Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, betrachtet im Anthropologischen Labor des Instituts Schädel- und Knochenfunde. Foto: Christian Charisius/dpa

Der bekannte Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel verabschiedet sich in den Ruhestand. In seinem neuesten Buch beschreibt er den zerstörerischer Sextrieb vieler Täter.

Hamburg - Andreas A. war von Beruf Arzt. Nachts aber überfiel der 32-Jährige alleinstehende Hamburger Frauen in ihrem Bett. Maskiert drang er in ihr Schlafzimmer ein, bedrohte und betäubte sie mit Chloroform. Dann missbrauchte er sie. 1991 verurteilte ihn das Landgericht Hamburg wegen acht Vergewaltigungen zu sechs Jahren Haft. Seine Fantasien auszuleben, sei „wie ein Sog“ gewesen, sagte ein Gutachter im Prozess.

Serienvergewaltigern wie Andreas A. gehe es ausschließlich um die eigenen Bedürfnisse, um Sex und wohl auch um Macht, erklärt der Forensiker Klaus Püschel. Seit 1991 ist der 68-Jährige Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Im Institut für Rechtsmedizin landen nur die Fälle, bei denen die Leichenschau Fragen offenlässt.“

„Sex and Crime. Die Wahrheit ist der beste Krimi“

In seiner Laufbahn hat Püschel tausende Leichen untersucht. Jeder Tote hatte eine andere Geschichte zu erzählen, sagt der Mediziner, der bald in den Ruhestand geht. Püschel ist nichts mehr fremd, was Menschen sich gegenseitig an Grausamkeiten antun können. Als Autor hat er immer wieder aus dem reichen Erfahrungsschatz seiner forensischen Asservatenkammer geschöpft. „Tote schweigen nicht“, „Tote lügen nicht“, „Tote haben Recht(e)“ lauten die Titel seiner Bücher.

Zusammen mit der Gerichtsreporterin Bettina Mittelacher hat er ein neues Buch über Verbrecher und ihre Motive und ihr Seelenleben geschrieben. Titel: „Sex and Crime. Die Wahrheit ist der beste Krimi“ (Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2020, 184 Seiten). Anhand von weiteren Beispielen aus dem Hamburger Raum zeigen sie, wie Sexualität zur Triebfeder extremer Verbrechen wird.

Lesen sie hier: Die Spur der Mörder – Wie Forensiker, Kriminalbiologen, Strafrechtler und Kriminalisten Schwerverbrecher und Serienmörder überführen

„Lustmörder“ und „Säurefassmörder“

Püschels Erfahrung ist, dass jeder Mord Spuren an den Opfern hinterlässt, die zum Täter führen können. So auch im Fall des „Heidemörders“ Thomas Holst, der zwischen 1987 und 1990 drei junge Frauen südlich von Hamburg entführte, vergewaltigte und zu Tode quälte. Der 1966 geborene Holst bezeichnete sich selbst als „Lustmörder“.

Die Frauen nahm er im Auto mit in seine Wohnung, wo er sie misshandelte und erwürgte. 1993 verurteilte ihn das Landgericht Hamburg zu lebenslanger Haft und wies ihn in eine Psychiatrie ein. 1995 gelang dem damals 31-Jährigen für drei Monate eine spektakuläre Flucht aus der geschlossenen Anstalt – mit Hilfe einer Therapeutin, die ihn später heiratete.

Püschel und Mittelacher schildern in ihrem Buch auch den Fall des „Säurefassmörders“ Lutz Reinstrom. Der sadomasochistisch veranlagte Kürschner verschleppte 1986 und 1988 zwei Frauen in einem Bunker auf dem Grundstück seines Hamburger Reihenhauses, wo er sie zu Tode folterte und die Leichen anschließend zerstückelte.

