Erst mit 94 Jahren hat Paul Nimrod seine Biografie geschrieben. Als Ungarndeutscher wurde er 1946 vertrieben und kam nach Münchingen. Foto: Simon Granville

Vor 80 Jahren haben mehr als 300 vertriebene Ungarndeutsche aus der Stadt Schambek eine neue Heimat in Münchingen gefunden. Der 97-jährige Paul Nimrod blickt zurück.

Es ist ein Schicksalstag in der zukünftigen Entwicklung von Münchingen gewesen, als es vor 80 Jahren praktisch von einem Tag zum anderen Hunderte neue Einwohner erhielt. Am 27. April 1946 waren der kleinen Strohgäu-Gemeinde aus dem Flüchtlingslager Malmsheim mehr als 300 vertriebene Ungarndeutsche zugewiesen worden.

 

Sie alle stammten aus dem 30 Kilometer westlich von Budapest gelegenen Ort Zsámbék (deutsch Schambek). Diese Zeiten der Bedrängnis bewusst miterlebt und noch gut im Gedächtnis hat der 97-jährige Münchinger Paul Nimrod. Sein Leben steht aber auch für die gelungene Integration der einst Heimatlosen hierzulande.

80 Prozent der Schambeker müssen 1946 gehen

Das Schicksal Tausender Ungarndeutschen wurde mit einem Beschluss der Potsdamer Konferenz der Siegermächte besiegelt, den die ungarische Regierung 1946 mit der „Kundmachung bezüglich der Rücksiedlung der Deutschen aus Ungarn nach ihr Mutterland“ in die Tat umsetzte. Der Beschluss betraf auch die Deutschen in Polen und in der Tschechoslowakei.

Alle ungarischen Staatsbürger mit deutscher Muttersprache mussten das Land verlassen. Die Listen stützten sich auf eine Befragung aus dem Jahr 1940. Wer damals Deutsch angegeben hatte, musste gehen. Von den etwa 4800 Schambeker betraf es 80 Prozent der Bevölkerung. In seinen 2023 verfassten Memoiren „Wusstet ihr eigentlich…?“ schreibt Paul Nimrod: „Wir fühlten uns alle als Ungarn, doch alle Einwände der Betroffenen wurden abgeschmettert.“

Heimatvertriebene Ungarndeutsche im Güterwagen nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Stadt Gerlingen

Geradezu zynisch klingt in der Kundmachung die Begründung: „Diese Verfügung ist keine Strafmaßnahme den deutschen Einwohnern gegenüber, sie kehren ja nach ihr eigentliches Heimatland, zu ihren Rassebrüdern, in einen Verwandtenkreis zurück, wo für ihren Lebensunterhalt bereits am weitgehendsten gesorgt wurde.“

Die Donauschwaben gibt es seit dem 18. Jahrhundert

Welche Verwandten nach 200 Jahren? Die Ungarndeutschen gehörten zu den deutschen Siedlern, die im 18. Jahrhundert unter dem Sammelbegriff Donauschwaben von der Habsburgermonarchie nach den Türkenkriegen in der Pannonischen Tiefebene angesiedelt wurden. Ihr Siedlungsgebiet wurde 1920 mit dem Vertrag von Trianon an Ungarn, Rumänien und Jugoslawien aufgeteilt. Für die Ungarn ist der Vertrag bis heute ein nicht verheiltes Trauma und Gegenstand der Politik. Zwei Drittel des Territoriums des historischen Königreichs fielen seinerzeit verschiedenen Nachbar- und Nachfolgestaaten zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen diese drei Länder unterschiedlich mit der deutschen Minderheit um. Rumänien sah von einer Zwangsaussiedlung ab, verkaufte aber während der Ceausescu-Diktatur seine ausreisewilligen Deutschen gewinnbringend an die Bundesrepublik.

Ungarn und Jugoslawien vertrieben sie, was nebenher auch profitabel war, denn die Besitztümer der Betroffenen fielen dem Staat zu. In Jugoslawien geschah die Vertreibung mit besonderer Brutalität, begleitet von Racheakten der Partisanen, Internierungen in Lager, in bewachte Dörfer unter „spezieller Verwaltung“ sowie mit Deportation in die Sowjetunion (vor allem in die Ukraine) zur Zwangsarbeit, was Zehntausende das Leben kostete.

Höhnisch, angesichts der späteren Realität, klingt auch die Formulierung in der ungarischen Kundmachung: „Die Rücksiedelnden werden in heizbaren, mit Liegestätten versehenen Waggons befördert, für ihre sanitäre Versorgung werden entsprechende Maßnahmen getroffen.“ Die heizbaren Waggons sollten sich als Viehwaggons entpuppen in denen ein Kanonenofen stand, die Liegestätten als einige Ballen Stroh und die sanitäre Versorgung ein Eimer für die 36 Personen im Waggon, erinnert sich Paul Nimrod.

Ihn hatte der Beschluss der Rücksiedlung in Stuhlweißenburg überrascht, wo der Absolvent einer Budapester Mittelschule, auf der höheren Handelsschule zum Kaufmann ausgebildet werden sollte. Sein Vater besaß einen großen Laden am Marktplatz von Schambek.

