Bei der Rettungsaktion im Februar 1964 haben sich viele Schaulustige eingefunden Foto: Archiv/Kraufmann

Seit 300 Jahren wird die Falkensteiner Höhle von Menschen ge- und teils missbraucht. Zeitweise war Gold der Antrieb, meist aber die pure Neugier. Fünf schwerere Unglücke haben sich in der Nachkriegszeit ereignet, aber alle gingen gut aus.

Grabenstetten - Es gibt auf der Schwäbischen Alb keine Höhle, deren Zugangsportal so eindrucksvoll ist wie das der Falkensteiner Höhle. Selbst wer keinen Gedanken daran verschwendet, in die Dunkelheit einzudringen, wird fasziniert sein von der wuchtigen Felswand in der grün wuchernden Schlucht. Nach Regenfällen ergießt sich zudem ein Bach malerisch über mehrere Stufen hinab ins Tal. Die Falkensteiner Höhle strahlt Erhabenheit aus – und gehört doch zu den geschundenen Höhlen der Alb. Seit 300 Jahren hat der Mensch sie mehr genutzt als geachtet, wie der Blick in alte Schriften zeigt.

 

Das begann schon um das Jahr 1720, als sich das Gerücht verbreitete, in der Höhle liege ein Schatz verborgen. Immer wieder drangen Männer mit einfachster Ausrüstung in die Höhle vor und ließen sich auch von dem acht Grad kalten Wasser der Elsach nicht abhalten. Es ist dokumentiert, dass dabei Zaubersprüche und Beschwörungsformeln verwendet wurden, weshalb schließlich die Kirche einschritt. Später erließen die württembergischen Herzöge regelrechte Bergwerksgenehmigungen, es wurden bis 1805 mehrfach Gesellschaften gegründet, um Gold – und auch Erz und Kobalt – in der Höhle zu schürfen. Dabei wurden Bohlenwege aus Holz in der Höhle verlegt, um trockenen Fußes über die natürlichen Wasserbecken zu kommen.

Die Abraumhalden der Goldgräber sind bis heute zu erkennen

Die große Tragik an der Geschichte: Die Falkensteiner Höhle wurde in jener Zeit massiv verändert; dabei kommt Gold gar nicht in Kalkstein vor, aus dem die gesamte Alb besteht. Die Abraumhalden der Goldgräber kann man bis heute besichtigen. Sie liegen direkt vor dem ersten Siphon – einem Höhlenteil, der unter Wasser steht – in 400 Meter Tiefe. Auch außen an der Höhle sind kleinere Stollen zu erkennen; es waren letzte verzweifelte Versuche, doch noch auf wertvolle Metalle zu stoßen. Vergebens.

Etwa von 1870 an kamen Forscher zur Falkensteiner Höhle – und die ersten Touristen. Der Medizinstudent Sigmund Fries hat 1872 die erste große, 165 Seiten umfassende Abhandlung geschrieben. Er war der Meinung, man brauche nur „seine fünf Sinne, eine Lederkappe, einen Überzug aus festem Stoff und Kerzen in einer Laterne“. In den Jahren zuvor hatte ein Architekt namens Kolb die Höhle vermessen, aber damals war nach wenigen Hundert Metern bereits Schluss. Später, zwischen 1959 und 1980, tauchte der legendäre Jochen Hasenmayer in der Falkensteiner Höhle. Er gelangte bis hinter den 26. Siphon, knapp fünf Kilometer vom Eingang entfernt. Dabei ist es bis heute im Wesentlichen geblieben. Die Strecke bis zum ersten Siphon gilt dabei als leicht; nach dem niedrigen Eingang mit dem passenden Namen Demutsschluf wird die Höhle teilweise so weit, dass eine S-Bahn hindurchfahren könnte. Aber sie birgt als aktive Wasserhöhle doch Gefahren, wie das Unglück vom Wochenende beweist.

