Zwischen Asperg und Tamm liegt ein Grünzug, der auch Frischtluftschneise ist. Kommt ausgerechnet dort eine Landeserstaufnahme-Einrichtung hin? Foto: Werner Kuhnle

Wegen der Idee des Landes, vor den Türen Aspergs und Tamms eine Landeserstaufnahme-Einrichtungen auf die grüne Wiese zu stellen, wächst der Widerstand der Einwohner.

Wie viele Menschen am kommenden Mittwoch auf dem Tammer Rathausplatz stehen werden, um ihrer Ablehnung einer Landeserstaufnahme-Einrichtung zu verleihen, kann die Bürgerinitiative „Nein zur Bebauung des Schanzacker“ nicht einschätzen. 700? 1000? Noch mehr? „Das ist ganz schwierig vorauszusagen“, erklärt ein Sprecher der Initiative. Die Zahl der Interessierten, die der Whatsapp-Community der Bürgerinitiative beitrete, wachse jedenfalls rasant.

 

Dass der Sprecher – sein Name ist der Redaktion bekannt – wie die anderen fünf Initiatoren Bedenken haben, öffentlich genannt zu werden: Schon das zeigt, wie heiß das Thema gekocht wird. Aktuell sei die Dynamik, die die Sache annehmen annehmen könne, nicht überschaubar, sagt der Tammer Bürger. „Wer weiß, wer sonst plötzlich bei uns vor der Tür steht. Wir haben Familien, wir haben Arbeitgeber.“

Womöglich werde man in einen falschen Kontext gestellt, obwohl die BI dezidiert keinerlei Parteipolitik in dieser Diskussion haben wolle. Doch sicher sei sicher – jedenfalls im Augenblick. Die Vorsicht scheint begründet: Die AfD beispielsweise ist umgehend auf den Zug aufgesprungen und agitiert gezielt; die Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis, Marc Jongen und Martin Hess, verhöhnen auf Facebook sowohl Landrat Dietmar Allgaier und Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht als auch die Bürgermeister Christian Eiberger aus Asperg und Martin Bernhard aus Tamm. „Die Bürgermeister von Tamm und Asperg betonen derweil unisono, dass sie selbstverständlich für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge sind. Aber eben nicht auf dem Schanzacker. Wegen der Natur“, postet Hess.

„Wir wollen keine parteipolitischen Äußerungen und keine Störenfriede“

Genau mit so etwas wolle die Bürgerinitiative nicht in Verbindung gebracht werden, sagt der Sprecher. „Wenn bei der Kundgebung irgendwelche Fahnen oder Banner auftauchen oder es Geschrei gibt, werden unsere Ordner eingreifen. Wir wollen keine parteipolitischen Äußerungen und keine Störenfriede, egal von welcher Seite. Das kommunizieren wir auch in der Community.“

Der BI gehe es um den „völlig ungeeigneten“ Standort: „Dort draußen gibt es für so viele Menschen einfach überhaupt nichts“, so der Sprecher. Eine Brücke, ein Tunnel oder gar ein S-Bahn-Halt seien „völlig utopisch“, die Kosten ein Irrsinn, das Gelände ein Naherholungsgebiet für Spaziergänger und Gassigeher. Und ja, natürlich mache man sich Sorgen um die Sicherheit. „Viele Bürger sind verunsichert, es gibt die Befürchtung, dass dort draußen ein Ghetto entsteht.“ Das habe nichts mit Nationalitäten zu tun, sondern mit der schieren Menge an aufeinandersitzenden Menschen im Niemandsland.

Bei der Kundgebung werden auch Martin Bernhard und Christian Eiberger Position beziehen. Was die Ablehnung des Standortes angeht, der auf Ludwigsburger Gemarkung liegt, aber direkt an ihre Städte grenzt, passt kein Blatt Papier zwischen die beiden. Was die Kommunikation angeht – die Kommunen, die mit stärksten Auswirkungen der Lea zu rechnen hätten, erfuhren als Letzte von den Überlegungen des Landes –, hätten sie ihren Unmut kommuniziert, sagt der Tammer Bürgermeister Bernhard, inhaltlich bleibe klar: Der Standort sei ein No-Go.

„Man hat versucht, dort eine JVA zu bauen und eine Spedition anzusiedeln, beides ist gescheitert. Jetzt versucht man es auf einem ökologisch bedeutsamen Gebiet ein drittes Mal, es ist völlig unverständlich.“ Es gebe null Erschließung: „Straße, Wasser, Abwasser, alles müsste man bauen.“ Asperg zähle zu den am dichtesten besiedelten Städten Deutschlands, Tamm zu den am dichtesten besiedelten im Kreis: „Und hier will man eine Lea in eine Frischluftschneise stellen?“ Und dass ein Tunnel oder eine Brücke über die Bahnlinie gebaut wird, um die Lea-Bewohner Richtung Ludwigsburg zu kanalisieren – „das wird, nüchtern betrachtet nie kommen“, so Bernhard. Das wisse jeder, der Planungsprozesse bei der Bahn kenne.

„Thema verfehlt, setzen, sechs!“

„Thema verfehlt, setzen, sechs“, kommentiert Christian Eiberger die Pläne, vor allem die Geflüchteten-Politik des Bundes, die den Ländern, Kreisen und Kommunen schier Unleistbares aufbürde. „Ich beschönige nichts mehr. Ich fühle mich verarscht. Wir sind an einem Limit, an dem wir es nicht mehr packen“, ärgert sich der Asperger Bürgermeister. Wenn 1000 oder mehr Menschen auf einen Schlag kämen, wachse nachvollziehbarerweise das Unsicherheitsgefühl.

„Spielen soziale Faktoren und Geld denn gar keine Rolle mehr? Hat das Land 150 oder 170 Millionen Euro, um an so einem Ort die Infrastruktur zu schaffen?“ Die Sorgen der Bürger müssten ernst genommen werden, fordert Eiberger. Und er spitzt gezielt zu: „Wenn ein Grünzug, der einen Schutzstatus hat, für eine Lea plattgemacht werden darf, warum dann nicht für ein Gewerbegebiet? Dann täten wir etwas für die Wertschöpfungsketten, ohne die wir gar nichts mehr finanzieren könnten. Oder unterscheiden wir jetzt nach guten und schlechten Gebäuden?“

In der Warteschleife

Demo in Tamm
 Die Bürgerinitiative veranstaltet am Mittwoch, 29. März, um 19 Uhr eine Kundgebung auf dem Rathausplatz in Tamm. Dort sprechen neben den Veranstaltern die Bürgermeister Christian Eiberger und Martin Bernhard.

Weitere Zuweisung
 Tamm und Asperg haben den Landkreis gebeten, die Zuweisung Geflüchteter auszusetzen, bis beim Thema Lea Klarheit herrscht. Das gehe nicht, weil das sonst zu Lasten der anderen Kommunen ginge, sagt Landrat Dietmar Allgaier. Tamm bat zudem, die Planung für eine Kreis-Geflüchteten-Unterkunft auf einem Areal beim Tammer Schützenhaus auszusetzen. Diesem Wunsch werde man entsprechen und erst einmal die Entwicklung zur Lea abwarten, so Allgaier.