Die Gründergeneration vor dem Kindergarten am Heimberg: Werner Weber, Inge Geißler, Ruth Maier, Eva Hausch, Horst Pach, Werner Geißler und Sigrid Bock (v.l.). Foto: /Georg Friedel

Vor 50 Jahren wurden junge Mütter und Väter aktiv. Durch deren Engagement entstanden selbst organisierte Kindergärten in ganz Stuttgart. Das Erfolgsmodell lebt bis heute fort.

Von der Bushaltestelle Heimberg im Feuerbacher Tal führt eine geteerte Straße am Friedhof vorbei den Hügel in Richtung Waldrand hinauf. Ein Holzschild mit aufgemalten Kinderfiguren am Saum des Weges mahnt: „Fahr vorsichtig – wir wollen auch erwachsen werden.“ Willkommen im Kindergarten am Heimberg, fast mitten in der Stadt, aber auch mitten in der Natur.

 

Unterhalb der Waldheim-Baracke der Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Heimberg steht das Holzhaus mit Satteldach. „Kindergarten der Eltern-Kind-Gruppe Feuerbach e. V.“ hat jemand auf die Seitenwand in bunten Großbuchstaben gepinselt. Vor der gelb-blau-rot lackierten Eingangstür befindet sich ein kleiner eingezäunter Garten mit Holzbänken und umgeben von einem Staketen- und Maschendrahtzaun. Letzteren haben die Kinder mit gefilzten Osterhasen verziert. In einem großen Pflanztrog, auf dem die Raupe Nimmersatt gemalt ist, wachsen Kräuter, Rosenstöcke und andere Blumen.

Waldhaus als Spielparadies für Kinder

Auf den Laubbäumen drumherum trillern Singvögel. Dazwischen sind die Stimmen jauchzender Kinder zu hören, die auf dem weitläufigen Waldgelände am Hang nach Herzenslust spielen und herumtollen können. Hinter dem Haus stehen fein säuberlich aufgereiht sieben kleine Schubkarren, die an die Wand gelehnt sind. Darüber hängen ein gutes Dutzend roter Hula-Hoop-Reifen. Auch das Innere entpuppt sich als kleines Paradies mit vielen schnuckligen Ecken zum Spielen, Basteln, Handwerken oder sich Verkleiden. Die Waldhütte wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Sie könnte auch als passende Filmset-Kulisse für „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ dienen. Kaum zu glauben, dass dieses Kinderparadies seit nunmehr 50 Jahren existiert. Eine so lange Lebensdauer hätte der Eltern-Kind-Gruppe bei ihrer Gründung 1972 wohl niemand vorauszusagen gewagt.

Das Damoklesschwert des Abbruchs

In einem der ersten Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 26. April 1973 stand über das damals gerade neu initiierte Kindergarten-Projekt zu lesen: „Dass das Haus, wie Arbeiterwohlfahrts-Geschäftsführer und Stadtrat Heiner Massa ankündigte, in absehbarer Zeit abgebrochen werden müsse, stört die Vorstandsmitglieder des Vereins wenig: „Hauptsache, wir können mit unserer Kindergartenarbeit einmal anfangen.“

Fünf volle Jahrzehnte hat die Uhr des Heimberg-Häusles inzwischen auf dem Zeiger. Und das Modell ist aktueller denn je. Denn die angespannte Kita-Platz-Situation in Stuttgart macht private Initiativen wie diese auch in Zukunft unverzichtbar. Allerdings brauchten die Projekt-Verantwortlichen von Beginn an Courage und Mut. Das Damoklesschwert des Abbruchs hing über der Einrichtung. So ließ sich die Gründer-Gruppe nicht durch die kursierenden Pläne des Ausbaus der Bundesstraße schrecken. Damals sollte die B 295 von der Azenbergstraße in einem Tunnel durch den Killesberg und dann auf einem Brückenbauwerk übers Feuerbacher Tal geführt werden. Die monströse Planung für den Bau der sogenannten Azenbergtrasse verschwand nach den massiven Protesten wieder in den Schubladen der Planer: „Sonst stünde jetzt voraussichtlich eine riesige Betonstütze für ein überdimensionales Brückenbauwerk genau dort, wo sich der Kindergarten am Heimberg befindet“, sagt Werner Weber und atmet heute noch tief durch. Er ist einer der Gründungsväter, die sich damals für das Kiga-Projekt begeisterten. „Meine damalige Frau war Grundschullehrerin. Sie fand diese Initiative sehr unterstützenswert, und da habe ich aus Idealismus auch mitgemacht“, berichtet er.

Damals wie heute: kaum Plätze

Handwerkliches Know-how waren beim Aufmöbeln des Holzhauses genauso gefragt wie Organisationstalent und Schaffer-Mentalität. Auch viel finanzieller Einsatz war vonnöten. Neben städtischen Zuschüssen sei es damals aber auch der finanziellen Hilfe und materiellen Unterstützung der Handwerksbetriebe, Unternehmen und Privatleute vor Ort zu verdanken gewesen, dass das Holzhaus ausgebaut und in Schuss gebracht werden konnte, berichtet Ruth Maier. Eigentlich sei dieses Gemeinschaftsprojekt aus der puren Not heraus geboren worden, erzählt die heutige Bürgervereinsvorsitzende: „In Feuerbach war damals – ähnlich wie heute – der Bedarf an Kindergartenplätzen sehr groß. Wenn du wie ich damals als junge und berufstätige Frau nach einem Betreuungsplatz für dein Kleinkind gesucht hast, dann hattest du einfach schlechte Karten.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Podiumsdiskussion der Feuerbacher Jusos über Vorschulerziehung brachte den Missstand zur Sprache und den Stein ins Rollen. Denn der damalige Juso-Vorsitzende fasste es am Ende der politischen Debatte so zusammen: „Wenn ihr an der prekären Kita-Situation hier vor Ort etwas verbessern wollt, dann müsst ihr selbst aktiv werden.“ Also schlossen sich damals junge Väter und Mütter aus Feuerbach und Zuffenhausen zusammen und gründeten den Verein. Am 25. Juli 1972 fand die konstituierende Mitgliederversammlung statt. Etwa 30 junge Eltern und Ehepaare wurden aktiv. Der Verein war gleichzeitig ideeller und materieller Träger des späteren Kindergartens am Heimberg. „Ich war damals mit 25 Jahren die erste Vorsitzende und mein heutiger Mann Werner Weber der Kassierer“, berichtet Maier und fügt augenzwinkernd hinzu: „Das war mein erster unbezahlter Vorstandsposten.“