Die ersten Forscher trugen Sonntagsanzüge

Auch die Forscher und die Touristen veränderten die Höhle. Gesteinshindernisse wurden im Inneren weggeräumt, um weiter vordringen zu können. Auch im Eingangsportal beseitigte man im 19. Jahrhundert alle größeren Felsblöcke, um dort ein Höhlenfest feiern zu können, wie es in damaligen Zeiten populär war. Um 1910 dachte man sogar darüber nach, die Falkensteiner Höhle zu einer Schauhöhle zu machen. Erbitterte Leserbriefe im Journal des Schwäbischen Albvereins, aber wohl auch technische Schwierigkeiten haben diese Pläne letztlich scheitern lassen.

Die moderne Forschung setzte 1953 ein, als Friedrich Bänisch, Fritz Dümmel und Walter Eisele, angeblich in Sonntagsanzügen und ausgestattet nur mit zwei Taschenlampen und einer Stalllaterne, in die Höhle aufbrachen. Sie gelten als Pioniere der Erforschung; nach ihnen sind beispielsweise Hallen benannt. Schon seit den 1970er Jahren kümmert sich die Arge Grabenstetten – ein Verein, in dem sich die Höhlenforscher zusammengeschlossen haben – mit Bedacht um die Höhle. 2018 entdeckten die Forscher einen 250 Meter langen Gang tief in der Höhle. Und sie sind beteiligt an den Forschungen zur Grabenstettener Großhöhle – längst weiß man, dass die Falkensteiner Höhle „nur“ ein Teil eines ganzen Höhlensystems ist.

Seit einigen Jahren nun hat der Höhlentourismus eine neue Form angenommen – gewerbliche Anbieter nehmen Neugierige mit in die Höhle und stellen das notwendige Equipment, etwa Neoprenanzüge, Helme und wasserdichte Taschenlampen. Schon ab 50 Euro ist man dabei. Die Falkensteiner Höhle steht im Zentrum des Höhlentourismus auf der Alb.

Alle Unglücke sind bisher glimpflich ausgegangen

Angesichts der hohen Besucherzahlen ist es eher verwunderlich, dass doch wenig passiert. Die Annalen verzeichnen nur ein Todesopfer, und das war mit größter Wahrscheinlichkeit ein Suizid. Der tragische Fall ereignete sich bereits 1776; die Leiche wurde erst nach einem Monat gefunden, und nach Rücksprache mit den Angehörigen beließ man sie in der Höhle.

In moderner Zeit gab es fünf Unglücke, bei vieren wurden die Höhlengänger jeweils durch schnell steigendes Hochwasser eingeschlossen. Im Februar 1964 mussten vier Studenten 66 Stunden in der Höhle ausharren. Auf Fotos sieht man, dass damals der gleiche Medienrummel herrschte wie heute – nur die überdimensionierten Blitzgeräte verweisen in eine andere Zeit. Im Februar 1995 erwischte es zwei Profi-Höhlenforscher, im Juni 2003 waren es erneut vier Studenten, die das Wasser an der Rückkehr hinderte. Im Juni 2015 brach sich ein Mann den Arm und konnte die Höhle nicht mehr selbstständig verlassen. Zuletzt saßen am vergangenen Wochenende ein Führer und sein Kunde in der Höhle fest. Alle konnten, wenn auch nach teils spektakulären Rettungseinsätzen, unversehrt geborgen werden.

Die Falkensteiner Höhle nimmt den Menschen also all das, was sie ihr angetan haben, nicht krumm. Und ihre Erhabenheit kann ihr sowieso niemand nehmen.

Die Versicherung zahlt

Die Gemeinde Grabenstetten muss für die Rettung zweier Männer aus der Falkensteiner Höhle am Wochenende wahrscheinlich nicht zahlen. „Wir gehen davon aus, dass die Versicherung des Höhlenführungsunternehmens das übernimmt“, sagte Bürgermeister Roland Deh am Mittwoch. Unternehmen, die solche Touren anbieten, müssten vorab eine Versicherung für Notfälle vorweisen. Das sei auch hier der Fall gewesen. „Die schriftliche Bestätigung der Kostenübernahme liegt mir vor.“ Die Firma, bei der die Tour gebucht worden war, wollte sich nicht äußern.