Premiere: Der englische Landarzt Edward Jenner infiziert am 14. Mai 1796 den achtjährigen Sohn seines Gärtners mit Kuhpocken, um ihn gegen Menschenpocken zu immunisieren – mit Erfolg. Foto: Wikipedia/gemeinfrei

Ende des 18. Jahrhunderts gelingt dem englischen Landarzt Edward Jenner ein großer Wurf: Er entwickelt ein Prophylaktikum, das die Menschen vor den gefürchteten Pocken schützt. Die Immuntherapie ist geboren.

Berkeley - „Um den Verlauf der Infektion noch genauer zu beobachten, wählte ich einen gesunden, etwa achtjährigen Knaben aus, um ihm die Kuhpocken einzuimpfen. Der Stoff stammte aus der Pustel des Armes einer Milchmagd, die sich bei den Kühen ihres Herrn angesteckt hatte, und wurde am 14. Mai 1796 mittels zweier oberflächlicher Hautschnitte von etwa ein Zoll Länge dem Arm des Knaben appliziert.“

 

So beschreibt der englische Landarzt Edward Jenner (1749–1823) jene Erfindung, mit der er in die Geschichte eingeht: die Pockenschutzimpfung via Vakzination (lat.: vacca, die „Kuh“), die zum ersten Mal eine aktive Immunisierung gegen eine Infektionskrankheit ermöglicht – und mit der Jenner die Gesundheitsvorsorge revolutioniert.

„Blattern“ gelten als Geißel der Menschheit

Edward Jenner wurde am 17. Mai 1749 als jüngster Sohn eines Vikars in Berkeley, Gloucestershire, geboren. Mit fünf verlor er beide Eltern und wuchs fortan in der Obhut seiner älteren Schwestern auf. Bereits als 14-Jähriger erlernte er die Chirurgie bei einem Wundarzt und Apotheker in Sudbury bei Bristol. Später studierte er Medizin am St. Georges Hospital in London. 1772 kehrte Jenner nach Berkeley zurück, wo er eine Praxis eröffnete. Hier kam er häufig mit Patienten in Kontakt, die an Pocken litten – eine lebensbedrohliche Infektionskrankheit, an der er als Kind beinahe gestorben wäre.

Lesen Sie auch: „Die Pocken waren einst die schlimmste Seuche“

Die „Blattern“, wie man die Menschenpocken damals nannte, waren seit der Antike eine Geißel der Menschheit. Es handelt sich dabei um eine per Tröpfcheninfektion übertragene Virus-Erkrankung, die im Rachenraum beginnt und sich dann im ganzen Körper ausbreitet, zur Bildung von Eiterpusteln, manchmal zu Blindheit und oft auch zum Tod führt. Ende des 18. Jahrhunderts betrug die Sterblichkeitsrate etwa 25 Prozent, besonders hoch war sie bei Kindern. Zu Jenners Zeiten starb jedes siebte neugeborene Kind in Europa an Pocken.

Erste Behandlungsmethode kommt aus dem Osten

In China und im Nahen Osten kannte man schon seit Längerem die „Variolation“, eine Behandlungsmethode, die auf dem Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu behandeln, basierte, und die Lady Mary Wortley Montagu (1689–1762), Gattin des britischen Botschafters in Konstantinopel, 1721 von dort mitgebracht hatte.

Dabei wurde Flüssigkeit aus den Pusteln von Pockenkranken entnommen, deren Erkrankung eine milde Verlaufsform zeigte, und in die Haut eines Gesunden eingeritzt. Mit dieser künstlichen Infektion glaubte man, die abgeschwächten Erreger würden bei dem Geimpften eine ebenfalls milde Erkrankung hervorrufen und ihn immunisieren.

Jenner macht sich das Wissen der ländlichen Bevölkerung zunutze

Es funktionierte, aber nicht immer. Zeitgenossen bezifferten die Sterblichkeitsrate bei der Variolation auf 2,5 Prozent. Ein Wert, der weit unter der bei Pockenepidemien für gewöhnlich auftretenden Letalität von 25 Prozent lag. Effektiver und sicherer war die Vorgehensweise, die mit dem Namen Jenner verbunden ist.

Jenner stützte sich auf ein Erfahrungswissen, über das man in der bäuerlichen Bevölkerung bereits seit Längerem verfügte. Dort wusste man, „dass Kuhpocken, die beim Menschen nur lokale, meist von selbst ausheilende Infektionen verursachen, Immunität gegen die gefährlichen Menschenpocken verleihen können“, erklärt der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte.

