Der Konkurrenzdruck ist groß: Im Leonhardsviertel fallen deshalb für Freier die Preise Foto: Max Kovalenko/PPF

Zwölf Stunden Arbeit bei miesem Lohn. Oder 40 Freier am Tag. Häufig landen Osteuropäerinnen in ausbeuterischen Jobs oder in der Zwangsprostitution. Die Stadt will das Sexgeschäft mit einer Kampagne eindämmen. Die Diakonie setzt auf Aufklärung in den Herkunftsländern der Opfer

Stuttgart - Rund 30 Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, und 130 junge Menschen, überwiegend Frauen, die von ihrem Chef ausgebeutet werden, suchen pro Jahr beim Fraueninformationszentrum (Fiz) der Diakonie Württemberg Hilfe. Eine von ihnen ist die 29-jährige Anna. Vor zwei Jahren kam sie mit einem Koffer voller Hoffnung nach Stuttgart – und wurde bitter enttäuscht.

Anna stammt aus Rumänien, hat dort ein Studium in Jugendpsychologie abgeschlossen. Sie wollte in der Gastronomie arbeiten, bis sie deutsche Sprache beherrscht, und dann in die Jugendarbeit gehen. „Ich habe in zig Restaurants nach Arbeit in der Küche gefragt und nur Angebote auf der Basis von Schwarzarbeit bekommen“, sagt sie. Ein Arbeitgeber hat sie schließlich regulär eingestellt: für zehn Euro pro Stunde. Als Anna ihre erste Gehaltsabrechnung bekam, stellte sie fest, dass sie 7,20 Euro brutto bekam. „Davon blieben 5,60 Euro übrig“, sagt sie. Für rund 900 Euro hat zehn bis zwölf Stunden am Tag gearbeitet. „Der Chef hat die Arbeitszeiten runtergerechnet, weil angeblich nicht viel zu tun war“, erinnert sie sich. Nach einem halben Jahr kündigte Anna und wechselte in eine Wäscherei im Rotlichtviertel in der Altstadt. „Die Arbeit ist okay. Aber natürlich werde ich von Männern gefragt, ob ich nicht schnell viel Geld verdienen will.“ Für die 29-Jährige kommt Prostitution nicht infrage. Dass junge Frauen in Geldnot darin einen Ausweg sehen, kann sie aber nachvollziehen: „Die wollen das eine kurze Zeit machen, um ihre Träume von schönen Kleidern und einem Auto zu verwirklichen und um die Familie daheim zu unterstützen.“

Wie schwer es ist, aus der Prostitution auszusteigen, weiß Fiz-Beraterin Claudia Robbe: „Der Druck auf die Prostituierten ist so groß, dass sie allein keinen Weg raus finden.“ Eine Grenze zwischen Armuts- und Zwangsprostitution lässt sich ihrer Erfahrung nach nicht ziehen: Manche Frauen werden zwar nicht vom Zuhälter gezwungen, sehen aber darin die einzige Möglichkeit, der finanziellen Not zu entkommen.

Zehn Prostituierte im Jahr zeigen ihre Zuhälter wegen Menschenhandels an

Vielfach werden junge Frauen laut Robbe von sogenannten Vermittlern in der Heimat mit falschen Versprechungen wie einem gut bezahlten Job im Hotel nach Deutschland gelockt: Sind sie hier, ist der Job halt leider weg. Beim Vermittler stehen sie in der Kreide: mit Vermittlungsgebühren und Fahrtkosten. Geld für die Rückreise in die Heimat haben sie nicht. „Sie lassen sich auf die Prostitution in der Hoffnung ein, ihre Schulden bezahlen und aufhören zu können“, sagt Robbe. Ein Trugschluss: Die Zimmerpreise im Rotlichtviertel liegen bei etwa 150 Euro pro Tag. Der Konkurrenzdruck im Gewerbe ist so groß, dass die Preise auf 15 bis 25 Euro pro Freier gefallen sind. „Manche Frauen haben 40 bis 50 Freier am Tag“, weiß Fiz-Leiterin Doris Köhncke. Zu ihr kommen die Frauen meist nach Razzien durch die Polizei. „Stoßen die Beamte auf Zwangsprostituierte, schicken sie die zu uns“, sagt Köhncke. Von diesen rund 30 Frauen pro Jahr entschließen sich etwa zehn, gegen ihre Zuhälter Anzeige wegen Menschenhandels zu erstatten. Aus Sicherheitsgründen bringt Fiz die Frauen dann in geschütztem Wohnraum unter. Bis zum Prozess dauert es gut ein Jahr. „Die Urteile gegen die Zuhälter bewegen sich zwischen Bewährungsstrafen und vier Jahren Haft“, sagt Robbe. Frauen, die ihre Peiniger nicht anzeigen, kehren mit Hilfe von Fiz zurück in die Heimat. „Wir sorgen für die sichere Rückreise und psychologische Betreuung in der Heimat “, sagt Robbe.

Die Frauen, die sich an Fiz wenden, sind nur die Spitze. Bei Fiz schätzt man, dass rund 80 Prozent der 500 Stuttgarter Prostituierten Armuts- oder Zwangsprostituierte sind. Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) geht davon aus, dass mit der seit Anfang des Jahres geltenden uneingeschränkten Freizügigkeit die Zahlen steigen werden. Mit einer Kampagne, deren Konzept derzeit erarbeitet wird, will die Stadt das Problem eindämmen. Gedacht ist an eine Kondompflicht für Freier. Die ist aber nur durchsetzbar, wenn die Landesregierung eine Gesetzesänderung auf den Weg bringt. Außerdem sollen für Prostituierte wieder Meldepflicht und Gesundheitskon­trolle vorgeschrieben und ihr Mindestalter von 18 auf 21 angehoben werden. Durch eine Medienkampagne, auch an Schulen, sollen potenzielle Freier für das Thema Menschenhandel sensibilisiert werden.

Der Verein für Internationale Jugendarbeit der Diakonie setzt in den Herkunftsländern der Frauen an. In der Ukraine und in Rumänien wurden Beratungsstellen eingerichtet, die junge Leute über die Gefahren der Zwangsprostitution und Ausbeutung im Job informieren. Geschäftsführerin Esther Peylo: „Dort erfahren sie, welche Voraussetzung sie für einen Start in Deutschland brauchen. Unerlässlich sind zum Beispiel Sprachkenntnisse.“ Finanziert werden die derzeit sechs Beratungsstellen mit rund 80 000 Euro pro Jahr von Brot für die Welt.

Und Anna: Sie würde wieder nach Deutschland kommen, allerdings nicht mehr so blauäugig. „Deutsch hätte ich auch in Rumänien gelernt“, sagt sie. Mittlerweile spricht sie perfekt Deutsch und sucht Arbeit in ihrem Beruf als Jugendpsychologin.

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