Das Waldhorn an der Bundesstraße 27 in Ludwigsburg Foto: factum/Andreas Weise

Das Gebäude an der umtosten Ludwigsburger B 27 hat eine große Vergangenheit, große Namen inklusive.

Ludwigsburg - Von Salzburg aus führte der Weg die drei Reisenden nach München, von dort aus nach Norden, über Schwetzingen, Mainz und Köln weiter durch Belgien, Frankreich, England, die Niederlande und die Schweiz. Dreiein-halb Jahre wird die später in allen Biografien so genannte „Wunderkindreise“ dauern, in allen europäischen Metropolen, an allen europäischen Höfen wird die Familie gastieren. So lange aber sind sie am Abend dieses 11. Juli 1763 noch nicht unterwegs.

 

Unterkunft für Mozart und Casanova

Vielleicht muss man sich einen warmen Sommerabend vorstellen, als Leopold Mozart mit seinen beiden Kindern die Vortreppe des ersten Gasthauses Ludwigsburgs, des Waldhorns, herabsteigt, um hinüber in den Schlosshof zu spazieren. Im Ordenssaal des Schlosses wird er erwartet, dort konzertiert sein vielbestaunter Sohn Wolfgang Amadeus bereits seit zwei Abenden: Solo am Klavier oder der Violine, mit ihm, dem Vater, oder mit seiner Schwester Maria Anna, dem Nannerl.

Drei Abende lang spielt die Familie im Ordenssaal des Schlosses, drei Tage lang logiert sie im Waldhorn, wo der Vater Kontakte zu Musikern und wohlwollenden Unterstützern des Projekts Europareise zu knüpfen hofft.

Das Waldhorn ist 1763 das erste Haus am Platz. Wer Rang und Namen hat, steigt hier ab. So ist die Liste der prominenten Gäste schon im 18. Jahrhundert eine illustre, neben den Mozarts der bekannteste Gast ist wohl der als Diplomat, Dichter und Spieler, vor allem aber wegen seiner zahllosen Liebschaften berüchtigte Giacomo Casanova de Seingalt (1725-1798).

Mehr als nur ein Gasthaus

Für den Bau des Hauses verantwortlich zeichnet Joseph Friedrich Nette (1672-1714), der dem Herzog Eberhard Ludwig im Winter 1606/1607 Pläne für den stagnierenden Fortgang des Schlossbaus vorgelegt hatte. Er scheint Herzog Eberhard Ludwig beeindruckt zu haben: Mit Dekret vom 9. Mai 1707 wird Nette zum ersten württembergischen Hofbaudirektor und in seiner Funktion als leitender Schlossarchitekt bestätigt.

Das Gasthaus zum Waldhorn errichtet er 1707/ 1708 auf höchst kuriose Weise: Weil der Kavaliersbau dem ehrgeizigen Schlossbauprojekt auf der östlichen Seite der Schlossstraße im Wege ist, wird er von Nette Stück für Stück abgetragen und an seinem heutigen Standort neu errichtet, „damit die Künstler, Meister, Arbeiter einen Ort sowohl zur Logierung als auch zur Speisung haben möchten,“ wie der Dekan Georg Sebastian Zilling, erster Chronist der noch jungen Stadt, berichtet. Als das Waldhorn 1707/1708 errichtet wird, ist es mehr als nur ein Gasthaus. Es ist auch das erste Richthaus Ludwigsburgs – also eines jener Häuser, die die geometrische Anlage der Planstadt festlegten und von deren Positionierung aus die Wohnquartiere erbaut wurden. In der Nord-Süd-Achse ist durch das Waldhaus die heutige Schlossstraße festgelegt, in der Ost-West-Achse die heutige Marstallstraße.

Ein geschäftiger Ort

Der zunächst als Gästeherberge für das noch unfertige herzogliche Schloss dienende Bau wird ab 1730/1731 ausgebaut und um einen nördlichen Wohnflügel (mit weiteren Gästezimmern) und einen südlichen Stallflügel erweitert. Immerhin: eine derart große Herberge des 18. Jahrhunderts erfordert einiges an Logistik: Stallungen für die Pferde der Reisenden sind nötig, Remisen für deren Kutschen, Lager für Heu, Stroh und Vorräte, ein Backhaus, ein Waschhaus, einen Brunnen. Entsprechend hoch dürfte das Personalaufkommen gewesen sein – und so muss man sich den Dreiflügelbau um die Mitte des 18. Jahrhunderts wohl als einen so geschäftigen wie geselligen Ort vorstellen. Erholsam werden die Nächte und die Tage, die die Mozarts in Ludwigsburg zu Gast waren, also wohl kaum gewesen sein.

Zweihundert Jahre nach diesen Ereignissen wurde 1930 der Südflügel abgerissen, einige Jahre später der Gastraum renoviert und insbesondere die Eingangsfreitreppe wieder errichtet, die im Jahre 1901 beseitigt worden war.

Im 20. Jahrhundert ist das Waldhorn überwiegend ein Mietshaus. Der bis heute erhaltene Nordflügel (Marstallstraße 6) wurde 1765, aus Erbgründen von dem zur Schlossstraße blickenden Hauptbau des Gasthauses abgeteilt. Ab 1785 befindet er sich im Besitz der reformierten Gemeinde, die hier einen Betsaal einrichtete. 1824 schließlich wird auch der Nordflügel umgestaltet und ein großer Tanz- und Musiksaal zum Hofe angebaut. Diese Struktur ist bis heute erhalten.