Ein Bauer macht den ersten Versuch

Erste Impfversuche mit Kuhpocken soll in England der Bauer Benjamin Jesty bereits 1774 durchgeführt haben, als er angesichts einer Menschenpockenepidemie seine Familie unter Zuhilfenahme von Stricknadeln mit Kuhpockenerregern infizierte. Jenner stellte Beobachtungen an und sammelte systematisch Datenmaterial. Bald zeichnete sich ab, was unter Bauern bereits als erwiesen galt, dass nämlich Landarbeiter, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, oft von den Menschenpocken verschont blieben.

Jenner fand heraus, dass dies insbesondere für die Mägde auf den Farmen galt, speziell für die „milk-maids“, die vornehmlich mit dem Melken der Kühe beschäftigt waren. „Die Kuhpocken waren bei den Frauen geradezu eine Berufskrankheit – eine mit Blasenbildung einhergehende Infektion am Euter der Kühe, welche die Mägde an den Händen bekamen, wo sie als Melkerknoten galten“, so der Medizinhistoriker Ronald D. Gerste.

Premiere mit dem Sohn des Gärtners

Jenner schloss daraus, dass Kuhpocken immunisieren und eine Vakzination mit weit weniger Risiko verbunden sei als mit der Variolation. Um seine Hypothese zu untermauern, wagte er schließlich einen ersten Versuch: Am 14. Mai 1796 entnahm Jenner mit einer Nadel aus einer Blase an der Hand der Milchmagd Sarah Nelmes, die sich gerade mit Kuhpocken infiziert hatte, etwas Sekret und ritzte dieses James Phipps, dem Sohn seines Gärtners, in die Haut.

Einige Wochen später, am 1. Juli, ritzte Jenner ihm Menschenpocken in die Haut. Es kam zu keinem Ausbruch. Jenner war ein hohes Risiko eingegangen. Doch der aus heutiger Sicht ethisch problematische Versuch verlief ohne Komplikationen, so dass er bald weitere Tests durchführte, auch an seinem elf Monate alten Sohn Robert.

Die Herstellung des Impfstoffs ist mühsam

Jenner sah sich bestätigt und veröffentlichte zwei Jahre später einen wissenschaftlichen Bericht „Untersuchung über die Ursachen und Wirkungen der Kuhpocken“, in dem er den Nachweis der Schutzwirkung der Kuhpocken gegen Menschenpocken erbrachte.

Ein Problem war die Impfproduktion: Da es damals noch nicht die Möglichkeit gab, den Impfstoff in Laboren in Serie herzustellen, musste der Erreger in einem langwierigen Prozess aus Originalmaterial angezüchtet werden. Jenner gewann die Impfflüssigkeit aus den Pusteln von mit Kuhpocken infizierten Personen. Diese sollten „reif“ und der Eiter „frisch“ sein. Trotz des zeitaufwendigen Prozederes zeigte sich Jenner optimistisch, mit der Vakzination die Menschheit von einer ihrer schlimmsten Geißeln befreien zu können.

Impfgegner machen mobil

Das sah nicht jeder so. Impfgegner machten mobil und versuchten Jenners Behandlungsmethode zu diskreditieren. In Zeitungen erschienen Spottbilder, auf denen sich Patienten nach der Behandlung in Kühe verwandeln. Für Kirchenvertreter war der Umstand, dem Körper tierische Materie einzupflanzen, Blasphemie. Selbst der große Vernunftmensch Immanuel Kant stieß ins gleiche Horn. Er sprach von einer „moralischen Waghalsigkeit“ und davon, dass dem Menschen mit den Kuhpocken auch eine „tierische Brutalität“ eingeimpft werde.

Jenners Gegner konnten den Siegeszug der Pockenschutzimpfung nicht stoppen. Nachdem einige US-Bundesstaaten den Anfang gemacht hatten, führte das Königreich Bayern 1807 eine Impfpflicht gegen Pocken ein, gefolgt von Russland (1812), Preußen (1815), England (1867) und dem Deutschen Reich (1874). Knapp 200 Jahre nachdem Jenner „die Vernichtung der Pocken“ als Endziel ausgerufen hatte, erklärte die Weltgesundheitsorganisation sie 1979 für ausgerottet.