Nach 100 Jahren ist Schluss. Wolfgang Schäfer schließt sein Schuhgeschäft. Foto: Jürgen Brand

Das Traditionsgeschäft in Gablenberg macht nach einem verlorenen Coronajahr endgültig zu. Wolfgang Schäfer geht mit 72 in den Ruhestand und hat bereits Pläne für das Gebäude an der Gablenberger Hauptstraße.

Stuttgart - „Das ist für mich das Einfachste“, sagt Wolfgang Schäfer dieser Tage früh am Morgen, kurz bevor er sein Geschäft aufmacht und der Ansturm losgeht. „Obwohl es mir sehr schwer fällt.“ Am Samstag, 30. Oktober, um 14 Uhr ist Schuh Schäfer in Gablenberg Geschichte. Nach 100 Jahren als Institution und Anlaufstelle für gesunde Schuhe, bequeme Schuhe, Kinderschuhe und überhaupt Schuhe aller Art ist Schluss. „Ich bin im Rentenalter“, sagt der 72-Jährige. Und als er jetzt eine Firma gefunden hat, die seinen nicht ganz kleinen Schuh-Bestand übernimmt, war die Gelegenheit nach dem verlorenen Coronajahr für ihn günstig.

Sein Vater hat das Geschäft vor 100 Jahren gegründet

Sein Vater Hermann Schäfer hat das alteingesessene Geschäft an der Farrenstraße in der Kurve der Aspergstraße beim Muse-O im Jahr 1921 als kleine orthopädische Schuh- und Reparaturwerkstatt gegründet. Der Orthopädie-Schuhmachermeister machte sich rasch einen Namen. Und als sein Sohn das Geschäft vor einem halben Jahrhundert übernahm, wurden auch die Orthopädie-Kunden weiter versorgt, bis heute. Der einstige Ministerpräsident Reinhold Maier sei ebenso Kunde gewesen wie „die Frau Porsche und die Frau Bosch“, erinnert sich der Schuhhändler ein bisschen wehmütig.

Wolfgang Schäfer hat an dem für Laufkundschaft eigentlich ungünstig gelegenen Standort am Rand der ohnehin fußgängerunfreundlichen Gablenberger Hauptstraße viele gute, erfolgreiche Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erlebt. Er spricht vom einstigen „tollen Branchenmix“ im Stadtteil. „Wir hatten alles hier und das reichlich.“ Der Handels- und Gewerbeverein, in dem er Kassier ist, habe Zusammenhalt gegeben und viel bewegt. Er selbst habe sein Schuhgeschäft mehrmals umgebaut und erweitert, weil es immer wieder zu klein geworden sei. Zuletzt war das 1998.

Chance beim Neubau des Gemeindezentrums vertan

Heute ist von einem Branchenmix in Gablenberg nicht mehr viel übrig. „Die sind alle weg“, sagt Schäfer etwas desillusioniert. „Ich musste nach und nach mit anschauen, wie Gablenberg immer weniger wurde.“ Eine letzte Chance gerade für die obere Gablenberger Hauptstraße ist seiner Meinung nach beim Neubau des Petrus-Gemeindezentrums vertan worden, wo er sich neue, zeitgemäße Ladenflächen gewünscht hätte. So aber sei dieser Bereich der Hauptstraße „zum Untergang verdammt“.

Rund 25 000 Paar Schuhe hat Wolfgang Schäfer in seinem Warenbestand, verteilt auf den Laden und die beiden Häuser, in deren Erdgeschoss sich das Geschäft erstreckt. „Wenn die Leute den Weg hierher machen, müssen sie auch was finden“, war sein Grundsatz, egal ob es sich um einfache Schlappen, Bequemschuhe, modische Treter oder Sport- und Wanderschuhe handelt. Das Angebot sei besonders, eine Mischung, die man so heute nirgends mehr finde.

Nach der Renovierung werden vier Wohnungen vermietet

Bis Samstag, 14 Uhr, geht der endgültige Schlussverkauf noch, nächste Woche am Dienstag kommen schon die ersten Mitarbeiter des Berliner Unternehmens, das seinen Bestand übernimmt und dann online verkaufen wird. Seine vier Teilzeit-Mitarbeiterinnen, die fast alle schon seit viel mehr als zehn Jahren bei ihm arbeiten, müssen künftig ohne „ihren“ Schuh Schäfer auskommen. Eine geht in Rente, die anderen gehen neue berufliche Wege in ganz unterschiedliche Richtungen. Es gibt auch eine Interessentin, die gerne zumindest den Kinderschuh-Bereich – eine feste Anlaufstelle für viele Eltern und ihre Kinder seit vielen Jahren – fortführen will. Ob das wirklich klappt, ist offen.

Wolfgang Schäfer selbst muss sich dann auch erst einmal neu sortieren. Wenn alle Schuhe aus den Treppenhäusern und Wohnungen raus sind, wird erst einmal renoviert und dann will er vier Wohnungen vermieten, ein Teil seiner Altersversorgung sozusagen. Und dann hat er noch seinen Hund Bessi – und einen großen Garten bei Maulbronn. „Das ist wie Urlaub dort“, sagt er – und kann den dann hoffentlich auch richtig genießen.

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