Zerstörerischer Sextrieb

Was motiviert Menschen zu solchen abnormen Taten? „Durch sexuell orientierte Gewalt befriedigt ein Täter seine sexuellen Bedürfnisse.“ Der Sexualtrieb sei ein „primum movens“ – eine erste Ursache. „So wunderschön und erfüllend Sex sein kann, so zerstörerisch kann er für manche Menschen werden.“

Püschel und Mittelacher sprechen dabei stets von sexueller Gewalt. Experten für Gewalt gegen Frauen benutzen bei Übergriffen dagegen oft den Begriff der sexualisierten Gewalt. Sie wollen damit ausdrücken, dass die Gewalt nicht von einem unkontrollierten Sexualtrieb ausgeht, sondern ein Akt der Aggression und des Machtmissbrauchs sei.

Der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe erklärt auf seiner Internetseite: „Das Motiv für sexualisierte Gewalt ist nicht Sexualität, sondern Macht. Wir sprechen deshalb von sexualisierter Gewalt. Sexualität wird funktionalisiert, um Frauen und Kinder zu demütigen, sie zu erniedrigen und zu unterdrücken, mit dem Ziel, sich selbst als mächtig zu erleben.“

Wie Forensiker arbeiten

Die Rechtsmedizin ist Püschel zufolge das kleinste Fach in der Medizin, das ein „gewisses Mauerblümchendasein“ führt – „das Gegenteil also von dem, was im Fernsehen präsentiert wird“. Meistens gehe es in der Rechtsmedizin um Routinefälle, so der Forensiker. „Wir führen im Jahr etwa 1300 Leichenöffnungen durch. Immer wenn bei der Leichenschau nicht natürlicher Tod oder ungeklärt angekreuzt ist, sind es Fälle, die von der Gerichtsmedizin mit geklärt werden. Das sind von allen Todesfällen ungefähr 10 bis 15 Prozent.“

Seine Arbeit beschreibt Püschel so: „Genau hinschauen, das Verletzungsmuster wahrnehmen und interpretieren. Dann kombinieren, sich den Sachverhalt darstellen lassen und rekonstruieren. Eigentlich sind alle Sinne gefragt für die Tätigkeit eines Gerichtsmediziners.

Die Aufgabe der Forensik sei es, medizinische Sachverhalte für Polizei und Justiz zu übersetzen. „Durch das Fernsehen bekommt man den Eindruck, dass wir es nur mit Mord zu tun haben. Die meisten Toten mit denen wir zu tun haben, sind nicht vorsätzlich getötet worden. Vielmehr sind es Suizide, ärztliche Behandlungsfehler oder auch Unfälle, wie Bahnunfälle.“

Aufgrund von Untersuchungen in den Bürgerkriegsgebieten von Jugoslawien und Ruanda weiß Püschel, dass es auch Verbrechen gibt, bei denen die Ausübung von Gewalt im Vordergrund steht, die Opfer aber auf sexuelle Weise gedemütigt werden sollen. Hier verwendet auch er den Begriff der sexualisierten Gewalt. In seinem neuen Buch gehe es aber um sexuelle Gewalt, sagt der Forensiker. „Der Sexualtrieb steht im Zentrum von dem, was ich beschreibe. Das ist eines der wichtigsten Motive, das diese Menschen antreibt.“

„Kirmesmörder“ Jürgen Bartsch

Laut Püschel können Medikamente den Geschlechtstrieb bremsen, einige Straftäter seien angesichts unabsehbar langer Sicherungsverwahrung sogar zur Kastration bereit – wie Jürgen Bartsch. Der 1946 in Essen geborene Bartsch ging als „Kirmesmörder“ in die deutsche Kriminalgeschichte ein. Zwischen 1962 und 1966 missbrauchte und ermordete der Metzer-Geselle mindestens vier Jungen in der Umgebung von Langenberg in Nordrhein-Westfalen. Die Leichen zerstückelte und versteckte er in einem Luftschutzstollen.

Nachdem Bartsch zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden war, ließ sich Bartsch am 28. April 1976 auf eigenen Wunsch in der Landesheilanstalt Eickelborn bei Soest kastrieren. Er starb während der Operation an einem Narkosefehler.

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