Die Statuten des Fußball-Weltverbands Fifa stehen einem Wechsel von Borna Sosa vom kroatischen zum Deutschen Fußballverband entgegen. Was wird nun aus dem Außenbahnspieler des VfB Stuttgart?
Stuttgart - Die Chinesen machten am Montag Nägel mit Köpfen. Nationaltrainer Li Tie berief mit den gebürtigen Brasilianern Elkeson, Fernando Henrique und Alan Carvalho sowie den in England geborenen Tyias Browning und Nico Yennaris gleich fünf Fußball-Legionäre ins Aufgebot für die entscheidenden Qualifikationsspiele zur WM 2022 in Katar. Das Quintett war gezielt eingebürgert worden, um noch auf den WM-Zug aufzuspringen. Eine Aktion, die im Reich der Mitte unter Journalisten und ehemaligen Nationalspielern einige Kritik hervorrief und die stark an die Methoden des Handballverbandes von Katar erinnert. Dieser hatte 2015 zur WM im eigenen Land der sportlichen Erfolgsaussichten wegen zahlreiche Spieler aus aller Herren Länder zu Kataris gemacht.
Eine Nummer kleiner versucht derzeit der Deutsche Fußball-Bund, seine Schwäche auf der linken Defensivseite zu beheben. In Borna Sosa haben die Späher des DFB einen Kandidaten ausfindig gemacht, der das Spiel auf der Außenbahn beleben und mit seinen Flanken der Mannschaft von Joachim Löw zu mehr Torgefahr verhelfen könnte. Manager Oliver Bierhoff höchstselbst erklärte nach Sosas still und heimlich vollzogener Einbürgerung, der gebürtige Kroate sei ein Kandidat für die EM und darüber hinaus. Auch der Profi des VfB Stuttgart blickte möglichen Auftritten im Trikot mit dem Bundesadler freudig entgegen und rechnete seinerseits mit dem kroatischen Fußballverband ab.
Das sagte Sosa selbst zu seinen Wechselabsichten
Doch nun haben die Pläne einen herben Dämpfer bekommen. Grund sind die Statuten des Fußballweltverbandes Fifa. Sie könnten dem angedachten Wechselspiel einen Riegel vorschieben. Ein Transfer in einen anderen Verband ist demnach nur möglich, wenn der Spieler bei seinem letzten Auftritt für sein Heimatland nicht älter als 21 Jahre alt war. Hier liegt das Problem. Als der Linksfuß zum letzten Mal das rot-weiß-karierte Leibchen der „Vatreni“ überzog, da war Sosa bereits 22. Im November 2020 beim 2:2 der kroatischen U 21 gegen Schottland absolvierte er sein letztes von insgesamt 19 Länderspiel für Kroatiens Nachwuchsauswahl.
Bei der Fifa ging noch kein Antrag ein
Das könnte Sosa („Ich will künftig für Deutschland spielen“) nun zum Verhängnis werden. Denn die Statuten der Fifa sind felsenfest formuliert und die Artikel zum Verbandswechsel alles andere als Gummiparagrafen. Die Frage, die sich als Erstes stellt, lautet: Hat der DFB von all dem nichts gewusst? Auf Anfrage hieß es am Montag nur, dass man sich derzeit noch „in der Abstimmung“ befinde. Wohl mit der Fifa, die ihrerseits antwortete, dass in Zürich noch kein Antrag auf einen Verbandswechsel eingegangen sei.
Möglicherweise ist den Juristen in Frankfurt entgangen, dass der mächtige Weltverband seine Regularien erst im September geändert hat. Der Passus mit dem Alter ist neu. Eigentlich war die Fifa bestrebt, Spielern den Wechsel von einem Verband zu einem anderen zu erleichtern. So gilt die alte Regelung, wonach sich ein Spieler mit seinem ersten Einsatz für ein A-Team festgespielt hat, nicht mehr. Erst ab dem dritten Länderspiel gibt es nun kein Zurück mehr.
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Der in dieser Saison so famos aufspielende Sosa steckt womöglich in der Sackgasse. Gegen den kroatischen Verband hat er in Interviews scharf geschossen. Nationaltrainer Zlatko Dalic warf er vor, ihn links liegen gelassen zu haben. Was nichts daran ändert, dass Sosa in seiner Heimat jetzt als Verräter gilt.
Sein Fall erinnert an den von Nedim Bajrami. Der 22-Jährige wollte sich nach Spielen für die Schweizer U 21 im März der albanischen A-Nationalmannschaft anschließen, scheiterte aber an ebenjener Altershürde, die sich nun auch Sosa in den Weg stellt. Bajrami absolvierte vier Länderspiele für die Schweiz nach seinem 21. Geburtstag. So reiste der Profi des FC Empoli Ende März mit seinem vermeintlich neuen Nationalteam unter anderem zum WM-Qualifikationsspiel gegen England. Um schließlich unverrichteter Dinge wieder abzureisen.
Sportrechtsexperte ist skeptisch
Es dürfte spannend werden, welche juristischen Hebel der DFB nun in Bewegung setzt, um Sosa doch noch eine Karriere im Team des Weltmeisters von 2014 zu ermöglichen. Nach Einschätzung des Stuttgarter Sportrechtsexperten Marius Breucker sind die Chancen allerdings überschaubar. Er hält die Statuten der Fifa für klar formuliert und kann auf den ersten Blick auch keine Ausnahmeregelung oder Schlupflöcher erkennen. „Da wird man schwer vorbeikommen“, sagt Breucker und liefert die Erklärung gleich mit: „Verbandswechsel müssen schon aus Gründen der Chancengleichheit eindeutig geregelt und einheitlich gehandhabt werden.“
Für den DFB wäre dies nicht weniger als eine Blamage – und für Sosa würde sein Vorstoß in ein Eigentor münden.
In unserer Bildergalerie zeigen wir die bisherigen „Überläufer“ ins DFB-Team. Viel Spaß beim Durchklicken!