Gerber-Areal Chaos am Gerber gefährdet Schulkinder

Von Jürgen Lessat 

Die Riesenbaustelle des Gerber-Areals von oben Foto: Beytekin
Die Riesenbaustelle des Gerber-Areals von oben Foto: Beytekin

Ordnungsamt kämpft verzweifelt gegen wild abgestellte Baufahrzeuge im Gerber-Quartier.

Stuttgart - Wenn Veronika Kienzle in ihrem Stadtbezirk ein Ärgernis entdeckt, greift sie gern zur Kamera, um den Missstand zu dokumentieren. Die Bilder, die die Vorsteherin des Stadtbezirks Mitte kürzlich bei einem Rundgang entlang der Tübinger Straße schoss, haben es in sich. Sie zeigen Chaosszenen beim Baustellenverkehr: Riesige gelbe Muldenkipper, die kreuz und quer auf der Straße stehen, überlange Betonmischerfahrzeuge, die auf Fußgängerüberwegen parken, unförmige Anhänger mit Kabelrollen, die Eingänge von Läden versperren. Verängstigte Schulkinder, verunsicherte Radfahrer und verärgerte Autolenker schlängeln sich durch den Hindernisparcours. „Hier ist Gefahr im Verzug“, konstatierte Veronika Kienzle (Grüne), als sie die Aufnahmen am Montagabend im Bezirksbeirat Mitte vorlegte. Die Verkehrssituation in dem Baugebiet hatte das Gremium nach Klagen von Anliegern kurzfristig auf die Tagesordnung gesetzt.

Zurzeit wird im südwestlichen Teil der Innenstadt auf fünf Großbaustellen gleichzeitig gebuddelt: am Einkaufszentrum Gerber, am Büro- und Wohnkomplex Caleido, am Erweiterungsbau der Württembergischen Gemeindeversicherung, am Bürogebäude Paulinenstraße 21 sowie an der Umgestaltung der Tübinger Straße. Entsprechend heftig brummt der Baustellenverkehr.

Extra eine Wartespur auf Paulinenbrücke

„Es ist ein Unding, wenn der einzige Zebrastreifen auf dem Schulweg zwischen Stadtbahn-Haltestelle Österreichischer Platz und unsere Schule von Baulastern zugeparkt wird“, sagte Dieter Elsässer. Der Rektor des Karls-Gymnasiums bestätigte, was auf den Momentaufnahmen Kienzles zu sehen war. Viele der Schüler seien auf diesen Schulweg angewiesen. Seit auf den Baustellen Hochbetrieb herrsche, gebe es täglich Anrufe besorgter Eltern, ob die Kinder noch sicher unterwegs seien. „Auch Lehrer kommen zu spät zum Unterricht, weil oft die Zufahrt zum Schulparkplatz versperrt ist“, berichtete Elsässer. „Die Lkw-Fahrer machen, was sie wollen. Die Polizei sollte endlich was ­machen“, lautete sein Fazit im Bezirksbeirat.

„Wir sind ständig dabei, den Baufirmen auf die Finger zu schauen“, verteidigte sich Karin Wagenfeld vom zuständigen Ordnungsamt, „wir gehen sofort raus, wenn etwas aus dem Ruder läuft.“ Regelmäßig schauten auch Polizeistreifen an Ort und Stelle nach dem Rechten. Zudem hätten sich alle Baufirmen an Auflagen zu halten, ­erwähnte Wagenfeld.

Die schreiben unter anderem vor, dass Lkw nicht auf der Straße und auf dem Baufeld dauerhaft geparkt werden dürfen. Die Sicht auf Verkehrsschilder muss frei bleiben, verschmutzte Straßen sind unverzüglich zu reinigen. Zudem wurde auf der Paulinenbrücke extra eine Wartespur eingerichtet, von der die Lkw auf Abruf einzeln in die Baugrube des Gerber einfahren sollen.

„Die Stadt braucht dringend einen Baustellenkoordinator“

Doch an diese Spielregeln hielten sich zuletzt nur wenige Lastwagenfahrer und Bauleiter. Selbst angedrohte Bußgelder entwirrten das Verkehrschaos nicht. Erst mit einem Ultimatum konnte sich das Ordnungsamt bei einer widerspenstigen Baufirma durchsetzen. Ändert sich binnen 24 Stunden nichts, sollte die Baugenehmigung entzogen werden. Diese Drohung zeigte offenbar Wirkung. Seitdem habe sich die Situation entspannt, versicherte Karin Wagenfeld.

Mit weiteren verkehrslenkenden Maßnahmen will das Ordnungsamt zusätzlich für Entspannung sorgen. So soll in dieser Woche die Tübinger Straße zwischen Paulinen- und Eberhardstraße vollständig zur Einbahnstraße in Richtung Innenstadt werden. Bisher war die Achse schon teilweise wegen Kanalarbeiten nur in eine Richtung befahrbar. Zudem wird ein Durchlass von der Sophien- auf die Hauptstätter Straße geschaffen, über den die Laster vom Gerber direkt abfahren können. Zusätzlich wird in den Osterferien der Zebrastreifen in der Tübinger Straße/ Ecke Paulinenstraße auf die andere Seite der Paulinenbrücke verlegt.

Der Bezirksbeirat begrüßte die Maßnahmen, bekräftigte dennoch einstimmig einen früheren Beschluss: „Die Stadt braucht dringend einen Baustellenkoordinator“, verlangte Grünen-Fraktionsvorsitzende Annegret Breitenbücher. Der soll von Anfang an alle Firmen an einen Tisch bringen und Anwohner rechtzeitig über Baufortschritte ­informieren.

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