede Menge Anekdoten parat

Es sind denkbar ungünstige Vorzeichen für ein Zusammengehen gewesen. Der damalige Ludwigsburger Landrat Ulrich Hartmann hat es 1975 so formuliert: „Es ist der wesensfremdeste Zusammenschluss, den ich mir vorstellen kann.“ Da war auf der einen Seite die von der pietistischen Brüdergemeinde geprägte Gemeinde Korntal und auf der andere die Perle des Strohgäus, die reiche bäuerliche Gemeinde Münchingen, mit den Ortsteilen Kallenberg und Müllerheim. Und die sollen als Folge der Gemeindereform erfolgreich zusammenwachsen? Niemals!

 

Doch! Da sind sich mehr als 100 Menschen im Johann-Friedrich-Flattich-Gemeindehaus in Münchingen bei einem Erzählcafé ganz sicher gewesen. Denn es lag an dem segensreichen Wirken zahlreicher Akteure, dass heute nach einem halben Jahrhundert mehr als nur ein Bindestrich die Orte zusammenwachsen hat lassen.

In Kooperation haben das Heimatmuseum und der Heimatverein Münchingen, das Stadtarchiv und die Volkshochschule die Zeitzeugen Rotraut Völlm, Veronika Unfried, Karl Schmid und Paul Link eingeladen. Mit dem profunden Wissen, das einem der Heimvorteil gibt, hat die Korntal-Münchingerin Katrin Kleinbrahm, Moderatorin aus dem SWR1 Team, die Gespräche und Erzählungen gelenkt.

Die große Frage im Vorfeld der Fusion war: Wer mit wem? Hemmingen und Schwieberdingen? Oder Hemmingen mit Korntal? Hemmingen war naheliegend, doch da gab es ein Problem. „Der Münchinger Bürgermeister Walter Seiler wusste, dass die Nachbarn erhebliche Schulden haben und so eine Braut wollte man nicht“, schilderte Stadtarchivar Andreas Walter.

Die Strohgäubahn verbindet Korntal und Münchingen, eine Straße nicht. Foto: privat

„Aber da war noch mehr“, meldete sich eine Stimme im Saal mit reichlich Hintergrundwissen. „Stuttgart streckte damals die Hände nach Korntal und Kallenberg aus, dabei war letzteres unser großes Gewerbegebiet. Zudem war Bürgermeister Seiler gut befreundet mit dem Korntaler Schultheißen Werner Thrum und wusste, dass dieser kurz vor der Altersgrenze stand. So konnte er sich ausrechnen, dass er gute Chancen auf das Bürgermeisteramt hatte“, erfuhr das erstaunte Publikum.

Die Wahl fiel dann auf Korntal. „Die ersten fünf Jahre im Gemeinderat waren sachliche Pflichtaufgaben, und wir haben den politischen Rahmen für das weitere Funktionieren gesteckt “, erinnert sich Karl Schmid, der zwei Legislaturperioden im Gremium saß. Als einzige Frau war Frauke Weller für die CDU im ersten gemeinsamen Gemeinderat.

Aprilscherz mit bösen Folgen

Wie schwer sich die Orte taten, zeigt ein Aprilscherz im Amtsblatt 1978. Herausgeber Benno Zanetti ersann mehrere Beiträge mit dem Inhalt, dass die Fusion aufgehoben werde, selbst ein Interview mit Ministerpräsident Hans Filbinger. Die Wellen schlugen hoch und in einer Nacht- und Nebelaktion wurde eine Fuhre Stalldünger vor das Verlagshaus gekarrt und eine Tafel „Bennos Mist“ dazugestellt. Bürgermeister Walter Seiler war so erbost, dass er er Zanetti die Herausgeberschaft für das Amtsblatt kündigte.

Dann wurde ein Thema aktuell, das die Orte bis heute im wahrsten Sinne des Wortes teilt. „Es hieß, die A 81 wird verbreitert und es kommen zusätzliche Brückenwerke und eine Straße, die Korntal und Münchingen verbinden soll“, erinnerte sich Karl Schmid. „Noch nie waren sich die meisten in den beiden Orten so einig, wie bei der Ablehnung dieser Straße“, blickte Schmid zurück. „Es gibt zwar keine geografische Verbindung, aber es waren verbindende Menschen, die über Jahrzehnte Brücken geschaffen haben“, sagte Moderatorin Katrin Kleinbrahm.

Verbindend gewirkt hat auch die charismatische Persönlichkeit Wirken des Ölmüllers Eugen Völlm. „Er hat es bereits auf familiärer Ebene gemacht, denn er hat eine Korntalerin geheiratet“, scherzte die 1954 geborene Tochter Rotraut Völlm. Nach neun Monaten Stillzeit habe die Hebamme verkündet, dass jetzt Zeit sei, dass das Kind was Rechts bekommt: gutes Vollkornbrot in Milch. Doch woher Vollkornbrot nehmen? Eugen Völlm ging in eines der drei Münchinger Backhäusle.

Die einzige freie „Backstelle“, es gab ein Drei-Stunden-Zeitfenster, war Dienstagabend von 21 bis 24 Uhr. Erst gegen Mitternacht konnte er die Brote aus dem Ofen holen und so bürgerte sich später der Name „Mitternachtsbrot“ ein.