Christina Block und Gerhard Delling (2. v. li.) betreten mit ihren Anwälten das Hamburger Gericht. Foto: Georg Wendt/dpa

Unter gewaltigem Medienecho ist am Freitag der Prozess gegen die Block-House-Erbin Christina Block gestartet. Der Vorwurf gegen sie lautet: Entführung der eigenen Kinder.

Gekleidet in hellblauer Bluse und dunkler Hose, begleitet von ihren beiden Anwälten, betritt Christina Block (52) am Freitagmorgen überpünktlich das Landgericht Hamburg durchs Hauptportal. Gefolgt von ihrem Lebensgefährten Gerhard Delling (66), wirkt sie gefasst und strahlt Souveränität aus. Sie nimmt Platz auf der Anklagebank im holzgetäfelten Saal 237, dem sogenannten Sicherheitssaal, wo auch spektakuläre Prozesse wie gegen den 9-11-Terroristen Al-Motassadeq oder gegen einen früheren Wachmann des Konzentrationslagers Stutthoff stattfanden – jetzt sind 100 Journalisten akkreditiert, von der Weltpresse über Sportberichterstattern bis hin zu Frauenmagazinen, eine breite Mischung.

 

Der Fall Block ist schillernd, ein Familiendrama, und er erschüttert die Hansestadt. Mit dem Prozessauftakt am Freitag ist ein Verhandlungsmarathon eröffnet, 37 Sitzungen sind anberaumt bis zum 23. Dezember. Christina Block ist gelernte Hotelfachfrau und Business-School-Absolventin, und vor allem die Tochter des Restaurant-Königs Eugen Block (84), Herr über 68 Steak-Häuser, 560 Hotelbetten in der Blockhouse-Gruppe und 90 im„Grand Elysee“ in Hamburg. Und sie muss sich nun verantworten wegen Freiheitsberaubung und körperlicher Misshandlung gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem früheren ARD-Sportmoderator und Günter-Netzer-Freund Delling als Beihelfer sowie fünf weiteren Tatverdächtigen.

Christina Block soll nach einem jahrelangen Streit um die Kinder mit ihrem Ex-Mann Stephan Hensel (51) offenbar eine Verzweiflungstat verübt haben: Die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder Theodor und Karla (damals zehn und 13) am Neujahrstag 2024 durch eine vermummte Security-Truppe von ihrem Wohnort beim Vater im dänischen Ort Grasten (Gravenstein) soll sie beauftragt haben. Die Kinder durchlitten dabei die Qual einer brutalen Odyssee, die über die dänisch-deutsche Grenze, einen Bauernhof in Mühlacker (Enzkreis) und dann nach Hamburg führte.

Die Kinder seien „völlig verängstigt“ gewesen

Der Prozess beginnt mit der Verlesung der Anklage, bei der ein Vertreter der Staatsanwaltschaft den Horror der Entführung für die Kinder schilderte: Der Vater sei niedergeschlagen worden, die Kinder mit Gewalt verschleppt worden: „Sie haben erhebliche seelische Schäden dabei erlitten“, so der Staatsanwalt. Die Kinder seien gefesselt worden und mit Tape habe man ihnen die Münder verbunden, damit sie nicht schreien. In Grenznähe sei man durch ein Waldstück gelaufen, man habe den Jungen da wie einen Sack auf dem Rücken getragen und in Deutschland in ein Wohnmobil umgeladen. Die Kinder seien „völlig verängstigt“ gewesen und im Auto hätten die Täter die Kinder in den Fußraum gedrückt. „Der Zehnjährige lag unter seiner 13-jährigen Schwester und die hatte Angst, dass ihr Bruder ersticke.“ Klara habe Hautabschürfungen an den Beinen und Hämatome am Arm erlitten, die Vermummten hätten gesagt, dass man gut zu Kindern sei, „dass man ihnen aber auch weh tun könne, und dass man sie töten könne“. Als sich das Tape von Klara einmal lockerte und sie schrie, wickelten die Täter das Klebeband um ihren ganzen Kopf, ihr Handy warfen sie aus dem Autofenster.

