Die Skyline des modernen Batumi in der Abenddämmerung. Foto: Imago/Frank Sorge

Weil Glücksspiele in Ländern wie der Türkei oder dem Iran weitgehend verboten sind, kommen immer mehr Touristen in die boomende georgische Schwarzmeerstadt Batumi.

Batumi - David Ruebush, 48, kräftig, Kahlkopf, stechender Blick, steht stolz auf dem sandigen, von einem Wellblechzaun eingegrenzten Grundstück, als sei darauf sein neuestes Bauprojekt schon fix und fertig. Er sieht es schon vor sich: Ein luxuriöses Boutique-Hotel mit 64 Zimmern, Fitnessstudio, Spa, Schwimmbecken, Restaurant und Bar. Die Eröffnung von „Ruebush Gardens“ in bester Lage am Meer ist für Anfang 2021 geplant. Ruebusch hat sich für sein Projekt die georgische Stadt Batumi ausgesucht – das Las Vegas des Ostens.

 

David Ruebush ist gebürtiger Texaner. Er verdiente in Amerika einst mit dem Verkauf von Autos übers Internet eine Menge Geld, bis er durch einen Börsencrash alles wieder verlor. Er zog in die Ukraine, baute ein IT-Unternehmen auf. Doch auch dort verlor er alles – durch den Ukrainekonflikt.

Mit seiner ukrainischen Partnerin suchte er nach einem neuen, sicheren Ort zum Leben und fürs Geschäft. Im September 2013 habe er mit Nina das erste Mal Batumi besucht, erzählt er. Als sie ein paar Monate später wiederkamen, um sich in der Schwarzmeerstadt notgedrungen eine neue Existenz aufzubauen, boomte Batumi schon. Die Wachstumsmotoren: Der florierende Tourismus, Hand in Hand mit einem enormen Immobilien-Boom.

Türken, Iraner und Araber umgehen in Batumi islamisches Recht

Alles begann mit den Casinos. Dutzende existieren schon, immer weitere sind im Bau. Dabei gab es in Batumi um die Jahrtausendwende nur zwei große Hotels und einige Pensionen, erinnern sich alteingesessene Bürger von Batumi. Die Kehrtwende erfolgte nach der sogenannten Rosenrevolution 2003: Der ins Amt gewählte Präsident Micheil Saakaschwili erklärte den Tourismus zur obersten Priorität.

Doch warum gibt es ausgerechnet in Batumi im äußersten Südwesten Georgiens einen regelrechten Casino-Boom? Die geografische Lage beflügelt das Glücksspielgeschäft: Denn in den meisten Staaten in der Region, wie in der benachbarten Türkei, dem Iran und Saudi-Arabien, sind Casinos nach islamischen Recht „haram“, also für Muslime religiös strikt verboten. So reisen Türken, Iraner und Araber gerne nach Batumi, um das zu tun, was in ihrer Heimat nicht geht. Und die Zocker sind hochwillkommen: Der Flughafen in Batumi bietet Direktflüge nach Istanbul, Riad sowie Tel Aviv an.

Obendrein ist aber auch Saakaschwilis „Vision einer Glücksspielregion“ für die rasante Entwicklung verantwortlich. Der Hebel dafür: Während die Betriebskonzessionen für Casinos in der Hauptstadt Tiflis umgerechnet rund zwei Millionen Euro pro Jahr kosten, sind sie in Batumi für nur etwa 100 000 Euro pro Jahr zu haben. Wird mit dem Casino auch ein Hotel gebaut, entfällt sie sogar für zehn Jahre. Ferner gelten zusätzliche Steuerbegünstigungen in der Schwarzmeerregion.

Batumi lockt mit subtropischem Klima und Küstenlage

Unterdessen profiliert sich Batumi unabhängig vom Glücksspiel aber auch als Urlaubsort für Paare und Familien, vor allem in den Sommermonaten. Bei den World Travel Awards 2019 wurde die Stadt zum wichtigsten wachsenden Touristenziel Europas erklärt. „Als ich vor fünf Jahren nach Batumi kam, dauerte die Hauptsaison maximal zweieinhalb bis drei Monate. Nun sind wir schon bei viereinhalb Monaten“, erklärt David Ruebush.

Nicht nur die hübsche Altstadt lockt. Das subtropische Klima, eines der längsten Strandstücke in ganz Europa und ein atemberaubender Sonnenuntergang im Schwarzen Meer locken immer mehr Urlauber. Schon jetzt ähnelt Batumis futuristische Skyline jener von Dubai oder Doha am Persischen Golf. Und der Bauboom in Batumi geht weiter – unzählige Baukräne stehen vor allem im Süden der Metropole, am „New Boulevard“. Hier wird Tag und Nacht gearbeitet, auch an Wochenenden. Unermüdlich. Das hehre Ziel: Bis zum Jahr 2022 sollen in Batumi rund 43 000 neue Hotelzimmer entstehen.

