Das lange geplante Großkraftwerk in Bad Urach wird still und leise begraben - mit vielen Millionen Euro und dem Glauben, Geothermie bald in großem Stil nutzbar machen zu können.

Bad Urach - "Bad Urach ist seit vielen Jahren in die internationalen Entwicklungsarbeiten der Hot-Dry-Rock-Technologie (HDR) involviert. Nun geht die Stadt daran, Deutschlands erstes HDR-Kraftwerk zu errichten. (...) Dass Bad Urach nun bei dieser Entwicklung die Nase vorn hat, hat drei gute Gründe: Know-how, Pioniergeist und langer Atem."

Die Pressemitteilung der Geothermischen Vereinigung stammt von April 2002.

Die Pressemitteilung von heute würde lauten: "Bad Uracher Erdwärme-Projekt endgültig gestorben." Nur sagt es die Gemeinde (noch) nicht. Nach Informationen aus dem Bundesverband Geothermie ist es aber wohl so: Die letzte Machbarkeitsstudie vom Bundesumweltministerium und dem Energieversorger EnBW, deren Ergebnisse Ende des Jahres präsentiert werden sollen, kommt demnach zu dem Ergebnis, dass eine wirtschaftliche Nutzung mit Erdwärme und kommerziellem Kraftwerk nicht mehr erreicht werden kann.

Ein Hauptgrund für das Scheitern ist offenbar der abgebrochene Bohrkopf, der seit rund fünf Jahren in einem Bohrloch feststeckt. Dieser verhindert, dass genügend Heißwasser zum Antrieb des Dampfgenerators an die Oberfläche gelangen kann, weil er den Durchmesser des Zylinders zu stark verringert. Selbst wenn - auch mit Strom alleine hätte sich Bad Urach wohl nicht gerechnet, wie die Studie weiter aussagt. Offenbar gab es an Ort und Stelle auch zu wenig Abnehmer für die produzierte Wärme. Zu diesem Ergebnis kam man wohl erst jetzt - 33 Jahre nach den ersten Vorplanungen.

Damals hatte man erkannt, dass die Kurstadt mit der großen Thermalquelle über einen besonders lukrativen, da heißen Untergrund verfügt. Die Temperatur am Fuße der Schwäbischen Alb erhöht sich je 100 Meter Tiefe um fast elf Grad, normal sind drei Grad. Bad Urach, so schien es, ist prädestiniert für Erdwärmenutzung in größerem Stil.

In den 90er Jahren wurden die Pläne für ein Großkraftwerk konkret: Mit Hilfe des Hot-Dry-Rock-Verfahrens ließe sich theoretisch die ganze Kleinstadt mit nahezu CO2-freiem Strom und Wärme versorgen. In der Praxis erwies sich das Vorhaben jedoch als schwieriger als gedacht, obwohl Verantwortliche noch vor kurzem darauf hinwiesen, dass es in Bad Urach, anders als in Staufen und Basel, keine quellenden Anhydridschichten bzw. keinen aktiven Vulkanismus im Untergrund gebe. Im Oberrheingraben hatten Geothermieprojekte für diverse Katastrophen gesorgt - erst bebte in Basel die Erde, dann rissen in Staufen die Häuser. Auch im pfälzischen Landau legten die Betreiber ihr Kraftwerksprojekt vorsorglich auf Eis, nachdem sich im September die Erde in Bewegung gesetzt hatte.

Urach hatte andere Probleme: finanzielle, geologische, technische. Der abgebrochene Bohrkopf war nur der letzte Sargnagel. Jetzt gähnen die Bohrlöcher vor sich hin. Verschlungen haben sie bis heute rund 20 Millionen Euro - aufgeteilt auf Stadt, Land, Bund, EU und private Investoren.

Nach dem Willen der Stadt sollen sie aber auf keinen Fall zugeschüttet werden. Offiziell hält man im Rathaus und bei den Stadtwerken an der noch offenen Machbarkeitsstudie fest. Alternativ wird über anderweitige Energienutzungen in kleinerem Stil nachgedacht. Auf jeden Fall versteht man sich durch die gewonnenen Erkenntnisse weiter als Vorreiter: "Eine erfolgreiche HDR-Forschung würde die Perspektive eröffnen, das Verfahren in weiten Teilen Deutschlands zur Anwendung zu bringen."

Das Bundesumweltministerium, das Urach über die Jahre maßgeblich vorangetrieben hat, äußerte sich auf Anfrage nicht. Wenigstens Horst Kreuter, Vizepräsident des Bundesverbands Geothermie, hat noch Hoffnung für die Branche: "Es gibt weiter zahlreiche vielversprechende Projekte - in Bruchsal oder Unterhaching. Bad Urach hat schon lange keine Rolle mehr gespielt."

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