Als man den Kindern Essen anbot, verweigerten sie dies, laut Aussage von Theodor tat er dies aus Angst, im Essen könne ein Schlafmittel sein. Später hat die Mutter ihre Kinder aus Süddeutschland abgeholt und da seien im Auto die Türen per Sicherung geschlossen worden. Auch im Wohnhaus von Christina Block in Hamburg, wo sich die Kinder dann bis zur Entscheidung des Hanseatischen Oberlandesgerichts vom 5. Januar 2024 – die Kinder müssten sofort zum Vater nach Dänemark zurück – aufhielten, da habe man darauf geachtet, „dass die Kids nicht durchs Fenster gehen“.

Gerhard Delling habe gesagt, man müsse dafür Sorge tragen, dass die Kinder nicht mit der Polizei sprechen. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt davon, dass Christina Block die Sicherheitsfirma Cyber Cupula mit der Entführung beauftragt hat. Sie ließ Mitarbeiter der Firma wochenlang kostenlos und bei freiem Essen im zur Block House Gruppe gehörenden Hotel „Grand Elysee“ wohnen und dort sei „der Tatplan erarbeitet“ worden.

Abschottung, „Manipulation und Entfremdung“ der Kinder

Die prominente Angeklagte hat zwei Anwälte an ihrer Seite, Ingo Bott und Otmar Kury. Kury weist in seinem „Open Statement“ zweimal darauf hin, dass er schon 42 Berufsjahre hinter sich hat, zudem spricht er konsequent alle Frauen mit „Dame“ an. Er erklärt, dass die „Dame Christina Block“ unschuldig und der Tat auch nicht verdächtig sei. „Sie hat zu keiner Zeit einen Auftrag erteilt, ihre geliebten Kinder zurück zu holen.“ Dann wirft er der Staatsanwalt formale Fehler vor, sie habe einen 375 Seiten starken Schriftsatz von ihm nicht in die Hauptakten übertragen. „So etwas habe ich in 42 Jahren nicht erlebt.“ Im übrigen beschuldigt er den Kindsvater Hensel, er habe die Kinder rechtswidrig bei sich behalten. Und er lenkt auf eine andere Spur für die mögliche Urheberschaft der Entführung und den Auftrag dazu: Dass die mittlerweile verstorbene Großmutter, Christa Block, die durch die Vorenthaltung ihrer Enkel in Dänemark „psychisch zerstört“ worden sei, einmal 120 000 Euro von der Sparkasse Hamburg abgehoben habe, dass sei bei den Ermittlungen nicht genug geleuchtet worden.

Der zweite Block-Verteidiger, Bott, gibt da Flankenschutz mit einer etwas anderen Strategie: Er zitiert aus Jugendamtsberichten das „bunte und aktive Leben“, dass die Kinder früher in Hamburg gehabt hätten und das sie „zugewandt und offen“ gewesen seien. Dem Kindesvater Stephan Hensel unterstellt Bott „viele Ausraster“ und dass er – nachdem er im August 2021 die Kinder gegen alle Absprachen nach einem Wochenende einfach in Dänemark behalten haben soll – an einer bewussten Abschottung, „Manipulation und Entfremdung“ der Kinder gearbeitet habe. Die führe nun dazu, dass die Tochter Klara im Prozess gegen die eigene Mutter aussagen wolle und dies vorab schon in Medien angekündigt worden sei. Insgesamt sei die Anklage „dünn und nicht schlüssig“, so Bott: „Die Staatsanwaltschaft hat viele tausend Seiten von Akten vorgelegt, sie hat alles durchleuchtet im Leben von Christina Block, sie ist eine gläserne Person. Aber wo ist der Auftrag, den sie zur Entführung erteilt haben soll?“

Delling sei in einer „Überforderungssituation“ gewesen

Als dritter im Bunde tritt dann schließlich der Anwalt von Gerhard Delling auf, dem prominenten Sportreporter und Grimme-Preisträger, der sich über das hohe, an Vorverurteilung grenzende Medieninteresse an Delling beklagt. Die berufliche Arbeit von Delling sei durch das Medienecho jetzt schon weitgehend zum Erliegen gekommen. Jeder der seinen Mandanten kenne, der wisse, dass er Gewalt verabscheue, er habe selbst drei Kinder, die er gewaltfrei erzogen habe.

