Dominique Ludmann aus Gerlingen erfüllte sich nach einer schweren Zeit vor einem Jahr ihren Traum vom eigenen Atelier – das gibt ihr auch ein Jahr nach der Eröffnung weiter viel Kraft.
Für Dominique Ludmann konnte es kaum besser laufen: Lange hat die Künstlerin aus Gerlingen nach einem Atelier gesucht. Erst durch eine Annonce hat sie ein Angebot erhalten – und gleich zugegriffen. „Es war eine meiner mutigsten Entscheidungen, mein Atelier zu eröffnen“, sagt Dominique Ludmann heute, ein Jahr später. Mittlerweile habe sie „schon gefühlte echte Entzugserscheinungen, wenn ich nicht regelmäßig in meinen ‚Safe Place’ gehen und dort arbeiten kann“.
Im Rutesheimer Gewerbegebiet hat sich die 51-Jährige, die in Vollzeit als Buchhalterin arbeitet, gut eingelebt. Der Raum von knapp 40 Quadratmetern habe eine optimale Größe, um Bilder zu schaffen und auszustellen. „Hier hängt und steht, was mir gefällt und die neusten Werke“, sagt Dominique Ludmann. Weitere ihrer mehr als 100 Bilder zieren das Treppenhaus ihres Heims in Gerlingen. Mit dem eigenen Atelier für abstrakte Kunst erfüllt sich die Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern einen Traum.
Landschaft? Porträt? Pinsel? Nein danke!
Erst vor rund fünf Jahren, Anfang 2021, findet Dominique Ludmann zur Kunst. Abzusehen war das nicht, zumal in ihrer Familie keiner kunstschaffend ist und sie sich nie, wie sie erzählt, für das „normale Zeichnen“ von Porträts oder Landschaften und mit Pinsel interessiert hat. „Meine persönliche Leidenschaft hat mit allem zu tun, was mit flüssiger Farbe bearbeitet werden kann“, entdeckte sie zufällig. Konkret: Acrylfarben gemischt mit Wasser.
Die 51-Jährige durchlebte gerade eine schwere Zeit, als sie im Internet über die sogenannte Fluid Art „stolperte“, eine laut Ludmann noch „junge und unkonventionelle Art der Kunst“. Ihr Vater war gestorben, nachdem die Ärzte bei ihm ein Glioblastom diagnostiziert hatten, einen bösartigen Hirntumor. Er habe neun Monate lang durchgehalten, so Ludmann, die ihren Vater als Seelenverwandten, als Unterstützer bezeichnet. Schicksalsschläge wie Krankheit und Tod würden einem vor Augen führen, „wie schnell das Leben rum ist“. Darüber hinaus kämpfte die Gerlingerin mit den Folgen zweier Bandscheibenvorfälle. Sie machten es ihr unmöglich, ihre geliebte Kampfkunst Weng Chun Kung Fu weiter auszuüben. Ein anderer Ausgleich musste her, zum Beruf, der den Kopf beansprucht, und auch deshalb, weil damals das Coronavirus wütete.
Vom Wohnzimmer in den Keller ins Atelier
Die Gerlingerin ist davon überzeugt, dass ein gesunder Geist und ein gesunder Körper eine starke Person ergeben. Kampfkunsttraining stärke das Selbstbewusstsein und damit die Persönlichkeit, so ihre Erfahrung. Heute bringt sie das Mentale und das Körperliche in Einklang, indem sie künstlerisch arbeitet. Fluid Art sei eine Richtung, die einerseits befreiend und andererseits ausgleichend und entspannend auf das persönliche individuelle Innenleben wirke und vieles in uns wieder in Gang bringen könne.
Wenn sie mit den Händen arbeitet, „sieht es entsprechend aus“, sagt Dominique Ludmann und lacht. Ihre Bilder betrachte sie als Explosionszeichnungen. Die Schreibtischunterlagen im Atelier auf dem Boden sind voller bunter Farbkleckse. Damals hat Dominique Ludmann im Wohnzimmer begonnen, sie legte den Boden mit Folie aus. Wieder lacht sie. „Farbspritzer sind heute noch zu sehen.“ Später zog sie in den Keller.
