Stuttgart-21-Gegner raten First-Lady Gerlinde Kretschmann von einer Patenschaft für den Fildertunnel beim umstrittenen Bahnprojekt ab. Foto: dpa

Völlig unerwartet ist Baden-Württembergs First Lady Gerlinde Kretschmann in ein Dilemma geraten, in dem sie eigentlich nur die falsche Entscheidung treffen kann.

Stuttgart - Völlig unerwartet ist Baden-Württembergs First Lady Gerlinde Kretschmann in ein Dilemma geraten, in dem sie eigentlich nur die falsche Entscheidung treffen kann. Ihrem Mann, dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, war von Bahnchef Rüdiger Grube öffentlich eine Bitte der Arbeiter des Bahnprojektes Stuttgart 21 überbracht worden: Ob seine Frau Gerlinde nicht Schutzpatin für den Fildertunnel zwischen der Stuttgarter City und dem Landesflughafen Patin werde könne? Der Ministerpräsident und S-21-Gegner reagierte am vergangenen Mittwoch nicht auf das öffentlich vorgetragene Anliegen. Wenige Tage später brachte er die Situation auf den Punkt: „Wie man's macht, macht man's falsch.“

Deshalb ist das Kopfzerbrechen in der Staatskanzlei groß: Erfüllt die langjährige Grünen-Politikerin aus Sigmaringen die Bitte, vergrätzt sie die grüne Wählerschaft im Südwesten, die für die Ökopartei 2011 auch wegen ihrer jahrelangen S-21-Gegnerschaft stimmte. Lehnt sie ab, stößt sie die Mehrheit der Baden-Württemberger vor den Kopf, die sich beim Volksentscheid für das Bahnprojekt aussprachen - ganz zu schweigen von den schutzbedürftigen Mineuren.

Die Bergleute und Tunnelbauer suchen seit dem Mittelalter hochrangige Frauen als Schutzpatroninnen für ihre gefährliche Arbeit. Sie sind beim Tunnelanschlag dabei und geben den Röhren ihren Namen. Als irdische Stellvertreterinnen der heiligen Barbara, einer Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert, sind sie die einzigen Frauen, die während des Vortriebs die Baustelle betreten dürfen.

Prominente Ehefrauen als Tunnelpatinnen

Zu den prominenten Tunnelpatinnen gehören die Frau von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), Hannelore, und Christina Rau, Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD), die beide für die Sicherheit von Tunneln in Berlin sorgen sollten. Auch im Südwesten gab es bereits eine First Lady, Inken Oettinger, die als Patin fungierte; allerdings blieb sie im vergangenen Dezember der Einweihung des Katzenbergtunnels fern. Denn da war sie schon seit Jahren von Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) getrennt.

Naturgemäß wären Stuttgart-21-Gegner über ein Engagement Gerlinde Kretschmanns für den Fildertunnel alles andere als erfreut. „Sich für so ein Projekt herzugeben, würde von fehlendem Fingerspitzengefühl und Realitätsverlust zeugen“, meint der Sprecher der „Parkschützer“, Matthias von Herrmann. Gerade im Fildertunnel kristallisierten sich die technischen und finanziellen Probleme des Milliardenvorhabens.

"Tunnelpatin ist doch kein politischer Job"

Der Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider rät dagegen, die Kirche im Dorf zu lassen. Zwar drohe die Frage wieder zur Stellvertreter-Auseinandersetzung von Befürwortern und Gegnern zu werden. Doch er betont: „Tunnelpatin ist doch kein politischer Job.“ Er rät Gerlinde Kretschmann, einfach ihrem Gefühl zu folgen: „Sie sollte das machen, womit sie am besten leben kann.“

Deren Mann sinnt schon auf Auswege aus der Klemme: „In solchen Fällen guckt man, ob's nicht was anderes gibt“, sagte er der „Pforzheimer Zeitung“. „Was anderes“ wäre etwa die Frau von Finanzminister Nils Schmid (SPD), Tülay Schmid; diese hatte die Bahn selbst ins Gespräch gebracht hatte - allerdings für einen weiteren Tunnel. Aber auch die Frau des S-21-Befürworters Schmid kann nicht ganz unbefangen entscheiden; denn mit den Protesten gegen die Rodung eines Parks in Istanbul wäre ein Einsatz zugunsten von Stuttgart 21 für eine türkischstämmige Ministergattin nicht ganz unproblematisch. Die Bahn wird noch ihre liebe Not haben, für alle 16 Tunnel zwischen Stuttgart und Ulm geeignete Patinnen zu finden.

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