Als Lebenspartner von Christina Block habe er lediglich versucht, die Kinder aus Dänemark auf legalem Wege zu holen, schließlich lag seit Oktober 2021 eine klare Entscheidung des Hanseatischen Oberlandesgerichts vor, dass die Eltern das gemeinsame Sorgerecht hätten, dass aber Christina Block das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zukomme. Vom Vater und den dänischen Behörden war der Beschluss ignoriert worden. Delling sei da auch in einer „Überforderungssituation“ gewesen, aber er sei als Journalist gewohnt Fragen zu stellen, Abläufe zu klären und Kontakte herzustellen – das habe er für Christina Block, der man die Kinder zweieinhalb Jahre lang entzogen hat, auch getan.

Christina Block hat eine Aussage für den Prozess angekündigt, sie ergreift am ersten Verhandlungstag aber nicht das Wort. In diesem jahrelangen Tauziehen um die Kinder – die Trennung erfolgte schon 2014 nach neun Ehejahren – wähnte sich Christina Block zunächst auf der sicheren Seite, mit dem ersten besagten Beschluss des Hanseatischen Oberlandesgerichts von 2021, der ihr das Aufenthaltsbestimmungsrecht erteilte. Hat sie nun einen Feldzug der Selbstjustiz in Kohlhaas’scher Manier führen wollen, um ihr bundesdeutsches Recht durchzusetzen gegen die dänischen Behörden?

Zuletzt hatte Block aber verloren vor Gericht, am 5. Januar 2024 vor dem Hanseatischen OLG, dass kurz nach dem Kidnapping die sofortige Rückführung der Kinder zum Vater nach Dänemark verlangte und für alle weiteren Entscheidungen die dänische Gerichte für zuständig erklärte.

Denn entscheidend sei der Lebensort der Kinder, dort wo sie sich eingelebt haben, wo ihr soziales Umfeld ist und wo sie sich wohlfühlen. Nach gut zwei Jahren in Dänemark sei das nun mal Grasten gewesen. Mit einer Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht gegen diesen Beschluss scheiterte Christina Block im Mai diesen Jahres und mittlerweile hat ein dänisches Gericht dem Vater das alleinige Sorgerecht zugesprochen. Dass die gestressten Kinder inzwischen längst in einer Stadt in Dänemark unter falschem Namen leben – das ist aus den Urteilen nicht ablesbar.

Die einst zur High Society in Hamburg zählende Christina Block – deren Schicksal von der Boulevardpresse in Hamburg lange sehr einseitig zu ihren Gunsten medial begleitet worden ist – droht im Falle einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe, von vier bis fünf Jahren ist die Rede, maximal zehn.

Neben ihrem Mitangeklagten Delling, der den Transport nach Baden-Württemberg eingefädelt haben soll, sind auf der Anklagebank noch ein Anwalt (63) aus dem Umfeld der Familie Block und vier weitere: Ein Israeli (35), der in Untersuchungshaft sitzt und in Zypern verhaftet worden sein soll, ein Unternehmer sowie zwei andere Personen. Nach sechs Personen fahndet die Staatsanwaltschaft noch. Blocks Ex-Ehemann tritt zwar als Nebenkläger auf, er ist juristisch gesehen aber selbst unter Druck, es läuft ein Strafverfahren am Landgericht Hamburg gegen ihn wegen des Verdachts der Kindesentziehung, weil er 2021 die Kinder einfach in Dänemark behielt. Und ein dritter juristischer Schauplatz könnte sich auftun: Ermittelt wird auch, ob Block versucht hat, gegen Stephan Hensel im Internet Vorwürfe der Pädophilie zu streuen. Das Familiendrama der Blocks ist jetzt fest im Griff der Justiz.

Als Block gegen 13.30 Uhr das Gericht verlässt und gemeinsam mit Delling in ein vorgefahrenes offenes Mercedes-Cabrio steigt, sie hinten, er vorne, ruft ein Reporter ihr eine Frage zu: „Warum beschuldigen Sie eigentlich Ihre Mutter?“ Block wendet den Blick ab und antwortet nicht, das Auto fährt ab.