Mauern verschieben sich, Fassaden reißen, ganze Häuser verdrehen sich. Die Folgen von Erdhebungen in Böblingen sind Foto: factum/Granville

Wegen der spektakulären Schadensfälle ist die Nachfrage nach Geothermie in Baden-Württemberg zusammengebrochen. Andernorts herrscht geradezu Euphorie über die umweltfreundliche Heiztechnik.

Böblingen - Die Branche feiert einen Weltrekord. Dem Unternehmen H. Anger’s Söhne, gegründet 1863 als Brunnenbauer, ist es gelungen, eine Erdwärmesonde in 6400 Meter Tiefe zu versenken. Zwar drang dreimal in der Geschichte ein Bohrkopf tiefer ins Erdreich ein, aber dies zu Forschungszwecken, nicht, um den Temperaturunterschied zur Oberfläche für die Wärmegewinnung zu nutzen.

Solche Meldungen verkündet der Bundesverband Geothermie von seinem Sitz in Berlin aus. Baden-Württemberg ist in ihnen selten erwähnt. In Staufen wurde wegen Erdwärmebohrungen die gesamte Altstadt rissig wurde, in Böblingen ein Wohngebiet mit 200 Häusern. Kleinere Schäden kommen hinzu. Seither brach landesweit das Interesse an der Erdwärme ein.

Nahezu im gesamten Kreis Böblingen sind Tiefbohrungen verboten

Im Jahr 2008 wurden in Baden-Württemberg nahezu 5000 Wärmesonden versenkt. Im ersten Quartal 2017 war diese Zahl noch knapp dreistellig. Das Böblinger Landratsamt meldet sieben Bohrungen für das vergangene Jahr. Die Behörde selbst hatte 2014 Sperrgebiete verfügt und sie später noch ausgeweitet. Nahezu im gesamten Landkreis sind Tiefbohrungen inzwischen verboten. „Baden-Württemberg ist ein etwas schwieriges Feld“, sagt Gregor Dilger, der Sprecher des Branchenverbands Geothermie. „Deutschlandweit geht es wieder ein bisschen voran.“ Bundesweit 17 000 Bohrungen meldete Dilger für 2015. Im vergangenen Jahr waren es immerhin wieder 23 000. Ungeachtet dessen ist die Branche geschrumpft. Wie viele Unternehmen aufgegeben haben, kann Dilger nicht beziffern, aber „es sind weniger geworden“, sagt er, „nach Staufen gab es einen Knick“.

Vor ein paar Tagen hat die Branche wieder den Meister ihrer „Erdwärmeliga“ gekürt. Den Preis gewinnt das Bundesland, das im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Anlagen installiert. Der Sieger ist Brandenburg, bereits zum fünften Mal. Abgesehen von den Hansestädten und der Hauptstadt stehen nur das Saarland und Hessen noch hinter Baden-Württemberg.

München soll zu 80 Prozent mit Erdwärme beheizt werden

Die Stadt München geht geradezu euphorisch in eine mit Erdwärme beheizte Zukunft. Bis 2040 sollen 80 Prozent des Wärmeverbrauchs aus Geothermie-Großkraftwerken stammen. In gut 2500 Meter Tiefe sind große Vorkommen 90 Grad heißen Wassers entdeckt worden, das zum Heizen an die Oberfläche befördert und für Fernwärme genutzt werden kann. Seither wird eine Bohrung nach der anderen niedergebracht. Andernorts ist die Euphorie in Protest umgeschlagen. Im pfälzischen Landau war 2007 ebenfalls ein Erdwärme-Kraftwerk in Betrieb gegangen. Einige Erdbeben, Erdhebungen und sechs Jahre später kämpfte die Stadt selbst für die Stilllegung des von ihr geförderten Projekts, mit Erfolg. Zum Jahreswechsel hat ein Probebetrieb der sanierten Anlage begonnen. Ob sie wieder vollständig ans Netz geht, ist ungewiss. Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat erklärt, Erdwärme-Kraftwerke spielten in ihrer Planung keine Rolle mehr.

Rein rechnerisch ist das Risiko nahe der Null

Dilger macht geltend, dass die überwältigende Mehrzahl der bundesweit rund 370 000 Geothermie-Bohrungen keinerlei Folgen gehabt habe, „aber von denen hört oder liest man natürlich nichts“, sagt der Verbandssprecher. Andere Branchen verursachten größere Risiken. Das Karlsruher Institut für Technologie beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Schadens – speziell für Baden Württemberg – auf 0,002 Prozent und vergleicht sie mit dem Risiko, bei einem Autounfall zu sterben. Diese Wahrscheinlichkeit ist dreieinhalb mal so hoch.

Sogar die Sperrgebiete im Kreis Böblingen stützten solche Entwarnungen. Die Verbotszonen leuchten rot auf der Karte. Die Städte Sindelfingen und Leonberg liegen in ihnen. und von den kleinen Gemeinden Ehningen, Deckenpfronn, Schönaich. Neben der roten Farbe ist ihnen gemein: In allen hat das Landesamt für Geologie Bohrungen registriert – vor dem Verbot.

Aber womöglich wird ein Urteil jede Wahrscheinlichkeitsrechnung zunichte machen. Am Dienstag will das Stuttgarter Landgericht verkünden, ob nicht nur Bohrfirmen für Schäden haften, sondern auch ihre Auftraggeber. Ein solcher Fall wurde bundesweit noch nicht verhandelt. Sollten die Richter die Privathaftung bejahen, riskieren Hauseigentümer im schlimmsten Fall für die Geothermie Millionen.

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