Metropole des Scheins: Venedig Foto: picture-alliance/ dpa-tmn

Ein verlassenes Krankenhaus auf dem Lido, die tausend Jahre alten Kirchen von Torcello und das jüdische Ghetto: Gerhard Roth inszeniert im zweiten Band seiner Venedig gewidmeten Trilogie ein virtuoses Verwirrspiel.

Stuttgart - Immer hübsch wachsam bleiben. Sonst könnte es schnell passieren, dass man sich im falschen Roman wähnt, irgendwo zwischen Dan Brown und Donna Leon, wo bildungstouristische Schmankerl vor pittoresker Kulisse mit kriminalistischem Geschmacksverstärker serviert werden. Was gibt es für die Literatur in Venedig noch zu gewinnen? Die Beobachtungen Verzückter, Verzauberter und Enttäuschter dürften unter bibliothekarischen Gesichtspunkten etwa dem Getümmel in der Stadt entsprechen, wenn sich wieder einmal der Bauch eines der großen Kreuzfahrtschiffe über ihr entleert hat.

Und vielleicht trägt dieser Befund ja auch zur miesen Stimmung der Hauptfigur von Gerhard Roths jetzt erschienenem zweitem Band seiner Venedig-Trilogie bei. Jedenfalls ist dieser Emil Lanz, ein verwitweter Übersetzer klassischer Werke, der in einem Haus auf dem Lido wohnt, zu Beginn fest entschlossen, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er wüsste sofort, was es mit dem Romantitel auf sich hat: „Die Hölle ist leer, die Teufel sind alle hier“ – ein Zitat aus Shakespeares „Sturm“.

Am Ende weiß es auch der Leser. Denn Venedig erhebt sich hier aus der Lagune der Einbildungskraft als Metropole des Scheins: ein Umschlagplatz für Träume und Verbrechen, ein Brückenkopf der Fantasie im verseuchten Mare nostrum der Gegenwart, ein gigantisches Friedhofsarchipel, über das die Luftgeister des kulturellen Gedächtnisses spuken. Mit Worten und Wassertaxis verkehrt der zum Zeugen einer Mordserie gewordene Übersetzer zwischen den Sphären von Leben und Tod, Schönheit und Untergang, Spiel und tödlichem Ernst.

So viel Trauer haben die Gondeln selten getragen

Das luftige Nomadisieren zwischen den Welten hat einen radikalen Gegenwartsbezug. Am Strand wurde die Leiche eines Flüchtlingsmädchen gefunden, es tobt ein Bandenkrieg zwischen Menschenhändlern und Schleppern. Und irgendwann scheint es Emil Lanz, als liefen im Schicksal des toten Kindes alle Fäden des existenziellen Verwirrspiels seines Lebens zusammen. So viel Trauer haben die Gondeln selten getragen. Und so präzise und klar die Alltagsgegenstände und -begebenheiten gerade auch in den schmucklosen Randbezirken abseits der touristischen Wegmarken gefasst sind, so verschwimmend erscheinen zusehends die Grenzen, die Diesseits und Jenseits trennen. Immer wieder überfällt den Protagonisten der Verdacht, schon tot oder verrückt zu sein.

Zwischen der Laguna Morta und dem Ponte Paradiso führen die Gänge des manischen Büchersammlers Lanz, vorbei an vielfältigen Widerspiegelungen der Weltliteratur. Und sie knüpfen lose an „Die Irrfahrten des Michael Aldrian“ an, den ersten Band des Zyklus, worin in präzise geführten Gefrierschnitten der winterliche Stadtkörper seziert wird, das Kapillarsystem der Kanäle und Gassen, das wuchernde Mythengewebe, der tödliche Wundbrand der touristischen Gegenwart.

„Sie dürfen nicht glauben, dass alles, was Sie sehen und erfahren, schon die Wirklichkeit ist. Es ist nur ein Partikel in der Schwärze des Universum“, sagt eine der Figuren, die Emil Lanz durch die Anschläge und Tücken der trügerischen venezianischen Zwischenwelt geleiten.

Gerhard Roth, der lange das elektronische Gedächtnis seiner Heimatstadt Graz organisiert hat, ist ein Fantast des Archivs. Er sammelt kulturelles Wissen, um die Teufel zu bannen, die sich aus der Hölle aufgemacht haben. Doch sie sind schon da. Alles erscheint unsicher. Und zu diesem schwankenden Grund gehört der stets mitlaufende Verdacht des Lesers, am Ende einem großen Schwindel auf den Leim gegangen zu sein. Aber vielleicht liegt gerade darin die große Kunst dieses Autors.

Gerhard Roth: Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier. Roman. S. Fischer. 368 Seiten, 25 Euro.

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