Corona besiegelt das Schicksal des alteingesessenen Schreibwarenladens Deuschle beim Schafhaus in Denkendorf. Ein Tattoo-Studio wird die Räume übernehmen.
Denkendorf - Die Regale haben sich in den vergangenen Tagen stetig geleert, überall künden Schilder vom Ausverkauf. 50 Prozent gibt es auf fast alles. Bei Schreibwaren Deuschle in der Schäfersteige gehen die Lichter aus. Das alteingesessene Denkendorfer Geschäft hat die Corona-Pandemie nicht überlebt. Ein Tattoo-Studio wird hier demnächst einziehen.
Mitten im Laden steht Nina Kulhanek, die einen Traum begraben muss. 20 Jahre ist die 37-jährige Denkendorferin dem Schreibwarengeschäft verbunden. Sie hat beim Namensgeber Michael Deuschle gelernt und später für ihn das Geschäft geführt. Als dieser vor drei Jahren in den Ruhestand ging, entschloss sich die gelernte Einzelhandels- und Bürokauffrau für den Sprung ins kalte Wasser und übernahm den Laden, in dem es so viel mehr gab als nur Schreibwaren: Bücher, Geschenke, Spielwaren, Bastelmaterial, Zeitschriften und Zigaretten füllten die Regale. Außerdem war „der Deuschle“ lange Zeit auch EZ-Agentur und ist bis heute Lotto-Annahmestelle.
Ein Treffpunkt für die Denkendorfer
Bewusst habe sie den Namen beibehalten, um so die langjährige Tradition fortzusetzen, erzählt Nina Kulhanek. Schreibwaren Deuschle, das sei auch ein Treffpunkt für die Denkendorfer gewesen, sagt eine Stammkundin. „Hier hat man als Kind die Schulsachen geholt – und als Jugendliche die ‚Bravo’“. Auch Nina Kulhanek ist mit dem Geschäft aufgewachsen. „Hier habe ich als Kind meine Sticker gekauft“, erinnert sie sich. Doch nicht nur junge Menschen, auch Hausfrauen und Rentner schauten gerne mal auf ein Schwätzchen im Laden vorbei.
„Der Start war super“, erinnert sich Kulhanek. Die Umsatzzahlen stiegen schon im ersten Jahr ihrer Selbstständigkeit. Dass sie beispielsweise Geschenkartikel ins Sortiment aufnahm, kam bei den Kunden gut an. Sie investierte in Umbauten und hatte auch schon Pläne für weitere Veränderungen in diesem Jahr. Doch dann kam Corona. Zwei Monate musste sie im Frühjahr wie viele andere Geschäfte schließen. Doch die Miete lief weiter.
Drei Hauptstandbeine weggefallen
Die Kunden machten sich auch nach dem Lockdown rar. Weil die Schulen teilweise noch geschlossen waren, verkaufte sie nur wenig Schulbedarf. Kindergeburtstage fanden kaum noch statt. Bastelmaterial oder Geschenke wurden nur noch selten benötigt. Und die Firmen, die sie sonst mit Bürobedarf belieferte, schickten ihre Mitarbeiter ins Homeoffice. „Damit fielen meine drei Hauptstandbeine weg“, sagt Nina Kulhanek. „Viele bestellen inzwischen im Internet“, vermutet sie. Deshalb fiel nach den Sommerferien der Entschluss, die Reißleine zu ziehen. „Ich hatte Angst, in einen Strudel zu geraten, aus dem ich nicht mehr rauskomme. Jetzt gehe ich finanziell mit zwei blauen Augen raus. Es tut weh, weil es mein Traum war und weil ich es ja nicht selbst verschuldet habe“, sagt die 37-Jährige
Auch die Stammkunden seien traurig, wie sie erfahren habe. Mit manchen pflegte sie ein fast familiäres Verhältnis. „Das Geschäft war auch Anlaufstelle“, erzählt die Ladeninhaberin. „Ich komme fast täglich“, bestätigt eine Kundin, die ebenfalls nicht mit ihrem Namen in der Zeitung stehen will. „Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Hier gab es alles, was man so brauchte, von der Büroklammer bis zum Lottoschein. Das wird uns sehr fehlen.“ Eine andere Kundin bedauert: „Die kleinen Läden in Denkendorf sterben aus.“
Bürgermeister Barth besorgt
Auch der Bürgermeister Ralf Barth ist über die Entwicklung nicht glücklich: „Das Sterben dieser kleineren Geschäfte besorgt mich.“ Andererseits sehe auch die Kunden in der Verantwortung. Jeder wünsche sich eine gute und vielfältige Versorgung vor Ort, aber das gehe nur, wenn genügend Umsatz gemacht werde, stellt er fest. Mit der geplanten Aufwertung der Ortsmitte rund um das Schafhaus solle die bestehende Struktur gestützt werden. Zum neuen Nutzer der frei werdenden Räume sagt Barth: „Wenigstens bleibt es ein Ladengeschäft.“