David Ruebush öffnet die Tür zu einem Apartment im 20. Stock des Hotelkomplexes „Porta“ im Herzen Batumis. Es ist 40 Quadratmeter groß, hat ein Schlafzimmer, eine Küche, Bad und WC. „Es wurde Anfang 2019 verkauft, an einen Geschäftsmann aus dem Iran, für 100 000 US-Dollar. Die Innenausstattung hat zusätzlich 20 000 US-Dollar gekostet“, offenbart Ruebush. Der Käufer nutzt das Apartment aber nicht selbst. Er verdient damit Geld. Der Deal: Gegen eine Provision vermietet Ruebush das Objekt an Urlauber, kümmert sich zugleich um die Reinigung, Wartung und Instandhaltung der Unterkunft und bezahlt zudem alle Rechnungen für Gas, Strom und Wasser.

Einreisebestimmungen Georgiens sind sehr liberal

Seinen Kunden verspricht Ruebush eine Netto-Rendite von stattlichen rund 13 Prozent pro Jahr. Mehr, als man an vielen Börsen weltweit verdienen kann. Vom Sparbuch ist nicht zu reden. „Das ist konservativ kalkuliert“, sagt Ruebush. „In der Nebensaison kostet dieses 40 Quadratmeter-Apartment im Schnitt 40 US-Dollar pro Nacht, in der Hauptsaison mindestens das Doppelte.“

Der Umstand, dass nicht zuletzt Iraner in Georgien und speziell in Batumi in Immobilien investieren, hat gute Gründe. Georgien hat die wohl liberalsten Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen der Welt. Europäer, US-Amerikaner und Staatsangehörige vieler anderer Länder können 360 Tage visafrei im Land bleiben, Iraner 45 Tage, sogar Staatenlose sind willkommen.

Außerdem ist es in Georgien supereinfach eine Firma zu gründen. Man braucht nur seinen Reisepass und 15 Minuten Zeit. Genauso unbürokratisch ist es, ein Bankkonto in zugleich drei Währungen (neben der Landeswährung Lari noch in US-Dollar und Euro) bei einer georgischen Bank zu eröffnen. Auch dafür werden nur Reisepass und etwa 15 Minuten Zeit benötigt.

So wundert es nicht, dass Georgiens Wirtschaft kräftig wächst, zuletzt um 4,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist landesweit auf 12,7 Prozent gesunken. In der Boomtown Batumi kann der Personalbedarf besonders auf dem Bau, in den Hotels und der Gastronomie nur dank der Arbeitskräfte aus dem Ausland gedeckt werden. Speziell in Batumi wimmelt es von Ukrainern. Sie sind gefragte Handwerker und eröffnen Restaurants.

Auch das alte, arme Batumi gibt es noch

Es existiert zwar auch noch das alte, arme Batumi. Da, wo junge Georgier zwischen tristen, verfallenen Hochhäusern aus Sowjetzeiten zur Abwechslung kicken und Applaus von auf ihren winzigen Balkonen sitzenden Zuschauern ernten. Was aber überwiegt, sind rosige Aussichten – nicht zuletzt für David Ruebush. Die 64 Apartments in seinem neuen Prestigeprojekt „Ruebush Gardens“ in Batumi stehen bereits zum Verkauf, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist. Das günstigste mit 32,4 Quadratmetern ist für 70 278 US-Dollar zu haben, das teuerste mit 108,4 Quadratmetern für 265 728 US-Dollar.

Ist das alles nicht eine gigantische Blase in einem Schwellenland wie Georgien, die irgendwann platzen wird? Der Texaner hält kurz inne. Er sehe zwar die Gefahr, sagt er dann. Er habe aber keinen Zweifel daran, dass er alle Apartments in seinem neuen Prestigeobjekt am Botanischen Garten zügig verkaufen werde. „Ich habe Kunden aus der ganzen Welt, viele Europäer, US-Amerikaner, Australier, sogar Inder.“ Erst kürzlich habe er sich mit einem deutschen Kunden vor Ort in Batumi getroffen.

In seiner Heimat USA sei der Geschäftsmann jedenfalls schon lange nicht mehr gewesen. In Batumi, seiner prosperierenden Wahlheimat, die mittlerweile rund 200 000 Einwohner zählt, habe er eben alle Hände voll zu tun. Gerade hat der 48-Jährige seine neuen Büros im Zentrum Batumis eingeweiht. Seine Firma hat schon 30 Angestellte. Ruebush lächelt: „Ich bin zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Das macht mich sehr glücklich.“ Seine große Hoffnung: Dass ihm nicht wieder ein Börsencrash, ein Krieg oder andere Unwägbarkeiten einen Strich durch die Rechnung machen.