Gesandten- und Grafenbau Ludwigsburg Polizei hat historische Gebäude heruntergewirtschaftet

Von Ludwig Laibacher 

Weniger der Zahn der Zeit als rücksichtslose Mieter haben dem Grafen- und dem Gesandtenbau arg zugesetzt, moniert der Investor – allen voran die Polizei, die 70 Jahre dort einquartiert war. Doch die beiden Prachtbauten sollen wiederbelebt werden.

Ludwigsburg - Es tut sich was in der Schlossstraße. Auch wer sich bisher nicht dafür interessiert hat, stand möglicherweise in den letzten Wochen in einem der Staus, die sich gebildet haben, weil ganze Kolonnen von Baustellenfahrzeugen einen Fahrstreifen blockiert hatten: Das Ludwigsburger Karree Höfe am Kaffeeberg ist Großbaustelle. Unter anderem sollen die zwei Barockpalais gegenüber des Schlosses aus ihrem Dornröschenschlaf geholt werden. Das mit dem Wachküssen funktioniert hier allerdings anders als im Märchen: Damit der Grafen- und der Gesandtenbau wieder etwas vom einstigen Glanz verströmen können, mussten sie zunächst statt hinter einer dichten Dornenhecke hinter Gerüsten und Planen verschwinden.

Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er den Gesandten- und den Grafenbau für schlimme Schandflecke im Stadtbild hält. Und das ausgerechnet vis-à-vis vom Residenzschloss! Die Pracht des 18. Jahrhunderts ist nur noch zu erahnen. Die Ansicht wird bestimmt von bröckelndem Putz, kaputten Portalen und dicken Schmutzkrusten. Am liebsten hätte der OB dort ein richtiges Grandhotel untergebracht, doch diese Idee scheiterte am Protest der ansässigen Hoteliers. Seit die Polizei 2008 ausgezogen ist, stehen die historischen Gebäude leer. Und mittlerweile weiß man auch, dass die Ordnungshüter, die dort seit 1933 ihr Revier hatten, nicht gut mit den Immobilien umgegangen sind.

Keine komplette Rekonstruktion

„Da hat das Land wohl ein Auge zugedrückt, weil es eine Staatsbehörde war“, sagt Sascha Engelmann, Geschäftsführer des Architektenteams Global Conzept, etwas säuerlich. Ihm und der Kasseler Investorengesellschaft Immovation, die 2013 das Ensemble zwischen Kaffeeberg, Schmiedgässle, Marstall- und Schlossstraße gekauft hat, seien viele Steine in den Weg gelegt worden – mal vom Landesamt für Denkmalpflege, mal von den Experten im Ludwigsburger Gestaltungsbeirat.

In diesem Sommer war der Baubeginn. Und seither haben die Arbeiter mehrere Gebäude abgerissen – darunter, zum Leidwesen vieler Ludwigsburger, auch das ehemalige Kaffeehaus – und eine große Grube für die Tiefgarage und die Neubauten ausgehoben. Das Resultat ist vom Kaffeeberg und vom Schmiedgässle aus gut einsehbar.

Doch was ist seither im Inneren der repräsentativen Häuser passiert? Wer von den vielversprechenden Rokokofassaden auf prunkvolle Innenräume schließt, wird doppelt enttäuscht: Zum einen selbstverständlich, weil er eine Baustelle mit Staub, Schutt und Lärm betritt. Zum anderen aber, weil vieles im Gesandten-, aber auch im einst noch sehr viel nobleren Grafenbau wohl für immer zerstört ist. „Eine komplette Rekonstruktion wird sicher nicht möglich sein“, sagt der Bauleiter.

Es habe über die Jahrhunderte so viele Eingriffe gegeben, dass der ursprüngliche Zustand der Palais – sie wurden 1719 und 1724 fertiggestellt – nicht mehr nachgewiesen werden könne. Außerdem seien einige Nutzer rücksichtslos mit Hammer, Farbe oder Beton auf Wappen, Malereien und Stuckarbeiten losgegangen. „Wir haben uns bisher ganz langsam herangetastet“, sagt Engelmann, „und wir sind in ständigem Austausch mit dem Denkmalamt.“

Vieles müsse kurzfristig entschieden werden, weil der wahre Zustand von Türrahmen, Wandfresken oder Intarsien – oder: das Ausmaß ihrer Zerstörung – erst jetzt sichtbar wird. Die Bautrupps haben zunächst die nachträglich eingezogenen Decken entfernt, den gesamten Verputz abgeschlagen sowie Holzproben an den Türen genommen und Erste Hilfe für instabile Zwischendecken geleistet: „Im Obergeschoss des Grafenbaus hatte die Polizei ihren Waschraum“, sagt Engelmann, „da hat es einen Wasserschaden gegeben.“ Ein Schaden, der offenbar nie behoben worden ist, denn die Decke ist komplett durchgeschimmelt. Sie musste jetzt provisorisch mit Holzstreben gestützt werden, um eine Stuckarbeit darunter hoffentlich noch retten zu können.

Großer Festsaal im Grafenbau

Ein ganz besonderes Schmuckstück soll im Grafenbau entstehen. Dafür wird ein später eingebauter Boden entfernt, um einem Ballsaal wieder die angemessenen Dimensionen nach oben zu geben. „Das wäre etwas für einen Mieter, der so einen repräsentativen Saal gebrauchen kann“, sagt Engelmann. In den beiden denkmalgeschützten Gebäuden und im Kaffeehaus – das Gebäude, das an der Ecke Holzmarkt und Schlossstraße neu errichtet wird – sei gewerbliche Nutzung vorgesehen, sagt ein Sprecher des Investors. Wegen des Lärms von der B 27 und wegen der Auflagen des Denkmalschutzes sei es nicht möglich, hier mit Wohnungen an den Markt zu gehen.

„Nach den Plänen der Immovation sollen diese Räume an Büros, Ateliers und Dienstleister vermietet werden“, heißt es. Die insgesamt 40 Eigentumswohnungen, die neu gebaut werden, sollen im August 2019 bezugsfertig sein. 20 Prozent davon seien bereits verkauft. Die Sanierung von Grafen- und Gesandtenbau muss dagegen schon Ende 2018 fertig sein, weil dem Investor andernfalls Fördergelder entgehen.

Das Großprojekt am Kaffeeberg

Verkauf
Als das 4000 Quadratmeter große Karree 2013 mit Grafen- und Gesandtenbau verkauft wurde, lobte die Stadt die gute Arbeit, die die Investoren im Kornwestheimer Salamanderareal geleistet hätten. Man wisse das stadtbildprägende Ensemble in guten Händen, hieß es. Die neuen Eigentümer durften das nicht denkmalgeschützte Kaffeehaus sowie die alten Ställe und einen Seitenflügel des Gesandtenbaus abreißen.

Gestaltungsbeirat
Doch bald gab es Ärger zwischen dem von der Kasseler Immovation AG mit der Planung beauftragten Architektenteam Global Conzept und dem Gestaltungsbeirat. Die Beiräte kritisierten, dass die ersten Entwürfe der historischen Bedeutung des Areals nicht gerecht würden. Nach vielen Korrekturen, erfolgte Anfang 2017 die Baufreigabe.

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