Die Gedenkstätte für die Absturzopfer im französischen Le Vernet. Foto: dpa/Alberto Estevez

Der Absturz einer Germanwings-Maschine vor zehn Jahren belegt, dass beim sicheren Fliegen vor allem auch staatliche Aufsicht zählt, meint unser Autor Andreas Geldner.

Der Germanwings-Absturz am 24. März 2015 ist eine der Tragödien, die sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt haben. Dass ein Flugzeug mit 150 Menschen an Bord, davon 16 Jugendliche auf dem Rückweg von einer Klassenfahrt in Spanien, in den französischen Alpen zerschellte, war auch wegen der Unfallursache ein Schock. Wie die Ermittlungen belegt haben, riss der Co-Pilot des Flugzeugs in Selbstmordabsicht die ihm anvertrauten Passagiere mit in den Tod.

 

Das Thema psychische Gesundheit ist komplex. Gesellschaftlich ist es immer noch tabuisiert. Krankheitssymptome lassen sich oft gut verstecken. Der Co-Pilot des Germanwings-Flugs verheimlichte seinem Arbeitgeber Krankschreibungen wegen Depression und tat alles, um nicht aufzufallen.

Tabuthema psychische Gesundheit

Dennoch warf die Katastrophe kein gutes Licht auf die Flugaufsicht. Die Ärzte des Co-Piloten unterlagen der Schweigepflicht. Doch auch die Luftaufsichtsbehörden haben die Verpflichtung, sich regelmäßig ein Bild vom Gesundheitszustand von Piloten zu machen. Wenn hier Auffälligkeiten festgestellt werden, erfährt der Arbeitgeber davon.

Nicht genau genug hingeschaut

Im Vorfeld des Unglücks wurde offenbar nicht genau genug hingeschaut. Und am Ende hätte womöglich auch gereicht, wenn sich der selbstmordgefährdete Co-Pilot nicht so einfach alleine im Cockpit hätte einschließen können. Seit dem Germanwings-Absturz müssen bei zahlreichen Fluggesellschaften stets zwei Personen vorne im Flugzeug sitzen – und sei es als Aufsicht neben dem Piloten auch nur ein Steward oder eine Stewardess.

Man darf den Absturz im Jahr 2015 deshalb nicht als schicksalhaften Einzelfall sehen. Bei einer Reihe von Abstürzen großer Passagiermaschinen lag in den vergangenen Jahrzehnten zumindest der Verdacht auf Pilotensuizid nahe. Bei der Fortentwicklung der Flugsicherheit hat der Begriff Schicksal so oder so keinen Platz. Das Fliegen ist über Jahrzehnte nur deswegen so sicher geworden, weil für jede mögliche Konstellation strikte Sicherheitsregeln gefunden worden sind. Durchgesetzt und überwacht werden müssen sie durch rigorose, ja manchmal bürokratische Abläufe.

Psychische Probleme werden versteckt

Wie groß die Herausforderung bleibt, haben in diesem Jahr leider einige Flugunfälle demonstriert – und das ausgerechnet in den USA, die einst den Goldstandard bei der Flugsicherheit etablierten. Es gab dort mehrere schwere Unglücke mit Passagiermaschinen. Dass bei den meisten niemand ums Leben kam, war auch einer kräftigen Prise Glück zu verdanken.

Zum Jahrestag des Germanwings-Absturzes, der weltweit die Luftfahrt erschütterte, hat die „New York Times“ eine umfangreiche Analyse dazu publiziert, wie schwierig der Umgang mit psychischen Problemen von Piloten weiterhin ist. Als Reaktion auf den Germanwings-Absturz verlange die US-Flugaufsicht FAA, dass Piloten bei entsprechenden Auffälligkeiten umgehend das Fliegen verboten wird.

Falsch verstandene Entbürokratisierung

Dies fördere aber nach dem Muster des Germanwings- Co-Piloten die Haltung, psychische Probleme zu verstecken, weil gleich der Job auf dem Spiel steht. Es brauche mehr Kompetenz und Kapazitäten für eine faire und zügige Risikobeurteilung. Auch das deutsche Luftfahrtbundesamt braucht übrigens oft viele Monate für die Prüfung. In den USA wird aber die Forderung nach Entbürokratisierung gerade ganz anders interpretiert – als Aufruf zum personellen Kahlschlag bei staatlichen Behörden.

Doch sicheres Fliegen braucht Rigorosität und langfristige Kontinuität, keine Sparziele. Und das ist vielleicht auch eine Lektion für diejenigen, die vergessen, warum es manchmal Vorschriften gibt – und staatliche Bürokratie.

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