Jeder kann sich einbringen

Solche Eigeninitiative ist bis heute gefragt. Nicht nur beim Ausbau und Erhalt des Heimberg-Häusles, sondern auch beim Betrieb des Kigas. F iel damals ein Erzieher krankheitsbedingt aus, wurde in der Elternschaft herumtelefoniert, bis jemand Zeit freischaufelte und einsprang. Bis heute gibt es festgelegte Kochdienste der Eltern, Arbeits- und Putzsamstage, regelmäßige Elternabende. Aber auch Sommerfeste, Freizeiten, Laternenumzüge und Faschingsfeiern werden gemeinsam mit den Erziehern organisiert. „Die Eltern bringen sich in den Kiga-Betrieb ein, wechseln sich bei den Aufgaben ab und lernen sich dadurch gegenseitig kennen“, erinnert sich Werner Geißler, der lange Jahre Vorsitzender der Naturfreunde Feuerbach war und der früher auch bei der Eltern-Kind-Gruppe im Vorstand aktiv war. Für ihn ist im Rückblick betrachtet eines ganz zentral: „Die Kinder konnten immer raus in die Natur und im Wald spielen.“ Das ist bis heute so geblieben: Die 18 Kinder, die hier von einem dreiköpfigen Erzieherteam betreut werden, genießen diese Freiheiten. Sie haben jeden Tag die Möglichkeit – egal ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit - durch Wald und Wiesen zu streifen.

Ein Ableger der 1968-Bewegung

In anderen Stadtbezirken Stuttgarts gab es damals auch schon ähnliche Initiativen – wie zum Beispiel den Kinderladen Eierstraße in Stuttgart-Süd oder aber den Kinderladen „Aktion Vorschulerziehung e. V.“ im Stuttgarter Norden.

„Unser Verein wurde am 9. Januar 1968 gegründet“, berichtet eine in der Kiga an der Parlerstraße 106 beschäftigte Erzieherin. Beide Einrichtungen gelten als direkte Ableger der 68-Bewegung und als älteste Kinderläden in Stuttgart. Die Gründergeneration ging davon aus, dass eine Veränderung dieser Gesellschaft bereits bei der Erziehung der Kleinkinder beginnen müsse. In Feuerbach wurde auch schon Ende der 1960er Jahre aus einer Elterninitiative heraus ein privater Kindergarten in einem Gebäude an der „Unteren Querstraße“ eröffnet, das aber einige Jahre später abgerissen wurde: „Damals war Martin Hirschmüller der Initiator der Elterninitiative. Er hat auch 1972 den Bürgerverein gegründet“, sagt die heutige Bürgervereinsvorsitzende Maier. Inzwischen gibt es in ganz Stuttgart 53 Eltern-Kind-Gruppen mit mehr als 1300 Plätzen in 17 Stadtbezirken. Sie sind in einem eigenen Dachverband zusammengefasst.

Ein Hauch von Summerhill

Auch durchs Feuerbacher Tal wehte damals ein Hauch von Summerhill, Reformpädagogik und antiautoritärer Erziehung. Die Kinder sollten sich und ihr Spiel selbst bestimmen. Der Mief der 1950er und 1960er Jahre sollte hinweggefegt werden. „Viele junge Eltern suchten damals nach einem neuen Erziehungsstil“, berichten Maier und Weber. Und es sollte im Kiga am Heimberg locker zugehen. „Eva Hausch war unsere erste Kindergärtnerin. Bei ihr durften die Kinder beim Mittagessen die Spaghetti auch mal direkt vom Teller schlürfen“, erinnert sich Ruth Maier. Gleichzeitig brachte Hausch den Kindern bei Waldgängen die Natur näher. Sie sammelte auch Pilze mit den Kleinen und im Kindergarten wurde dann gemeinsam ein Pilzgericht gekocht. „Und alle haben überlebt“, lacht Werner Weber. Und so lebt auch der Geist einer freiheitlichen und demokratischen Erziehung am Waldrand des Heimbergs fort und wird von einer Elterngeneration zur nächsten weitergetragen. „Zum 50-jährigen Bestehen soll es eine Ausstellung über den Kindergarten vom Gründungsjahr bis heute geben“, verspricht Denise Thometzek vom jetzigen Vereinsvorstand in Feuerbach. Geplant sei ein offenes Wochenende am 24. oder 25. September. „Wir aktuellen Eltern werden vor Ort sein und interessierte ehemalige Kindergartenkinder und -eltern zu einem kleinen Sektempfang gestaffelt über das komplette Wochenende einladen.“

Infos: www.eltern-kind-gruppe-feuerbach.de