„Leben ist Wandlung“ – so erklären Margarete und Helmut Seibold ihren Entschluss, die Gärtnerei aufzugeben. Foto: Sachsenmaier

In der Fellbacher Gärtnerei Roos gehen am 28. Februar die Lichter aus: Das Ehepaar Seibold hört nach 37 Jahren auf. Nur für die Gräberpflege gibt es von 1. Januar an mit Blumen Hildebrand aus Endersbach eine Nachfolge.

Fellbach - Eigentlich hätte die traditionelle Adventsausstellung bei der Gärtnerei Roos an diesem Sonntag das i-Tüpfelchen werden sollen – wieder mit Glühwein und den legendären Bratäpfeln, der Gelegenheit zu einem Plausch und natürlich mit vielen wunderschönen, weihnachtlichen Dekorationen. Aber daraus wird leider nichts. Helmut Seibold und seine Frau Margarete, Inhaber der Gärtnerei, haben sich aus Vernunft und Respekt vor dem Virus dagegen entschieden.

 

Der Name Roos wurde übernommen

Wehmut schwingt mit, das Herz hätte gerne anders entschieden. Denn es wäre ihre letzte Adventsausstellung gewesen: Am 28. Februar geben sie nach 37 Jahren die Gärtnerei in der Cannstatter Straße 36 in Fellbach auf. 1983 haben der gelernte Florist und Landschaftsgärtner für Blumen und Zierpflanzen, Helmut Seibold, und seine Frau Margarete, ursprünglich gelernte Pharmazeutisch-technische Assistentin, die Gärtnerei im Hinterhof in der Fellbacher Stadtmitte übernommen, samt dem Namen Roos. So hießen die ursprünglichen Besitzer und Gründer der Gärtnerei.

59 Jahre ist Helmut Seibold im Beruf. Mit 14 Jahren hat er die Lehre begonnen, dann die Meisterschule besucht und abgeschlossen. In Berlin, Bonn und Straßburg hat er gearbeitet und dann neuneinhalb Jahre als Meister bei Blumen Schick, damals noch mit Heinz Schick als Chef, gearbeitet und Lehrlinge ausgebildet. Als bei der Gärtnerei Roos eine Nachfolge gesucht wurde, griff Helmut Seibold zu, pachtete das Anwesen und machte sich selbstständig. Bald wird er 73 Jahre alt.

In den Anfangsjahren wurden noch Blumen und Pflanzen selbst gezogen

„Ich würde alles wieder ganz genauso machen“, sagt Helmut Seibold über seinen Berufsweg. Dabei strahlt er, wirkt ausgeglichen und zufrieden. Es gehe ihm gut, der Körper mache auch immer noch mit – und das nach jahrzehntelangem Bücken bei der Gräberpflege, morgens um 5 Uhr aufstehen, auf den Großmarkt gehen, dann im Geschäft Sträuße und Kränze binden, Kunden beraten und erst abends nach einem 13- oft auch 14-Stunden Tag nach Hause kommen. In den Anfangsjahren wurden sogar noch Blumen und Pflanzen selbst gezogen.

Seine Frau hat ihn dabei immer unterstützt, nicht im Laden oder bei den Arbeiten auf dem Friedhof, sondern bei der Buchhaltung, die sie komplett übernommen hat. Das Elternhaus von Helmut Seibold stand in der Pfarrstraße 41, weshalb die Familie die „41er“ genannt wurde. Aufgewachsen ist er mit zwei Brüdern und zwei Schwestern, die Eltern betrieben eine Landwirtschaft und Weinbau. Die Freude an der Natur hat er von Kindheit an gelebt, seine Frau Margarete – ihre Familie stammt aus dem Hohenlohischen – hat er über Umwege über den Beruf kennengelernt. Ihre Schwester Barbara war Auszubildende bei Helmut Seibold. „Erfreulich ist, was man aus Blumen machen kann“, philosophiert Helmut Seibold und denkt an Zeiten zurück, wo die Kunden jeden Samstag ins Geschäft kamen und einen Blumenstrauß kauften – „für zu Hause und den Friedhof“, ergänzt er. Das sei heute nicht mehr so, aber der Blumenstrauß habe weiterhin seine Bedeutung. Übrigens auch für die Familie Seibold, jede Woche bekommt Margarete einen „wunderschönen Strauß“ von ihrem Mann – seit 41 Ehejahren.

In einigen Wochen gehen die Lichter aus

Für beide war die Gärtnerei Lebensinhalt, ein Ort für schöne Begegnungen und für Kultur. Sie haben 26 Jahre lang im Frühjahr den „Grünen Salon“ an drei Sonntagen hintereinander bei sich im Gewächshaus beheimatet. Eine wunderschöne Erfolgsgeschichte. Auch andere kulturelle Ereignisse, wie etwa ein Tangoabend, bleiben unvergessen. 80 Prozent der Kunden sind Stammkunden. Dass das Geschäft eher versteckt in einem Hinterhof liegt, „war nie ein Problem“, sagen sie. Früher haben dort Pferde ausgespannt, während ihre Herrschaft vorne im Gasthaus Traube Wein probierte, ist den Seibolds erzählt worden.

Wenn die Lichter in einigen Wochen endgültig ausgehen, wird der Frühaufsteher mehr Zeit für den Anbau von Beeren und Gemüse haben, „aber nur für unseren privaten Gebrauch“. Seine Frau sucht und findet schon seit Jahren den Ausgleich bei Yoga und leitet Kurse. Episoden, wie die mit dem Bräutigam, der den Brautstrauß schon abgeholt hatte und aufgeregt in die Gärtnerei zurückkam, die Krawatte in der Hand hielt und Helmut Seibold fragte, ob er einen Krawattenknoten binden könne, wird es nicht mehr geben.

Alles hat seine Zeit. „Leben ist Wandlung“, erklären Helmut und Margarete Seibold in einem Brief, den sie dieser Tage an ihre Kunden verschicken. Wenn dann allerdings Reaktionen, wie die einer Kundin der ersten Stunde kommen, die fragt: „Und wer macht jetzt meinen Sargschmuck?“ – dann wird es den Seibolds doch schwer ums Herz.