Die Auswertung des Stimmenrekorders zeigt: Der Copilot brachte den Airbus absichtlich auf Todeskurs und war allein im Cockpit – dennoch sind noch viele Fragen offen Foto: Airbus

Das Rätsel des Absturzes von Flug 4U9525 scheint gelöst. Der Co-Pilot sperrt seinen Kollegen elf Minuten vor dem Crash aus dem Cockpit aus. Doch was ist sein Motiv?

Marseille/Montabaur - Insgesamt 31 Minuten hat der Stimmenrekorder im Cockpit des Airbus von Flug 4U9525 mitgeschnitten. Die ersten 20 Minuten geben ein „sehr entspanntes“ Gespräch zwischen Pilot Patrick S. und Co-Pilot Andreas L. wieder, berichtet der französische Staatsanwalt Brice Robin, der die Aufzeichnungen ausgewertet hat, am Donnerstagmittag in Marseille. Als Patrick S. das Briefing für die Landung in Düsseldorf durchführt und Andreas L. „lakonisch“ darauf antwortet, sind es noch elf Minuten, bis die aus Barcelona kommende Maschine in den französischen Westalpen zerschellt. Nichts weist auf die Katastrophe hin.

So lassen sich die letzten elf Minuten mit Hilfe des Rekorders rekonstruieren: Nach Erreichen der Reiseflughöhe verlässt der Pilot das Cockpit, ein dringendes Bedürfnis. Er bittet Andreas L. zu übernehmen. Man hört, wie der Pilotensitz zurückgeschoben wird und Patrick S. das Cockpit verlässt. Der Co-Pilot ist nun allein am Steuer des Airbus. Und leitet einen Sinkflug ein.

Dann ist zu hören, wie jemand Zutritt zum Cockpit verlangt. Es wird geklopft, aber es gibt keine Antwort. Die Atmung von Andreas L. klingt normal, es gibt Geräusche. Er scheint bei Bewusstsein. Fluglotsen melden sich und erhalten keine Antwort. Die Lotsen setzen einen Notruf ab, keine Antwort. Die Lotsen bitten Flugzeuge in der Nähe, den Airbus anzufunken, wieder keine Antwort. Dann nähert sich das Flugzeug dem Boden, Alarm wird ausgelöst.

Schreie - dann endet die Aufzeichnung

Von außen gibt es jetzt lauter werdende Geräusche. Jemand versucht, die Cockpittür mit Gewalt zu öffnen. Dann ist ein erster Einschlag zu hören. Es könnte sein, dass das Flugzeug in diesem Moment die Berge streift. Der Co-Pilot setzt keinen Notruf ab, sagt bis zum Aufprall kein einziges Wort. Nur Schreie im Flugzeug sind kurz vorher zu hören. Dann endet die Aufzeichnung.

Wer ist Andreas L.? Die ganze Welt rätselt und stellt am Donnerstag diese Frage. Wer ist dieser 27-jährige Mann, der nach Überzeugung der Ermittler den Germanwings-Airbus mit Vorsatz zum Absturz bringt – und so 149 Menschen mit in den Tod reißt?

Carsten Spohr, als Lufthansa-Chef auch verantwortlich für die Konzerntochter Germanwings, beantwortet die wichtigsten Fragen am frühen Nachmittag in Düsseldorf höchstpersönlich. Seit September 2013 ist Andreas L. demnach als Pilot bei Germanwings beschäftigt und absolviert in dieser Zeit 630 Flugstunden. Seine Pilotenausbildung erhält er ab 2008 an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen. Er ist zunächst als Flugbegleiter tätig. So überbrückt er die Wartezeit, bis er schließlich selbst fliegen darf.

Laut Spohr hat Andreas L., zumindest nach außen hin, alle Herausforderungen des anspruchsvollen Jobs gemeistert. „Er hat alle Tests bestanden, war hundertprozentig flugtauglich, die fliegerischen Leistungen waren einwandfrei.“

Wer war Andreas L.?

Andreas L. habe seine Ausbildung zum Piloten vor sechs Jahren für mehrere Monate unterbrochen, dies sei aber nicht unüblich. Zu den Gründen für die Unterbrechung will Spohr sich nicht äußern, auch auf Nachfragen der anwesenden Journalisten hin.