Kopfkino, wenn jemand etwas erzählt
Ihre Kunst entsteht durch Bewegung und Wärme. Farbe auf die Leinwand zu kippen – mit einem modifizierten Torten-Drehteller oder einer Schleuder –, und die Bilder mit einem Föhn, Flambierbrenner, Händen, Fingern, Strohhalmen, Luftballons oder Spatel zu bearbeiten, habe sie nicht gekannt, berichtet Ludmann. Sie bringt sich alle Fertigkeiten selbst bei. Und achtet darauf, dass die Farbe nach unten spritzt, möglichst wenig verschwendet wird. Der Farbüberschuss ist ein Kritikpunkt an der Kunstrichtung.
Dominique Ludmann hat eine besondere Gabe, von der sie vor allem als Künstlerin profitiert: Sie hat eine stark ausgeprägte Fantasie, eine Hyperfantasie. Die 51-Jährige beschreibt das, was 20 bis 30 Prozent der Menschen in unterschiedlicher Ausprägung hätten, so: „Ich sehe Bilder im Kopf, wenn jemand etwas erzählt.“ Dieses Kopfkino, dieser Film sei wie ein Hintergrundrauschen, wie ein Tinnitus. „Es belastet mich nicht, sondern macht mein Leben bunter“, sagt Dominique Ludmann. Viel Stress verdränge ihre Fähigkeit.
Frauen in der Gesellschaft gleichwertig behandeln
Dass nicht alle ihre Leidenschaft für Fluid Art verstehen, manche Menschen ihr zufolge überrascht, ungläubig reagieren würden zu erfahren, dass sie Geld für ihre Werke verlangt, nimmt Dominique Ludmann gelassen. „Je mehr Aufmerksamkeit ich kriege, desto besser“, meint sie. Zudem gefalle ihr ja auch nicht jedes Bild von Monet oder Miró.
Die 51-Jährige setzt vor allem auf unterschiedliche Serien. Ihre farbgewaltige Dragon-Eye-Serie (Drachenauge) etwa stellt eine Verbindung zur Kampfkunst her. Dahingegen sei die Serie für Frauen in den Wechseljahren gediegener, mit viel Weiß. Ludmanns Botschaft: „Trotz der Veränderungen, der mal schlechten Stimmung, sind wir Frauen etwas wert.“ Sie wolle, dass Frauen grundsätzlich in der Gesellschaft gleichwertig behandelt werden. Im Grunde seien doch alle Menschen gleich.
Ideen ohne Ende vorhanden – doch erst mal hat die Gesundheit Vorrang
Dominique Ludmann sprüht vor Ideen. Viele kommen ihr im Wald, wo sie „weg von der Dauerbeschallung“ abschaltet. Beim Wandern, beim Radfahren. Sie will mehr ausstellen. In Nagold, in Stuttgart, Bonn, London und Mailand waren ihre Werke schon zu sehen. Darüber hinaus gibt sie Malkurse und Kurse für Kinder. Außerdem schweben Dominique Ludmann Vorträge rund um Gesundheit und Wohlbefinden der Frau, Selbstbehauptung und Selbstbewusstsein vor, ausschließlich oder mit einem Malkurs kombiniert. Ein Tässchen Kaffee will sie den Gästen auch anbieten.
Sobald sie wieder durchstarten kann. Denn aktuell ist Dominique Ludmann gesundheitlich angeschlagen. Sie sagt, momentan konzentriere sie sich auf ihre neue mundgeblasene Serie „Breath of Blooms“ (Atem der Blüten) und ihre Gesundheit. „Das Atelier hilft mir dabei sehr, weil ich hier zur Ruhe kommen und mit meinem Tun dort zu meiner seelischen und körperlichen Genesung beitragen kann.“
Im Internet stellt Dominique Ludmann sich und ihre Kunst vor: https://www.ludmann.art.