Vier große Transporte mit jeweils rund 1000 Menschen wurden für die aus Schambek Vertriebenen zusammengestellt. Ungarische Bauern aus dem Nachbarort brachten sie mit Pferdewagen am 7. April 1946 zum Bahnhof. Ihr Gepäck durfte 80 Kilogramm, davon 20 Kilogramm Verpflegung, nicht überschreiten. Die Nimrods – Vater, Mutter, Paul und seine drei Schwestern sowie eine verwitwete Tante – hatten ein halbes Kilogramm Tabak, 100 Schachteln Streichhölzer und vier Hühner zu viel, was konfisziert wurde.

Zehn Tage lang dauerte die Fahrt der 40 Waggons durch Österreich und Süddeutschland, als am 16. April der Zug in Renningen Endstation hatte. Das Lager Malmsheim auf dem ehemaligen Flugplatz wurde zur vorläufigen Bleibe für die Neuankömmlinge. Doch dann kam am 26. April ein neuer Transport aus Ungarn an und auch diese Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf.

Vor der Vertreibung: 1943 feierten die Zsámbéker noch ein Weinfest in ihrem ungarischen Heimatort. Foto: privat

Für mehr als 300 Schambeker steht am Folgetag ein leerer Zug bereit. Nach weniger als zwei Stunden sind die Menschen vor der riesigen Getreidehalle in Münchingen angekommen in der 320 Betten stehen. Zimmerleute arbeiten noch an einer Holzwand, die den Männer- und den Frauenwaschraum trennt. Der Adlerwirt hat einen großen Kessel angekarrt in dem er und einige Frauen das erste Abendessen vorbereiten. Die Betten bestehen aus einem Strohsack und zwei Decken – „recht komfortabel“, findet der 17-Jährige. Weitere 200 Schambeker aus dem Malmsheimer Lager finden drei Tage später in Gerlingen eine neue Heimat.

Nach und nach finden die Menschen Unterkunft und Arbeit

Vom Lager aus beginnen die Menschen ein neues Leben aufzubauen. „Mit offenen Armen wurden wir nicht empfangen, was verständlich war,“ sagt Paul Nimrod. Es wurde eine Wohnungskommission gegründet, der auch sein Vater angehörte, die von Haus zu Haus ging. Wurde ein leerer Raum gefunden, wurden Vertriebene zwangsverteilt. „Da musste so mancher Stall und so manche Hütte als Unterkunft herhalten“, sagt der Senior. Sonntags ging man zu Fuß nach Ditzingen in die Kirche, den Katholiken diente die Speyrer Kirche als provisorischer Gottesdienstort.

Langsam leerte sich die Getreidehalle. Die Menschen fanden Arbeit teils bei den Dorfbauern und viele in Stuttgart bei den Aufräumarbeiten. Weil Mangel an Arbeitskräften herrschte, waren die Neubürger hier willkommen. Paul Nimrod ging zu Bosch, seine Schwester zu Salamander, andere fuhren bis nach Ludwigsburg zu Bleyle.

Und die Menschen waren kreativ: So gingen Paul Nimrods Vater und sein Onkel nach der Arbeit nach Weilimdorf, wo sie aus dem Schutt der Stuttgarter Aufräumarbeiten, der später zum Grünen Heiner wurde, Ziegelsteine reinigten. „Große Teile unseres Hauses in der Münchinger Blumenstraße sind aus Stuttgarter Ruinensteinen gebaut“, sagt der Vater von zwei Söhnen und Großvater von sieben Enkeln und zehn Urenkeln.

Die Lebensauffassung der Schambeker Neubürger passte perfekt in die schwäbische Mentalität der Ur-Münchinger von „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ Das zeigt auch der berufliche Werdegang von Paul Nimrod. Nach seiner Lehre als Mechaniker bei Weckerle in Zuffenhausen (Maschinen für die Holzverarbeitung), folgten Jahre bei Bosch in der Versuchs- und der Entwicklungsabteilung, beim Kesselbauer Rohleder und bei Lapp.

Selbstständigkeit war ein großer Anreiz für Paul Nimrod

Bahnbrechend war die Bekanntschaft und frühe Zusammenarbeit mit Wolfgang Hohors, der ab 1961 die Basis für die Entwicklung des 30-Mann-Betriebes „Wago“, der die ersten schraubenlose Klemmen herstellt, zum heute weltweit agierenden Konzern mit mehr als 9000 Mitarbeitenden legte. Dieses Miteinander führte auch 1980 zur Gründung Paul Nimrods eigener Firma für Verteilerkästen mit schraubenlosen Verbindungen.

„Ich bin heute noch ein Schambeker, aber ich bin auch ein Münchinger“, sagt Paul Nimrod und blickt zufrieden auf 97 Jahre zurück. Schon in jungen Jahren habe ihn die Selbstständigkeit gereizt. „Ich wollte mich nicht vor Anderen verantworten müssen und Rechenschaft ablegen. Mir war es lieber, dass ich Erfolg und Misserfolg nur mit mir selbst ausmachen konnte“, sagt der 97-Jährige und ergänzt: „Der finanzielle Aspekt stand nie als Antrieb im Vordergrund, und auch nicht, einen gewissen gesellschaftlichen Status zu erreichen.“