Weitere Antworten finden sich in Montabaur, einer Kleinstadt im Westerwald, zwischen Frankfurt und Köln gelegen. Dort ist Andreas L. aufgewachsen, dort hat er 2007 am Mons-Tabor-Gymnasium sein Abitur gemacht, wie Schuldirektor Armin Pleiss bestätigt.

Bereits als Jugendlicher ist er Mitglied des örtlichen Segelfliegervereins LSC Westerwald, wo er erste Flugstunden erhält. Das langjährige Vereinsmitglied Peter Rücker berichtet, Andreas L. sei ein netter junger Mann gewesen, „lustig und vielleicht manchmal ein bisschen ruhig“. Beliebt sei er gewesen und gut integriert im Verein. „Er hatte Freunde und war kein Einzelgänger“, so Rücker.

Seine Mutter ist Organistin

Andreas L. tritt auch als Läufer in Erscheinung. Ende 2013 nimmt er am Silvesterlauf in Montabaur teil, belegt einen der vorderen Plätze.

Seine Mutter arbeitet als Organistin, bestätigt Pfarrer Johannes Seemann von der evangelischen Kirchengemeinde im Ort. Den Sohn kennt der Pfarrer aber nicht persönlich.

Das Haus der Familie steht in einem ruhigen Wohngebiet im Süden der Stadt, inmitten von gepflegten Einfamilienhäusern mit Gärten, nicht weit von einem Freizeitbad entfernt. Dort soll Andreas L. zeitweilig noch gewohnt haben. Er hat aber auch eine Wohnung in Düsseldorf. Beide Immobilien werden am Donnerstag von der Polizei überwacht und auf Hinweise zu den Motiven durchsucht.

Die Eltern, heißt es, befinden sich derweil in Südfrankreich. Die Nachricht, dass ihr Sohn für den Absturz verantwortlich sein soll, erreicht sie dort.

Das Motiv bleibt unklar

Nach Angaben von Lufthansa-Chef Carsten Spohr liegen dem Unternehmen keinerlei Erkenntnisse über mögliche Motive von Andreas L. für die Tat vor. Der sichtlich betroffene Topmanager spricht von einem „unglaublich tragischen Einzelfall“ und betont zugleich, mit welch großer Sorgfalt Lufthansa und auch Germanwings ihr Flugpersonal auswählen. Er fügt hinzu: „Aber egal wie hoch Sie die Sicherheit hängen – kein Sicherheitssystem der Welt kann ein solches Einzelereignis ausschalten.“

Spekulationen, Andreas L. könne als Attentäter gehandelt haben, weist am Nachmittag Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zurück. Es gebe nach derzeitigen Erkenntnissen keinen terroristischen Hintergrund.

So äußert sich auch die Bezirksregierung Düsseldorf, die als Luftaufsicht im Rheinland für die regelmäßige Sicherheitsüberprüfung des Germanwings-Piloten zuständig ist. Nach diesen Angaben wird Andreas L. zuletzt mit Bescheid vom 27. Januar 2015 ordnungsgemäß gecheckt.

Auch für Staatsanwalt Brice Robin in Marseille deutet nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen nichts auf einen Anschlag hin. Bleibt am Ende nur die These vom Selbstmord als Erklärung für die ungeheuerliche Tat? Das Wort, sagt Robin, wolle er nicht in den Mund nehmen. „Ich habe Probleme mit dem Begriff Selbstmord, wenn man 149 Menschen in den Tod mitreißt“, betont der Franzose.

Depressionen und Burn-out

Es gibt Berichte aus Montabaur, Andreas L. habe an Depressionen gelitten und an einem Burn-out. Er habe deshalb seinerzeit auch die Pilotenausbildung für einige Zeit unterbrochen. Aber eine Bestätigung gibt es dafür am Donnerstag noch nicht, deshalb sind solche Meldungen mit großer Vorsicht zu genießen.

Tatsache ist allerdings: Suizide von Verkehrspiloten sind in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen. Experten sprechen vom sogenannten erweiterten Selbstmord.

„Wenn Menschen nicht nur sich selbst, sondern auch andere mit in den Tod nehmen, geht das oft mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung einher“, erklärt Sabine Herpertz, Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie an der Uniklinik Heidelberg. Die Betroffenen seien nicht nur verzweifelt, sondern auch „sehr wütend auf die ganze Welt“. Sie fühlten sich häufig ungerecht behandelt oder gekränkt.

Die Psychiaterin fügt hinzu: „Derartige Fantasien haben viele Betroffene – aber nur wenige setzen sie um.“

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